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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 10.09.2021

Versöhnungstag Jom Kippur und "Unetane Tokef"Das Gebet, das Leonard Cohen zu einem Song inspirierte

Von Igal Avidan

Schwarzweißfoto von Leonard Cohen, der nachdenklich und Gitarre spielend auf einer Bühne steht (picture alliance/Keystone/Str)
Leonard Cohen, live 1974. Im selben Jahr erschien sein Song "Who By Fire". Er entstand, nachdem Ägypten und Syrien Israel überfallen hatte. (picture alliance/Keystone/Str)

Das 1000 Jahre alte Gebet "Unetane Tokef" wird im aschkenasischen Gottesdienst zu den jüdischen Hohen Feiertagen gesprochen. Auch inspirierte es Leonard Cohen zu einem Song. Der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff erzählt, wie es dazu kam.

Das liturgische Gebet "Unetane Tokef" bedeutet "Lasst uns von der Großartigkeit sprechen". Es beschreibt die Inthronisation Gottes auf seinem himmlischen Sitz, wo Gott Ankläger, Zeuge, Sachverständiger, Sekretär, Richter und Unterzeichner ist. Der Allmächtige wird im Gebet als ein Gott gepriesen, der will, dass die Bösen Buße tun und nicht sterben.

Diese Worte spricht zu Rosch Haschana und Jom Kippur auch Jeremy Issacharoff, Israels Botschafter in Deutschland:

"Am Rosch Haschana wird man eingeschrieben und am Jom Kippur besiegelt:
Wie viele hinübergehen und wie viele geboren werden,
wer leben wird und wer sterben,
wer zu seiner Zeit und wer vor seiner Zeit,
wer durch Wasser und wer durch Feuer…."

Der Legende nach: ein Gebet unter Qualen

Im 12. Jahrhundert schrieb der Rabbiner Ephraim aus Bonn, der die Kreuzritter-Massaker an Juden dokumentierte, "Unetane Tokef" dem Rabbiner Amnon zu, der im Mainz des 11. Jahrhunderts lebte. Amnon, hieß es, wäre ein reicher Mann, stammte aus einer würdigen Familie und galt als der größte Weise seiner Generation.

Der Bischof von Mainz hätte daher versucht, ihn zum Christentum zu überreden. Doch Amnon weigerte sich. Eines Tages wäre der christliche Herrscher so hartnäckig gewesen, dass Amnon ihn bat, ihn drei Tage darüber nachzudenken zu lassen.

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Der Judaist Andreas Lehnardt von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz erklärt:

"Man hat ihn aufgefordert, sich taufen zu lassen. Das hat er abgelehnt. Daraufhin hat man ihn dann gefoltert und hat ihn, nachdem man ihm die Gliedmaßen abgetrennt hat, in die Synagoge getragen. Dort hat er dann angeblich das Gebet 'Unetane Tokel' gesprochen, ein Bekenntnis zu Gott, dessen Gericht immer gerecht ist."

Damit wollte er am jüdischen Neujahr Rosch Haschana Gottes Namen heiligen, bevor er sich ins Paradies verabschiedete – so im historischen Text. Auch wenn Amnon niemals existierte, was manche Historiker bezweifeln, steht sein Gebet für die vielen Juden, die – gerade in der Zeit der Kreuzzüge – lieber starben, als sich taufen zu lassen.

Vom Versöhnungstag zur Benefizgala

Dieses kraftvolle Gebet macht auch Israels Botschafter Jeremy Issacharoff nachdenklich: Was hat er falsch gemacht und was lief richtig im Laufe des Jahres?

"Obwohl ich kein religiöser Mensch bin, durchdringt es meinen Sinn für das, was vor mir liegt und was alles noch passieren könnte. Ich habe immer geglaubt, dass das Schicksal einen dazu führt, bestimmte Dinge zu tun und das, obwohl jeder einen freien Willen hat."

