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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.09.2007

Verschwunden in China

Jan-Philipp Sendker: "Das Flüstern der Schatten", Karl Blessing Verlag, München 2007, 446 Seiten

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Blick auf Hongkong (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Blick auf Hongkong (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Eine Leidens- und Liebesgeschichte, ein Kriminalroman und eine Erzählung in bester Reportagemanier über die rasante wirtschaftliche Entwicklung in China und ihre Hintergründe - dies und noch viel mehr verbirgt sich in dem Buch "Das Flüstern der Schatten". Der zweite Roman von Jan Philipp Sendker spielt im heutigen Hongkong und der angrenzenden Provinz Guangdong, die gekennzeichnet ist von dem chinesischen Wirtschaftsboom.

Aus diesem pulsierenden Leben hat sich Paul Leibovitz seit drei Jahren komplett zurückgezogen - seit dem Tod seines Sohnes. Der Vater kann den Tod seines Kindes nicht akzeptieren. Er versucht durch seinen eigenen Stillstand die Erinnerungen an den achtjährigen Justin lebendig zu erhalten. Nicht einmal die attraktive Chinesin Christine Wu kann Paul Leibovitz aus seiner Isolation holen.

Erst als er zufällig die Amerikanerin Elisabeth Owen kennen lernt und diese sich dann Hilfe suchend an ihn wendet, weil ihr Sohn in China verschwunden ist, kann sich Paul ihr nicht völlig verschließen, weil er ihren Schmerz so gut kennt. Schrittweise wird Paul Leibovitz in die Ermittlungen in einem Mordfall mit einbezogen, denn schnell zeigt es sich, dass der verschwundene Sohn Opfer eines Verbrechens geworden ist.

Nun werden immer neue Geschichten aufgeblättert. Der chinesische Kommissar David Zhang ist ein langjähriger Freund von Paul. Er ermittelt in dem Mordfall auch noch weiter, als innerhalb kürzester Zeit ein Täter gefunden wird. Die Lösung erscheint ihm zu glatt und parteikonform und es zeigt sich, dass der Arbeiter, der den amerikanischen Fabrikbesitzer erschlagen haben soll, ein Alibi besitzt.

Doch mit diesen Ermittlungen stellt sich David Zhang nicht nur gegen den Befehl seines Vorgesetzten. Er muss sich auch seiner eigenen Vergangenheit und der Verantwortung seiner Familie gegenüber stellen. Dabei benötigt er Hilfe von seinem westlichen Freund Paul. Dieser lässt sich zögern in die Ermittlungen mit herein ziehen, gegen den starken Widerstand seiner Freundin Christine Wu, die als Flüchtling vor der Kulturrevolution der chinesischen Obrigkeit nach wie vor nicht traut.

Diese viele Fäden könnten sich schnell zu einem unübersichtlichen Knäuel verwirren, nicht jedoch bei Jan-Philipp Sendker. Der Journalist, der fünf Jahre als Asienkorrespondent für den Stern gearbeitet hat, versteht es, die einzelnen Erzählstränge mit viel Intensität und sehr gefühlvoll zu entwickeln, so dass alle Geschichten zum Weiterlesen reizen - ganz abgesehen von den vielen fundierten Informationen über China.

Dass der Autor sie am Ende dann auch noch glaubwürdig zusammenführt und damit auflösen kann, ist für den Leser eine freudige Überraschung. Und bereits wie in seinem ersten Roman "Das Herzenhören" gelingt es Jan-Philipp Sendker mit einer hohen Sensibilität die Gefühle sowohl von Männern als auch Frauen zu schildern und ein eindrucksvolles Plädoyer für das Vertrauen und die Liebe zu entwickeln, ohne jemals in den Kitsch oder die Sentimentalität abzugleiten. Ein Lesevergnügen durch und durch und ein Muss für jeden, der sich für China interessiert und nicht nur Sachbücher liest.


Rezensiert von Birgit Koß


Jan-Philipp Sendker: Das Flüstern der Schatten
Karl Blessing-Verlag, München 2007, 446 Seiten, 19,95 Euro

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