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Interview | Beitrag vom 22.01.2021

Verschwörungserzähler Ken JebsenYouTube sperrt KenFM

Patrick Stegemann im Gespräch mit Julius Stucke

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Ken Jebsen am 12.10.2013 in Berlin bei einer Kundgebung. Ein Mann spricht in ein Mikrofon. (imago images/Florian Schuh)
Der frühere Moderator Ken Jebsen gehört zu den führenden Verschwörungserzählern. Nun hat YouTube seinen Kanal gesperrt. (imago images/Florian Schuh)

Seit Monaten hat Ken Jebsen Verschwörungserzählungen über Corona auf seinem YouTube-Kanal verbreitet. Nun wurde sein Account wegen Regelverstößen gesperrt. Ein "bigottes" Verhalten der Plattform, findet der Soziologe Patrick Stegemann.

Erleben wir gerade eine neue Ernsthaftigkeit bei den Social Media Plattformen und ein neues Verantwortungsbewusstsein oder eine bedenkliche Einschränkung von Freiheit im Netz? In den USA hat Twitter den Kanal von Donald Trump blockiert, in Deutschland hat YouTube jetzt den Account des Verschwörungserzählers Ken Jebsen gesperrt, mit der Begründung: "Videos auf dem Kanal KenFM haben gegen unsere Covid-19-Richtlinien verstoßen". Nach den Regeln von YouTube werde ein Kanal dauerhaft gelöscht, wenn innerhalb von 90 Tagen dreimal gegen diese Richtlinien verstoßen werde.

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"Ken Jebsen war sicher einer der größten Verschwörungserzähler auf YouTube, mit den höchsten Reichweiten", sagt Patrick Stegemann, Kommunikationswissenschaftler und Soziologe. Es sei daher richtig, dass jemand, der so "antiaufklärerisch, regressiv und autoritär unterwegs ist wie Ken Jebsen" nicht mehr auf der Plattform sei. Die Sperrung sei durchaus ein Schlag gegen diese Art von Verschwörungserzählungen. Man müsse aber auch sehen, dass man bereits seit Jahren auf genau diesen Plattformen eine "Mobilmachung" erlebe, und dass dort "antiaufklärerische Verschwörungsmythen" verbreitet würden. 

Jeder kann seine Meinung äußern

Die Phase der "Überzeugungsarbeit" sei vorbei, stellt Stegemann fest. Es gebe jetzt einen verhärteten Kern von Menschen, der sich über diese Art von Medienkonsum vom liberalen Diskurs entfernt habe. Diese Menschen würden sich jetzt auf anderen Plattformen einfinden und auch neue gründen, so wie man das bereits in den USA beobachten könne.

Es gebe auch keine "Meinungsfreiheitsproblematik", sagt Stegemann. Jeder könne seine Meinung äußern, sie werde aber nicht mehr verstärkt. Allerdings bestehe jetzt die Gefahr, dass sich das Narrativ, dass es eine Einschränkung der Meinungsfreiheit gebe, weiter durchsetzen könne.

Stegemann hält es aber für viel gefährlicher, dass zahlreiche Menschen bereits radikalisiert und entfremdet seien und auf anderen Plattformen wie Telegram völlig unbehelligt kommunizieren könnten. Das ermögliche ganz andere Potenziale für eine Radikalisierung.

Sperrung soll politischer Regulierung vorbeugen 

Der Zeitpunkt der Sperrung des Accounts habe ihn überrascht, so Stegemann. Der Vorgang an sich aber nicht. Jebsen sei seit November auf dem Kanal nicht mehr aktiv gewesen. Warum YouTube gerade jetzt gehandelt habe, könne er sich nicht erklären. Die Sperrung habe auch nichts mit einem wachsenden Verantwortungsbewusstsein zu tun. Die extreme Rechte mache seit Jahren auf Plattformen wie YouTube mobil und dagegen sei das Unternehmen kaum vorgegangen. Bisher habe man diesbezüglich "sehr schnarchnasig" reagiert, so der Kommunikationswissenschaftler.   

"Jetzt dreht sich der Wind." Mit der wachsenden Kritik drohe auch die Politik damit, die Plattformen stärker zu regulieren. Und Unternehmen wie YouTube wollten dem mit ihrer jetzigen Vorgehensweise zuvorkommen.

Millionen Klicks mit Verschwörungserzählungen

Auch im Fall Jebsen zeige sich die "bigotte Haltung der sozialen Medien", so Stegemann. So habe Jebsen während der Coronapandemie auf seinem Kanal "unfassbare Reichweiten" generieren können. Er sei für die Verbreitung von Verschwörungserzählungen über Bill Gates in Deutschland sehr stark mitverantwortlich und habe so "mehrere Millionen Klicks generiert". Angesichts der Rolle, die Jebsen in der "Corona-Verleugner-Szene" spiele, sei die Sperrung ein längst überfälliger Schritt.

(jde)

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