Über dieses Gebet unterhält sich Jeremy Issacharoff 1972 in London mit dem Sänger und Dichter Leonard Cohen. Issacharoff plant als junger Student mit einem Freund ein Benefizkonzert für Israel – ausgerechnet im Wembley Stadion. Sie hoffen, einen Pop- oder Rockstar zu gewinnen und suchen daher Ringo Starr, Eric Clapton, Stephen Stills und schließlich auch Leonard Cohen auf.

"Unsere Idee interessierte ihn eigentlich, aber er war am Ende einer Europa-Tournee und hatte seine Musiker bereits verabschiedet. Wir sprachen über Israel und über Musik. Ich spielte Gitarre und gern auch die Lieder von Leonard Cohen – ‚Suzanne‘, ‚A Bird on a Wire‘, später auch ‚Who by Fire‘ und sein fantastisches Lied ‚Halleluja‘. Ich höre diese Songs immer noch oft und finde jedes Mal eine neue Bedeutung.

Wir sprachen wohl über das Leben als Juden in England und jüdisches Leben allgemein, als er auf einmal das Gebet erwähnte, das wir an Jom Kippur und Rosch Haschana sprechen. Er sagte, er konnte sich daran erinnern und denke viel darüber nach.

Dann fragte er, ob wir zufällig den Text dabei hätten. Damals hatte man nicht die Möglichkeit, das gleich auf dem Smartphone zu googlen. Wir sagten, wir könnten es definitiv auftreiben und ein, zwei Tage später brachten wir ihm das Gebetbuch für Rosch Haschana und Jom Kippur in die Wohnung."

Als Ägypten und Syrien Israel überfielen

Als Juden am Versöhnungstag Jom Kippur 1973 in Israel dieses Gebet sprachen, wurde Israel von Ägypten und Syrien überfallen. Zu dem Zeitpunkt befand sich der international renommierte Singer-Songwriter Leonard Cohen in Tel Aviv. Ein israelischer Musiker konnte ihn dafür gewinnen, vor den Soldaten in der Sinai-Wüste aufzutreten, was er zwei Monate lang auch getan hat.

Seine Auseinandersetzung mit Gott vor dem Hintergrund des Krieges und zugleich mit dem Gebet "Unetane Tokef" verarbeitete Leonard Cohen in seinem 1974 erschienenen Song "Who By Fire":

"And who by fire, who by water.
Who in the sunshine, who in the night time.
Who by high ordeal, who by common trial,
Who in your merry merry month of may,
Who by very slow decay,
And who shall I say is calling?"

"Und wer durch Feuer, wer durch Wasser, wer im Sonnenschein, wer in der dunklen Nacht, wer auf höchsten Befehl, wer durch kurzen Prozess, wer im schönen Monat Mai, wer durch langsamen Verfall und wer, soll ich sagen, ruft sie?"

Als er diesen Song zum ersten Mal hörte, war Jeremy Issacharoff ziemlich erstaunt, dass er dabei eine kleine Rolle gespielt hat:

"Es war irgendwie aufregend, zu dessen Entstehung ein wenig beigetragen zu haben. Das machte uns überglücklich. Wobei der ganze kreative Prozess allein seiner war. Das Lied bewegte mich nicht nur, weil ich Leonard Cohens Musik liebe, sondern auch als jemand, der stolz ist auf sein jüdisches Erbe und die Identität, die Cohen so klar zum Ausdruck brachte."

Zu dieser Identität gehört es, den zufälligen, sinnlosen Tod zu hinterfragen und sich mit der höheren Instanz auseinanderzusetzen, die bestimmt, wann die Menschen aus dem Leben scheiden. Jeremy Issacharoff traf Leonard Cohen nur noch einmal.

"Er war zusammen mit einem buddhistischen Mönch, der kaum etwas sagte. Das war in einem Londoner Hotel und zwischendurch fragte Cohen uns nach dem Sinn unseres Lebens. In jener Lebensphase hat er sich in Fragen der Seele vertieft. Ich war wirklich stolz Leonard Cohen getroffen zu haben."

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