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Feiertag - Kirchensendung / Archiv | Beitrag vom 25.05.2014

Versöhnung"Peace-Train"

Mit dem Friedenszug nach Korea

Von Pfarrer Johannes Meier, Sontra

Südkoreanische Kinder mit Papierfahnen warten am 9.5.2011 im Schloss Bellevue in Berlin auf den südkoreanischen Präsidenten Lee Myung Bak und seine Frau Kim Yoon-ok. (picture-alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Kinder mit den Nationalflaggen Südkoreas und Deutschlands im Schloss Bellevue in Berlin (picture-alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

60 Jahre währt die Teilung von Süd- und Nordkorea. Das wiedervereinigte Deutschland gilt besonders den koreanischen Christen als Vorbild: Wie einst ihre ostdeutschen Glaubensgeschwister wollen auch sie sich für eine friedliche Überwindung der Teilung ihres Landes stark machen.

Im Oktober 2013 begebe ich mich auf eine merkwürdige denkwürdige Pilgerschaft: Nicht zu Fuß, sondern mit dem Zug soll es von Berlin aus rund 11.000 Kilometer gen Osten gehen – bis zur geteilten Koreanischen Halbinsel. Organisiert wurde diese Reise von der Gemeinschaft christlicher Kirchen in Korea.
Berlin ist Sehnsuchtsort für viele Koreaner: Könnte was hier am 9. November 1989 geschehen ist nicht irgendwann einmal auch in ihrer Heimat Wirklichkeit werden? Mit ihren traditionellen Trommeln eröffnen sie einen Festgottesdienst am Brandenburger Tor. Generalsuperintendentin Ulrike Trautwein macht den koreanischen Friedenspilgern Mut:

Ulrike Trautwein, Generalsuperintendentin EKBO: "Liebe Schwestern und Brüder! Wir hier haben erlebt das Unglaubliches geschehen kann: Mauern fallen, Wunder sind möglich! Halten sie diese Hoffnung in ihren Herzen fest. Möge der Peace-Train große Aufmerksamkeit finden und alle Menschen mitnehmen auf dem Weg des Friedens."

Mit dem Zug wollen sie vom wiedervereinigten Berlin bis zur geteilten Koreanischen Halbinsel fahren. Die Transsibirische Eisenbahn soll so zum Peace-Train werden, zum Friedenszug für eine gut 100-köpfige Reisegruppe von Christen aus aller Welt.

Daniel Jung, ev. Theologiestudent: "Das ist ja die Szenerie schlechthin! Das wir diesen Platz bekommen haben, also hier, also an einem Ort wo Einheit zum ersten Mal Wirklichkeit wurde. Das ist die einzige Stadt auf der Welt die jemals getrennt war und wiedervereinigt wurde. Wir hatten zu Hause ein Stück von der Mauer – aber ich wusste halt nie was das bedeutet. Das hab ich erst nochmal durch mein Jahr in Korea begriffen, weil es echt... Es gibt Menschen, die immernoch Geschwister oder teilweise noch Eltern haben, die im Norden leben und sie seit Jahren oder noch nie gesehen haben."

Theologiestudent Daniel Jung wurde vor 29 Jahren in Deutschland geboren – als Sohn koreanischer Eltern. Ute Nies lebt als Pfarrerin in Eisenach:

Ute Nies, ev. Pfarrerin i.R.: "Ich verstehe die Sehnsucht der Koreaner nach Frieden, nach Gerechtigkeit und deshalb ist das heute Abend mit ganz viel Hoffnung beladen und auch mit der Freude hier dabeisein zu können und im Zug noch viel Zeit zu haben von den mitfahrenden Gästen aus 15 Nationen noch etwas zu erfahren. Als die Mauer fiel, hat man immer nur sagen können: »Wahnsinn!« – Und dieses Wort kommt mir jetzt so wieder: Wahnsinn!"

Die »wahnsinnige« Idee des Peace-Train stammt von Young Ju Kim, dem Generalsekretär der Vereinigung christlicher Kirchen in Korea.

Rev. Young Ju Kim, Generalsekretär NCCK: "Die Teilung des Landes entstand durch den Korea Krieg. Wegen der Teilung erleben wir gegenseitig tiefe Konflikte und Streitigkeiten im Land. Wir glauben, dass der Peace Train eine gute Gelegenheit sein kann, dass sich Norden und Süden versöhnen. Wir wollen uns darum bemühen, dass die koreanische Halbinsel gemeinsam mit der Welt ›aufatmen‹ kann und ein friedliches Land wird."

