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Rang I | Beitrag vom 29.02.2020

Verstörendes Video von Casting bei Milo RauSchwieriger Balanceakt zwischen Kunst und Machtmissbrauch

Von Dorothea Marcus

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Milo Rau im Schneidersitz auf dem Boden sitzend (imago images / Sabine Gudath)
Der Theatermacher Milo Rau steht dafür, bei seinen Inszenierungen Grenzen bewusst zu überschreiten. (imago images / Sabine Gudath)

Theatermacher Milo Rau versteht sich als bekennender Feminist. Ein Videoschnipsel von einem Casting erweckt nun einen anderen Eindruck, der Regisseur widerspricht. Die Grenze zum Machtmissbrauch ist ein schwieriger Balanceakt.

Milo Rau ist Aktivist, Theaterregisseur und Intendant des Niederländischen Theaters Gent in Belgien. Theater dient für ihn bekanntlich dazu, die Welt zu verändern, dafür ist er unter anderem in den Kongo, den Irak, auf süditalienische Tomatenplantagen gereist.

In Berlin veranstaltete er eine Generalversammlung, um die kapitalistischen Ausbeutungssysteme der Welt zur Rechenschaft zu ziehen, gerade gründet er eine Art "Schule des Widerstands".

Und: Milo Rau ist bekennender Feminist. Umso verstörender, als im vergangenen November im belgischen Fernsehen eine Dokumentation über die Probenarbeiten zu "Lamm Gottes" lief, Milo Raus Antrittsinszenierung für seine Intendanz am NT Gent. Darin: eine Casting-Szene, in der er eine junge Frau mit viel Druck aufgefordert wurde, sich auszuziehen. Ein isolierter Ausschnitt, der einmal mehr zur Reflexion über Machtstrukturen im Theater einlädt.

Umstrittene Casting-Szene

Zwei Männer, um die 40 Jahre alt, sitzen vor einer Frau Anfang 20. Würde es Dir etwas ausmachen, dich auszuziehen, fragt der Regisseur.

Die junge Frau lacht verlegen und sagt, sie würde das lieber auf einer Bühne tun – mit mehr Menschen um sie herum. "Ist das nicht Bühne genug?" insistiert Milo Rau. Und fügt hinzu: "Die meisten anderen haben es auch getan. Ich kann immer zurückgehen. Ich machte mehr einen Witz." Verlegenes Lächeln.

Als sie sich windet, dreht sein Dramaturg Stefan Bläske mit sanfter Stimme die Schraube an. Würdest du es nicht bereuen, die Gelegenheit nicht wahrgenommen zu haben, Deine Komfortzone zu verlassen?

Das erschrockene Gesicht der jungen Frau spricht Bände: Hier herrscht eine asymmetrische Machtsituation, eine junge Schauspielerin wird offenbar auf die Probe gestellt: Wie weit würde sie für ihre Karriere gehen?

Isoliert betrachtet, erscheint die Szene aus dem Dokumentarfilm "Anbetung", der die Proben Milo Raus für "Lamm Gottes" begleitet, wie eine MeToo-Situation: Ein mächtiger Regisseur und sein Dramaturg erlauben sich eine Grenzüberschreitung – weil sie es können, aufgrund der Machtverteilung im Raum. (*)

Video-Schnipsel zugespielt

Genau so wurde das Video als Zweiminutenschnipsel vergangene Woche an die Redaktion von Deutschlandfunk Kultur geschickt. Offenbar wollte hier jemand ein anderes Licht auf einen der bekanntesten Regisseure der deutschsprachigen Theaterlandschaft werfen.

Mit mehr Kontext stellt sich die Sache etwas anders dar: Die Szene aus dem Making-of-Film der Proben, co-finanziert und unzensiert stehengelassen vom NT Gent selbst, ist hart geschnitten. Sie war Teil eines mehrtägigen Castings, Teil einer längeren Unterhaltung mit der jungen Frau, die darin sagt, sie wollte das Vorsprechen als eine Art Mutprobe sehen.

Schon in der Anzeige stand, dass die Eva-Darstellerin nackt auf der Bühne sein würde. Die Frau hätte wissen können, dass Milo Rau bekannt dafür ist, in seinen Inszenierungen an Grenzen zu gehen, extreme Emotionen zu re-enacten, Realität und Fiktion verschwimmen zu lassen. Dass er die letzten Dinge liebt, Situationen besessen und – vielleicht auch etwas größenwahnsinnig – auf die Spitze treibt.

Workshops zu Machtmissbrauch 

Dass dabei Missverständnisse entstehen, ist vermutlich unvermeidlich. Dass sie populistisch verkürzt benutzt werden können, um ihm zu schaden, vielleicht auch. Wie also umgehen mit diesem Balanceakt aus künstlerischem Grenzgang und Missbrauch?

In einem internen Papier, das Rau und Bläske nicht zur Veröffentlichung vorgesehen hatten, dass sie aber zum Zitieren frei geben, schreiben sie: "Der Ausschnitt, der jetzt zirkuliert, wirkt verstörend und schmerzhaft". So zugespitzt und kontextfrei gebe er aber einen falschen Eindruck wider. Dennoch: Sie hätten sich bei der jungen Frau entschuldigt, die das Casting allerdings nicht als problematisch empfand.

Sie schickten ihr trotzdem den Kontakt von "Engagement Arts", einem belgischen Verein gegen Sexismus im kulturellen Sektor. Zudem planen sie am NT Gent nun interne Workshops über Machtstrukturen und Machtmissbrauch.

Vielleicht ist es das, was man daraus mitnehmen kann: Extreme Kunst kann schmerzhaft sein. Die Grenze zum Machtmissbrauch ist fließend. Das Beste ist wohl, das transparent, kommunikativ und selbstkritisch zu reflektieren.

(*) Der Autorin ist wichtig, hinzuzufügen: Die mit drei Kameras gefilmte Casting-Situation bestand nicht nur aus Regisseur und Dramaturg sowie junger Frau allein. Im Raum waren zudem eine Dramaturgin, ein Filmteam, JournalistInnen und Techniker. Es handelt sich also nicht um eine isolierte Dreiersituation, wie missverständlich aus dem Beitrag hervorgehen könnte, sondern um eine Situation mit (auch weiblichem) Publikum. 

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