Samstag, 24.10.2020
 

Literatur | Beitrag vom 28.06.2020

Verteidigung einer ObsessionDer Lolita-Komplex

Von Dagmar Just

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Schwarzweiss Fotografie von Sue Lyon in der Lolita-Verfilmung von Stanley Kubrick aus dem Jahr 1962. (Getty Images / Corbis / John Springer Collection)
Sue Lyon in der Rolle von Dolores „Lolita“ Haze, 1962 (Getty Images / Corbis / John Springer Collection)

Der Skandal gehört zur Kunst im 20. Jahrhundert wie die Sahne zur Torte. Der Bestseller „Lolita“ ist solch ein Tabubruch: Ein 37-Jähriger liebt eine Zwölfjährige. Das regte auf und wurde bewundert. Und heute - Machwerk oder Meisterwerk?

Die schnellsten Reaktionen sind nicht immer die haltbarsten. Eben ist Vladimir Nabokovs Roman "Lolita" in einem kleinen Pariser Verlag erschienen, da wettert ein Leser: "Zweifellos das dreckigste Buch, das ich je gelesen habe. Reine hemmungslose Pornographie. Seine Hauptfigur ist ein perverser Kerl, der eine Leidenschaft für Nymphetten hat, wie er sie nennt. Das, erklärt er, sind Mädchen zwischen 11 und 14. Das ganze Buch ist einer erschöpfenden, ungebremsten und absolut widerlichen Beschreibung seiner Machenschaften und Erfolge gewidmet. Gedruckt ist es Frankreich. Jeder, der es hierzulande verlegte oder verkaufte, würde mit Sicherheit ins Kittchen kommen."

Schwarzweiss Fotografie zweier Männer in einer Londoner Buchhandlung. In den Händen halten beide ein aufgeschlagenes Exemplar des Romans "Lolita", 1959. (Getty Images / Corbis / Hulton-Deutsch Collection)Ende der 1950er Jahre stieß das "Skandal"-Buch "Lolita" auf reges Interesse. (Getty Images / Corbis / Hulton-Deutsch Collection)

Der Autor dieser Verdammung, John Gordon, ist Chefredakteur der britischen Boulevardzeitung "Sunday Express" und als solcher in moralischen Fragen zweifellos eine unfehlbare Instanz. Sein Urteil aus dem Jahr 1955 hätte der Anfang von sich immer weiter verzweigenden juristischen Scharmützeln bedeuten können, das Aus für das Buch, den ökonomischen Bankrott des Verlags  und den moralischen des in die USA exilierten russischen Autors. Doch es kommt anders.

Wacklige Füße

Oder nein, erst einmal kam es so, wie nicht nur John Gordon forderte: Die französische Ausgabe der "Lolita" wurde verboten, allerdings nicht allein, sondern gemeinsam mit allen 24 lieferbaren Titeln der auf englischsprachige Erotica spezialisierten Pariser Olympia Press. Das Verbot stand jedoch auf wackligen Füßen, und "Lolita"-Herausgeber Dieter E. Zimmer zeichnet in seinem Nachwort genüsslich nach, wie die europäischen Verleger, unter ihnen auch ein französischer, reagieren: Sie geben in aller Ruhe Übersetzungen in Auftrag.

Die nordamerikanischen Behörden sehen ebenfalls keinen Grund zur Besorgnis. 1958 erscheint "Lolita" in den USA, stürmt die Bestsellerlisten und erregt weiter: nicht nur die Gemüter, auch manch anderes, handgreiflicheres, wie die Gemüter befürchten. Der Skandal, ein rechter "Wirbelsturm", nimmt seinen Lauf. Dass zu dieser Zeit die Jugend nicht zuletzt in den Städten und durch Musik von sich reden macht, dass sich ein grundlegender Sittenwandel vollzieht, beeinflusst das Urteil über "Lolita" natürlich.

MeToo, Lolita!

Und wie sieht es heute aus, in Zeiten von MeToo und massenhaftem Missbrauch in kirchlichen, kommunalen, staatlichen Institutionen? In Zeiten eines neuerlichen Sittenwandels, in dem der Schutz von Minderjährigen und Schwächeren im Vordergrund steht, in dem die einfache Lösung Konjunktur hat und nicht die Ambivalenz, die Irritation, das Widersprüchliche? Dagmar Just über Lesarten eines berühmten Romans zwischen Kunst und Pädophilie, Meisterwerk und Machwerk.

(pla)

Das Manuskript zur Sendung können Sie hier herunterladen.

Es sprechen: Tonio Arango, Sabine Falkenberg, Ingo Hülsmann, Matthias Karow, Max von Pufendorf und Fine Sendel
Ton: Jan Fraune
Regie: Clarisse Cossais
Redaktion: Jörg Plath

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