Die Friedenspilger sind sich einig: Echter »Wahnsinn« sind allein die Mauern und Zäune, mit denen Menschen von Menschen getrennt werden. Für manche von Ihnen verläuft solch eine Grenze auch mitten durch die eigene Familie: Auf der Flucht in den Süden wurde Kwangsam In einst von ihren beiden Schwestern getrennt. Sie blieben zurück im Norden.

Kwangsam In, Rentnerin: "Das ist sehr, sehr traurig. Da muss ich an meine ganze Verwandschaft und an meine zwei Schwestern in Nordkorea denken. Als meine Eltern in den Süden geflohen sind, war ich erst ein Jahr alt, ich konnte noch nicht laufen und meine Mutter hat mich auf dem Rücken getragen. Deswegen, denn meine Schwestern die waren schon 4 und 6 Jahre alt und die waren bei den Großeltern und die Großeltern wollten noch eine Nacht länger bleiben und schlafen. Und das war die Ursache dafür, dass wir für immer getrennt wurden. Und meine Eltern wussten das auch nicht, dass sie für immer getrennt werden würden."

Dreiundsechzig Jahre liegt die Fluchtnacht zurück, inzwischen ist Kwangsam In Rentnerin, als Krankenschwester kam sie 1967 nach Deutschland. Mit dem Friedenszug möchte sie zurückkehren und endlich ihre Schwestern wiedersehen.
Generalsekretär Young Ju Kim kennt das Leid seiner Landsleute. Christen dürfe so etwas nicht gleichgültig sein, meint der Pastor.

Rev. Young Ju Kim, Generalsekretär NCCK: "Wir als Christen stehen im Zentrum von Nord- und Südkorea, und müssen in unserer Rolle des Versöhners die Trennung überwinden. Ich denke, dass die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland zwar auch eine politische und staatliche Wiedervereinigung war, vor allem aber war es eine Wiedervereinigung der Menschen in Ost und West. Deshalb ist es wichtig, dass die Kirchen in Nord- und Südkorea ebenfalls eine Rolle einnehmen, die die Menschen wieder miteinander vereint."

Vom Berliner Hauptbahnhof aus soll die Botschaft von Versöhnung und Wiedervereinigung bis nach Pjöngjang und Seoul dringen. Doch der Peace-Train startet mit Verspätung.

Daniel Jung, ev. Theologiestudent: "Wir sitzen hier seit zwei Stunden am Bahnhof, weil wir dachten der Zug fährt um 9 Uhr und weil die von der Deutschen Bahn uns gesagt haben, wir fahren um 21.18 Uhr und das ist alles... Egal, besser zu früh als zu spät. Oh, ist schon gleich Zehn, wir fahren gleich los. Aber ich bin froh, dass wir jetzt alle hier sind, hoffentlich, mit Essen und voller Engagement und voller Spirit gleich den Zug besteigen."

Gut drei Wochen lang werden sie unterwegs sein, rund 11.000 Kilometer und sieben Länder gilt es zu durchqueren bis zum Ziel: Busan, die zweitgrößte Stadt Südkoreas. In der Küstenmetropole tritt dann die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen zusammen, die größte Christenkonferenz der Welt. Hier wollen die Peace-Train-Pilger mit ihrer Fahrt ein Zeichen setzen.

Der zweite Tag im Friedenszug. Langsam geht es durch Polen und Weißrussland. Mit dem Flugzeug wäre man schon längst in Korea angekommen. Doch die Idee der Wiedervereinigung braucht einen langen Atem. Da passt ein Peace-Train irgendwie besser als ein Peace-Plane, findet Dekan Rainer Lamotte.

Rainer Lamotte, ev. Dekan i.R.: "Vielleicht hat das was mit dem Tempo zu tun. Das wir erstens sehr viel Grenzerfahrung schaffen, ich habs nicht gezählt, aber wir reisen ja durch sechs oder sieben Länder und wenn es denn klappt die Grenze zwischen China und Nordkorea zu überqueren und damit auch die Grenze von Nordkorea nach Südkorea... Also das macht schon Sinn."

