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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.09.2005

Versunkene Berliner Kaffeehauskultur

Jürgen Schebera: "Damals im Romanischen Café"

Von Jens Brüning

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Berlin, Brandenburger Tor bei Nacht (Deutschlandradio)
Berlin, Brandenburger Tor bei Nacht (Deutschlandradio)

In den so genannten Goldenen Zwanzigern gab es eine Fülle von ihnen in Berlin: Künstlertreffpunkte wie das Romanische Café oder das Café Größenwahn. Alle sind sie hingegangen: Kästner und Kisch, Liebermann und Lenya, Oppenheimer und Orlik. Ein unterhaltsamer Führer in die Vergangenheit - mit seltenen Bildern illustriert.

Das Romanische Café gegenüber der Gedächtniskirche war der bekannteste Künstlertreffpunkt. Es gab in den zwanziger Jahren eine Vielzahl solcher Künstler-Wohnstuben. Eine vollständige Darstellung hätte den Umfang eines mehrbändigen Lexikons. Jürgen Schebera beschränkt sich in seinem mit vielen seltenen Bildern illustrierten Buch auf die wesentlichen Etablissements: Das legendäre Café Größenwahn als Urzelle aller Berliner Caféhäuser darf nicht fehlen. Neben dem Romanischen waren Schwannecke und Mutter Maenz ebenso beliebt wie das Restaurant Schlichter, wo die Theaterleute sich mit den Malern und Schriftstellern mischten und an dessen Tischen aus der Idee eines aus der bayerischen Provinz zugereisten Autors der Welterfolg "Dreigroschenoper" wurde. Schließlich wird der Überblick perfekt durch Erinnerungen an die feineren Häuser, Eden, Adlon und Kempinski, wo die besseren Herrschaften, mit ihren Nobelpreisurkunden als Tischkarte, Hof hielten. Jürgen Schebera:

" Ich möchte einfach Appetit machen. Ich hab es auf dem Kaffeetisch liegen, ich blättere darin, ich freue mich an schönen Bildern, aber dann soll von diesem coffeetablebook der Funke übergehen. Dann soll das Interesse geweckt sein und dieses ungeheure Berlin der zwanziger Jahre, diese Kultur, die nie wiederkommen wird, weil der ganze jüdische Beitrag zu dieser Berliner Kultur der zwanziger Jahre im Holocaust untergegangen ist. Aber ich wünschte mir, dass Anstöße kommen für eine heutige Berliner Caféhauskultur."

In den achtziger Jahren gab es noch Menschen, die sich an die große Zeit der Berliner Caféhäuser erinnern konnten. Elga Jacobi zum Beispiel. Sie war damals in Westberlins Kulturszene eine schillernde Figur. Als sie noch jung war, ging sie ins Romanische Café:

" Da trafen sich alle: Maler, Bildhauer, verkrachte Existenzen. Und all die ganz berühmten Künstler und Schriftsteller, Max Brod und Tucholsky, alles, was Klang und Namen hatte im damals literarischen und künstlerischen Leben, die verkehrten einfach im Romanischen Café. Es war eine ganz geschlossene Gemeinschaft und auch ein ganz bestimmter Typ von Mensch verkehrte da. Und das hat mich angezogen, schon als junger Mensch. Das war meine Welt."

Diese Welt ist untergegangen. Dort, wo das Romanische Café stand, ragt seit 40 Jahren das langweilige Europa-Center empor. In den zwanziger Jahren ging man ins Café, um zu sehen und gesehen zu werden, um einen Auftrag für ein Buch, einen Artikel oder ein Gemälde zu bekommen, um in der Zeitung zu lesen, was die Kritiker von einem hielten oder was es wieder ungeheuer Aufregendes auf der Welt gab. Zuallerletzt ging man ins Café, um Kaffee zu trinken. Auch das eine versunkene Kultur, meint Jürgen Schebera:

" Die Zeitungen aus aller Welt finden Sie heute auch wieder da hängen. Ich glaube allerdings, dass kommerzielle Zwänge es heute verhindern, dass ich dort sechs Stunden bei einer Tasse Kaffee sitze und zwanzig Zeitungen lese. Ich denke, nach zwei Stunden werde ich doch einen Wink bekommen, wenn Sie nicht einen zweiten Kaffee ordern, war’s das wohl jetzt."