Die erste Etappe ist gleich überstanden: Der Peace-Train macht Station in Moskau. Hier beginnt die Transsibirische Eisenbahn. Der längste Abschnitt der Reise steht bevor: Es geht nach Irkutsk am Baikalsee. Vier Tage und vier Nächte nonstop im Zug. Eine Bewährungsprobe für die Gemeinschaft der Friedenspilger.

Sigamoney Shakespeare, Indian Pastor: "Bye, bye Moskow! Bye, bye Moskow!"

Peace-Train-Song wird gesungen: "Come abord the train, come abord the train. Come abord the Peace-Train, come abord the Train."

Workshop im Zug, Daniel Jung: "Heute wollen wir uns mit diesem großartigen Buch hier beschäftigen, es heißt ›Frieden auf der Koreanischen Halbinsel‹. Versucht Euch ein wenig schlau zu machen über das, was auf der Koreanischen Halbinsel passiert."

Geschichtsunterricht im Peace-Train. Die Teilung Koreas geht zurück auf die Besetzung und Aufteilung des Landes durch die Alliierten am Ende des 2. Weltkriegs. 1950 folgte ein militärischer Überfall des kommunistischen Nordens auf den Süden, der schließlich zum Koreakrieg führte.
Dr. Hun Jung Cho engagiert sich seit Jahren im sogenannten Versöhnungs- und Vereinigungsausschuss seiner Kirche:

Rev. Dr. Hun Jung Cho, Versöhnungs- und Vereinigungs-Ausschuss: "Als Pastor versuche ich nach dem Vorbild Christi zu leben, zur Zeit Jesu war Israel in drei Bereiche geteilt: Judäa, Samaria und Galiläa. Auch die Bevölkerung der koreanischen Halbinsel lebt heute geteilt in Süd- und Nordkorea und einer Sonderzone in China. So ist es den Menschen unmöglich, sich frei auf der koreanischen Halbinsel zu bewegen. Auch damals war es den Juden untersagt Samaria zu durchqueren, da das Land als unrein galt. Aber im vierten Kapitel des Johannesevangeliums wird von einem Gespräch Jesu mit einer samaritanischen Frau berichtet, der er auf seiner Wanderung nach Nordgalilaea begegnet ist. In Korea gibt es auch heute noch ein Gesetz, dass es Süd- und Nordkoreanern verbietet sich zu treffen, das sog. ›Gesetz der Nationalen Sicherheit‹ oder auch ›Antikommunismus-Gesetz‹. Jesus aber durchbrach das Gesetz, und traf sich mit den Bewohnern von Samaria."

Es ist Sonntagmorgen. Zeit für den Kirchgang.

Sigamoney Shakespeare, Indian Pastor: "Pilgrims of the Peace-Train, let's join this time of worship, to sing together and worship the lord together. Come get ready, join us!"

Methodisten aus Korea, Lutheraner aus Indien oder Mennoniten aus Deutschland singen und beten hier gemeinsam. So sieht gelebte Ökumene aus.

Ute Nies und Rainer Lamotte: "Also so einen Gottesdienst habe ich wirklich noch nicht erlebt wie hier.""Das war ne neue Erfahrung, im Flur mit Verstärker und Megaphon.""Es ist ja immer ein Stimmengewirr, die Schienen rattern und wir singen in verschiedenen Sprachen und beten in verschiedenen Sprachen.""Also ich hab schon den Eindruck, dass wir jetzt auch ein Stück zusammengewachsen sind und das man jetzt merkt bei solchen Anlässen, wie bei diesem Gottesdienst, dass wir an der gemeinsamen Sache dran sind. Dass das wirklich auch eine Pilgerreise ist, auch wenn wir jetzt nicht zu Fuß wie andere nach Santiago de Compostela unterwegs sind. Sondern mit allen Hindernissen, die so eine Zugfahrt mit sich bringt mit kleinen Abteils und beschwerlichem Sitzen und Schlafen... Mancher hätte heute morgen gerne geduscht, nicht nur um dem Herrgott heute morgen im Gottesdienst frisch geduscht entgegen zu treten, sondern sich auch ein bisschen wohler zu fühlen, aber das wird mit Würde getragen."

Nach gut zwei Tagen scheinbar endloser Fahrt durch die Weiten der Russischen Taiga macht der Peace-Train halt in Jekaterinburg, einer wichtigen Industriestadt am Fuße des Uralgebirges. Und wieder wird spontan gesungen: "Unsere Hoffnung ist die Wiedervereinigung" – das alte Lied aus Korea ist zum Soundtrack der Friedensreise geworden.

"Wir geben alles für die Wiedervereinigung, lasst uns die Wiedervereinigung verwirklichen."

"Korea is one!""Korea ist eins!"

Mit jedem Morgen steigt jetzt die Spannung, ob der entscheidende Abschnitt der Reise gelingen kann. Doch noch immer gibt es kein grünes Licht zur Durchfahrt nach Pjöngjang. Friedensaktivist Hun Jung Cho hofft auf das Unmögliche:

Cho Hun Jung: "Gestern haben sich Vertreter beider Kirchen von Süd- und Nordkorea in China getroffen. Sie suchen nun nach einer Möglichkeit, wie wir am besten von Peking nach Pjöngjang gelangen können, wahrscheinlich mit dem Flugzeug.
Die Nordkoreaner haben gesagt, dass sie sich in zwei oder drei Tagen mit einer endgültigen Bestätigung zurückmelden werden. Und wir rechnen damit, dass sie Ja sagen."

Kwang-Sam In: "Da hat der liebe Gott mich oder mein Gebet erhört und erfüllt."

Die Nachrichten aus den Verhandlungsetagen auf höchster Ebene geben nicht nur Kwangsam In neuen Grund zur Hoffnung. Vielleicht kann der Peace-Train bald schon Friedensgeschichte schreiben: Noch niemals zuvor wäre einer so großen, kirchlichen Delegation der Grenzübergang nach Nordkorea gewährt worden.

Nur wenige hatten im Vorfeld an die Idee eines Peace-Train geglaubt, auch viele Kirchenvertreter hielten das Vorhaben lange Zeit für unrealistisch. Dabei gilt der Wiedervereinigungsgedanke sowohl in Nord- als auch in Südkorea offiziell als Staatsziel. Tatsächlich aber bestimmen allein Machtinteressen und Wirtschaftsfragen die Politik.

Entlang des Ufers des Baikalsees fährt der Peace-Train immer weiter gen Osten. Der Blick aus dem Fenster verwandelt sich, die Wälder werden lichter, die Berge flacher, das Land immer karger. Eine scheinbar endlose Schienengerade führt hinein in die Wüstenlandschaft der Mongolei. Ein grau-braunes Nichts umfängt hier die Friedenspilger. Sook Ja Chung blickt nachdenklich aus ihrem Abteilfenster: Eine solche Wüstenerfahrung kann sehr heilsam sein, findet die 77jährige Theologin. Sie ist die älteste Teilnehmerin der Reise.

Sook Ja Chung, Senior Pastor: "Unser Friedenszug muss schon deshalb durch die Wüste fahren, damit wir in dieser Leere lernen, all unsere falschen Interessen aufzugeben. Dann haben wir nicht mehr diese Art von imperialistischer Idee, wenn wir nach Nordkorea kommen. Die Menschen beider Seiten sollten nichts anderes wollen, als wirklich eins zu werden."

Im bunten Völkchen der Friedensstifter herrscht schon jetzt die Einheit eines guten Miteinanders.

Gesprächsrunde im Speisewagen: "Wir alle spüren etwas von der Atmosphäre, die uns zufrieden macht.""Zwei Wochen sind wir jetzt im Zug hier.""Ich bin überrascht von mir selbst, wie wohl ich mich fühle und wie wenig ich von der Gruppe ermüdet bin, eigentlich.""Ist schon nervig, also wenn man so eine große Person ist wie ich und dann auch den anderen Platz wegnimmt oder man muss sich ständig drängen, das ist nicht leicht.""Na klar, das Reisen in großen Gruppen ist anstrengend, aber ich hab mir schon gedacht, dass mir nach vielleicht einer Woche, dass ich da dann irgendwie vielleicht mal das Gefühl hab, ich brauche Abstand, ich muss jetzt mal irgendwie mich zurückziehen können und ich brauch meinen eigenen Freiraum. Genau das ist nicht eingetreten und ist bis jetzt nicht eingetreten.""Aber, also was die Begegnung angeht, find ich supertoll. Und wie es auf der hohen, wirklich politischen Ebene wirklich sich auswirkt kann ich mir gar nicht vorstellen.""Also eigentlich müssten die Nord- und die Südkoreaner zusammen auch genau so eine Reise machen, wie wir sie gemacht haben."