Das Romanische Café lebte geradezu von den Hungerleidern, die sich über Stunden an ihrem Erstgetränk labten. Stadtrundfahrten machten hier halt, und die Landeier strömten durch das Lokal, um die Bohemiens zu bestaunen. Stammgast und Komponist Friedrich Hollaender nahm das Romanische in sein Repertoire auf. Texte aus seiner Revue "Bei uns um die Gedächtniskirche rum" sind in Jürgen Scheberas Buch zu finden:

" (Musik) Bei uns um die Gedächtniskirche rum / Ist der Verkehr fürs Publikum geregelt! / Dort steht der Sipo und notiert sich stumm, / Mit wem Herr X in seinem Chrysler segelt."

Die Nahtstelle zwischen Kudamm und Tauentzien war in den zwanziger Jahren nicht nur für Caféhausgänger angesagt.

" (Musik) Dort sieht er für Gemüt und Bett, / teils knabenhaft, teils Gänsefett, / Teils im Sopran, teils im Falsett, / Die angemalten Frau’n zieh’n. / "Palais am Zoo", der letzte cri / Für die Kurfürstendammer. / Für Nervenstarke vis-a-vis / Romanische Schreckenskammer."

Dort hatten sie ihre Auftritte, die Berühmten und die Berüchtigten. Zu letzteren zählte ein Multitalent: Der Mann zeichnete und dichtete und ging im Romanischen Café seinem Brotberuf nach:

" John Höxter, auch heute nicht mehr bekannt, der schon im Café des Westens als der Edelschnorrer bekannt, berühmt und geliebt war, also man gab sehr gerne Höxter die zehn Pfennig oder zwanzig Pfennig, die er schnorren kam, und ich zitiere auch einen sehr schönen Tagesablauf aus dem Romanischen, der das so nach Stunden aufführt, und immer wieder an das Ende der Rubrik schreibt: Elf Uhr, Höxter kassiert seine zwanzig Pfennig, dreizehn Uhr, Höxter kassiert seine zwanzig Pfennig."

Das Schnorrerprotokoll ist vom Stammgast Paul Marcus, damals Feuilletonist beim 12-Uhr-Blatt. Friedrich Hollaender hat John Höxter musikalisch verewigt:

" (Musik) Ich pendle langsam zwischen allen Tischen. / Ab zwanzig Uhr beherrsch ich dieses Reich. / Ich will mir einen edlen Gönner fischen / Vor mir sind Rassen und Parteien gleich. Irrenärzte, Komödianten, / Junge Boxer, alte Tanten / Jeder kommt mal an die Reihe / Jeder kriegt von mir die Weihe: / Könn’se mir fumpfzig Pfennje borgen? / Nur bis morgen? / Ehrenwort!"

"Damals im Romanischen Café" bietet Stadtgeschichte, Kulturgeschichte, Geistesgeschichte. Ein Buch voller Anekdoten, Erinnerungen und Bilder. Es gehört in die Nachbarschaft der Berlin-Bücher von Walther Kiaulehn und Paul Marcus. Da man heute nicht mehr voraussetzen kann, dass die in jedem Bücherschrank stehen, ist Jürgen Scheberas spannendes Kaleidoskop einer untergegangenen Kultur immerhin ein Anfang.

Jürgen Schebera: "Damals im Romanischen Café" erscheint im Verlag Das Neue Berlin. Das Buch hat 192 Seiten, ist reich illustriert und kostet 12.90 Euro.

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