Zwei Tage überquert der Peace-Train die Grenze zu China. Die Friedenspilger machen halt in Peking. Dort muss sich nun entscheiden, wie der weitere Reiseverlauf aussehen soll: Geht es von hier aus tatsächlich weiter nach Pjöngjang – oder muss Nordkorea doch umschifft werden? War die Unterschriftensammlung erfolgreich? Was haben die letzten Verhandlungen auf höchster Ebene ergeben?

Besprechung: "Es wurde uns gesagt, dass die Nordkoreaner uns bis zum 21. antworten werden, das war heute. Aber da es noch immer keine offizielle Antwort gegeben hat, scheint es ganz so, als wäre die Sache unmöglich."

Kein offizielles Nein, aber auch kein Ja zur Einreise nach Nordkorea. Ist die Friedensreise damit gescheitert? Kwangsam In stehen Tränen in den Augen. Ihr Traum geht nicht in Erfüllung: Sie wird nicht zu ihren Schwestern fahren können.

Daniel Jung: "Sie hat das wohl, glaub ich, als letzte Chance nochmal gesehen, die womöglich nochmal wiederzutreffen. Im Leben, oder so, ja."

Sook Ja Chung: "Ich bin sehr enttäuscht. Aber so ist die bittere Realität."

Rainer Lamotte: "Das war ja jetzt in den letzten Tagen ein ständiges Auf und Ab... Dann haben wir einen Brief geschrieben, dann haben wir unterschrieben, dann ist das hingeschickt worden, dann hieß es, es gibt Signale von beiden politischen Seiten, dass es vielleicht doch klappt und jetzt heißt es wieder, wahrscheinlich eher nicht. Machen wir morgen wieder andersrum und übermorgen und... Das ist Teil des Konfliktes."

Die Entscheidung ist gefallen: Statt mit dem Flugzeug von Peking direkt nach Nordkorea einzufliegen geht es weiter in Richtung chinesisch-nordkoreanischer Grenze.

Rainer Lamotte: "Ja, wir sitzen jetzt wider Erwarten im Zug."

Daniel Jung: "Also die Richtung stimmt – aber leider müssen wir früher aussteigen. Eben weil wir jetzt nicht nach Nordkorea können, kann man das jetzt qausi umso akuter erfahren, dass wir umso stärker für die Wiedervereinigung arbeiten müssen."

Ankunft in Dandong, die Hafenstadt im Nordosten Chinas liegt in direkter Nachbarschaft zu Nordkorea. Nirgendwo sonst kann man von außen näher an das abgeschottete Reich des Kim-Regimes herankommen. Kirchenmann Young Ju Kim kann nur den Kopf schütteln angesichts der meterhohen Stacheldrahtzäune und der Präsenz unzähliger Soldaten.

Rev. Young Ju Kim, Generalsekretär NCCK: "Aufgrund dieses Konflikts entstehen immense Kosten: Die Politik mit China muss in der Balance gehalten werden, das Wettrüsten zwischen Nord- und Südkorea, die Forschung und Entwicklung von Nuklearwaffen – dies alles verschlingt astronomische Summen!Anstatt US-amerikanische Kriegswaffen zu kaufen, sollten wir lieber in die Zivilgesellschaft und die Menschen investieren, die aus aller Welt zusammen kommen und sich für den Frieden auf der koreanischen Halbinsel einsetzen."

Allein der Yalu-Fluss trennt das chinesische Dandong von Nordkorea, die doppelte »Brücke der Freundschaft« gilt als Wahrzeichen der Stadt. Während die Fußgängerbrücke von koreanischer Seite zur Hälfte abgerissen wurde, überqueren nebenan auf der Eisenbahnbrücke regelmäßig Züge den Fluss. Den südkoreanischen Friedenspilgern aber blieb die Weiterfahrt verwehrt.

Sook Ja Chung: "Wir mussten hier anhalten wegen dieser politischen Gründe. Das ist zum Weinen."

Kwangsam In: "Am besten möchte ich mich da reinsetzen und möchte ich zu meinen Schwestern fahren. Ja, ich könnte jetzt auch Schreien und versuchen mich zu verständigen und meine Schwestern ganz laut rufen."

Nicht über den Yalu, sondern über den Imjin-Fluss flohen einst die Eltern von Kuk Yom Han. Damals war sie noch ein Säugling.

Kuk Yom Han, Senior Pastor: "Unser Fluchthelfer hatte Angst, denn wir waren ja von nordkoreanischen Soldaten umgeben und wenn ich da zu schreien angefangen hätte, dann wäre das für alle lebensgefährlich gewesen. Daraufhin sagte mein Vater, dass er mich in diesem Falle zum Schutz und Wohle all dieser vielen Flüchtlinge in den Fluss werfen würde.
Meine Mutter entgegnete: Wie kannst du einem lebenden Geschöpf so etwas antun? Dann ist sie mit mir aus dem Boot gestiegen, durch die Nacht flussaufwärts gewandert und an einer seichten Stelle hat sie mitten im Winter mit mir auf dem Rücken den Fluss zu Fuß durchquert. Ich sehne den Tag herbei, an dem wir ohne Einschränkungen über den Yalu können, genauso wie über den Imjin, an dem meine Mutter mit mir dem Tod ins Angesicht geschaut hat."

Mit dem Boot können die Peace-Train-Pilger einige Kilometer den Yalu entlang fahren. Der direkte Blick auf Nordkorea wird als Touristenattraktion vermarktet. Keine Mauer, kein Zaun trennt die Menschen auf der anderen Seite vom Fluss. Doch die Grenze Nordkoreas ist streng bewacht, etwa alle zweihundert Meter gibt es unterirdische Stellungen für die Soldaten der nordkoreanischen Armee.
Marode Industrieanlagen fallen ins Auge, auf den gerodeten Hügeln im Hinterland versuchen die hungernden Menschen Korn anzubauen, »Lang lebe Kim Yong Il« verkünden übergroße Buchstaben am Hang.

Kwang-Sam In: "Ich möchte gerne wissen, was den Leuten durch den Kopf geht, was die denken. Die denken bestimmt auch, die möchten auch nach China, nach Südkorea, die möchten auch überall bestimmt hinreisen können. Und ich möchte die auch in den Arm nehmen und auch mitreisen. Meine Schwestern, die wissen überhaupt nicht auch, dass wir jetzt mit dem Schiff von chinesischer Seite aus so nah dran sind. Am besten wäre es zu schwimmen und da rüber zu gehen, bis zu meinen Schwestern, da wo die wohnen."

Kein Zug, sondern eine Fähre bringt die Peace-Train-Pilger schließlich übers Gelbe Meer vorbei am Norden in den südlichen Teil der Koreanischen Halbinsel.

Rev. Dr. Hun Jung Cho, Versöhnungs- & Vereinigungs-Ausschuss: "Wir haben während dieser Fahrt viele Menschen getroffen, die auch mit uns weinten und trauerten. Niemand kann jetzt schon beurteilen, ob der PeaceTrain etwas bewirkt hat. Aber ich glaube fest daran, dass Gott uns durch den PeaceTrain bald ein Wunder geschehen lässt."

Fast am Ziel: Ein Schnellzug bringt die Friedenspilger nach Busan. Dort wird am nächsten Tag die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen eröffnet.

Sigamoney Shakespeare, Indian Pastor: "Willkommen in Busan! – Ja, endlich sind wir in Busan angekommen! Wir haben es geschafft!"

Der Peace-Train hat für die Idee der Wiedervereinigung neue Begeisterung entfacht.

Daniel Jung: "Wie viele Leute hier sind! Ich bin echt super überwältigt und ich bin glücklich, ne."

Der 30. Oktober 2013. Mit einem traditionellen Gongschlag beginnt der feierliche Eröffnungsgottesdienst der internationalen Kirchenkonferenz des Ökumenischen Rates der Kirchen im großen Kongresszentrum von Busan. Dies ist die Endstation der langen Fahrt des Peace-Train. Der lange Weg der koreanischen Friedensstifter aber hat gerade erst begonnen.

Musik dieser Sendung:
(1) The Lighting Strike (What if the Storm Ends?), Snow Patrol, A Handred Million Suns
(2) Dark 3, Klangraum Musikproduktion, dark tones

"Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Reinhold Truß-Trautwein, Senderbeauftragter für Deutschlandradio, Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), für den Medienbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland."

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