Verschwitzter Poet

Von Mirko Schwanitz · 07.06.2012
Fast parallel zur Fußball-EM tritt die deutsche Autorennationalmannschaft gegen die Teams der Gastgeberländer Polen und Ukraine an. Über 30 Schriftsteller sind im Kader der Autonama: im Angriff der Autor und Theaterregisseur Moritz Rinke.
Ein Fußballplatz im Zentrum Berlins. Kunstrasen. Flutlicht. Eine Mannschaft beim Training. Eigentlich ein normales Bild. Doch sind die, die hier spielen, keine normalen Fußballspieler. Schriftzüge auf einigen Trikots verraten: Hier trainiert die Autonama – die deutsche Autorennationalmannschaft.

"Mein Name ist Moritz Rinke. Ich bin Schriftsteller, Dramatiker, Romanautor, Essayist, teilweise auch für Zeitungen und mit großem Herzblut Offensivspieler in der Autorennationalmannschaft seit vielen Jahren."

In unseren Vorstellungen sitzen Dichter in Elfenbeintürmen, oder hinter großen Schreibtischen. Moritz Rinke hingegen sitzt verschwitzt in der der ruhigen Vereinskneipe von Blau Weiss Berolina Mitte. Dass Schriftsteller in die Niederungen von Fanmeilen und Fußballstadien herabsteigen und aus der einen oder anderen sprachlichen Blutgrätsche schon mal eine richtige werden lassen, lässt manchen Besucher hier immer noch verwundert den Kopf schütteln.

Und doch, versichert Moritz Rinke mit dem Finger aus dem Fenster zeigend, sind alle da draußen Schriftsteller, Dichter, kickende Poeten ...

"Wir haben im Jahr 2005 so eine Einladung gehabt der italienischen Schriftsteller. Zu diesem Turnier haben wir ein Trainingslager einberufen. Und zwar bei Thomas Brussig. Der hat einen Bauernhof irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Und es stellte sich heraus, dass dieser viel gepriesene Fußballplatz von Brussig ein totaler Kartoffelacker war. Und dann gab's das Training, nach fünf Minuten die ersten Verletzten, weil die in irgendwelchen Löchern auf dem Kartoffelacker stecken blieben. Also (lacht) ein toller Auftakt, wie man so sagt und ein ziemlich wilder Haufen."

" ... wir haben gekämpft für Gerechtigkeit und Frieden und mussten dafür erst mal auf die Schnauze kriegen / Die Zeiten ändern sich, das hat Gott schon so gesehen / so wird es nicht weitergeh'n / nein so wird es nicht weitergeh'n! / Denn wir werden wie Sieger sein ..."

Moritz Rinke wischt sich mit legerer Handbewegung den Bierschaum vom Mund - mit wilden Haufen und Künstlern hat er seit seiner Kindheit Erfahrung:

"Ich bin in Worpswede geboren, eine berühmte Künstlerkolonie, in der Paula Becker-Modersohn, Heinrich Vogeler, sogar Rainer Maria Rilke um die Jahrhundertwende lebten. Ich bin dort also zwischen Kühen und Kunstwerken groß geworden."

Noch heute fertigt Rinkes Vater, ein Goldschmied den Goslarer Kaiserring, einen der begehrtesten Kunstpreise Deutschlands: Henry Moore trug ihn und Georg Baselitz, er schmückt die Hände von David Lynch, Gerhart Richter und Georg Baselitz, sowie zahlreichen anderen international anerkannten Künstlern.

"Und meine Mutter hat lange Zeit bei Radio Bremen die Literatur-Werkstatt konzipiert und ist dann Modedesignerin geworden. Mit einer Strickmaschine saß sie im Moor und hat unter dem Label Rosalie viele Frauen beglückt. Wahrscheinlich hatten wir als Heranwachsende den Druck, wahrscheinlich müssen wir auch Künstler werden. Der bewusste Schritt in diese Andersartigkeit, hat viele meiner Mitaufwachsenden gezeichnet – aber auch große Wut gegenüber diesem Druck, Künstler werden zu müssen."

Vielleicht gab es deshalb manchmal diese Momente, wenn Rinke in seiner Jugend über den Platz des Worpsweder SV trabte und 800 Zuschauer Beifall klatschten, diese kurze Überlegung: Was wäre wenn? Zum Fußballprofi hat es dann doch nicht gereich. Stattdessen studierte er Theaterwissenschaften. 2001 veröffentlicht er mit dem "Blauwal im Kirschgarten" das erste Buch. Im gleichen Jahr wird sein Drama "Republik Vineta" zum Theaterstück des Jahres gekürt. Seine Inszenierung der Nibelungen vor dem Wormser Dom beschäftigte die Feuilletons.

Warum zieht es so einen wieder auf das Fußballfeld?

"Ich glaube, es ist diese große Sehnsucht der Kunst, der Literatur, nach diesen auratischen Momenten, diese Unplanbarkeit. Beim Fußball ist es so, dass am Ende der Ball ins Spiel geworfen wird und dadurch eine Zufallsmaschine vorhanden ist. Und das ist in der Literatur natürlich nicht. Da wird bis zum letzten Satz gefeilt. Es hat etwas von italienischer Oper, das Publikum wird elektrifiziert. Es ist natürlich als Autorenspieler, eine unglaubliche Sehnsucht nach dem großen Publikum."

"Es geht wieder los / das Trikot an / wir stehn hinter Euch / wie der zwölfte Mann / wir woll'n den Pokal / glauben fest daran / Jetzt sind wir / und nicht die ander'n dran / wir stehn auf / und wolln euch kämpfen sehen / egal was kommt. Wir können alles drehn / der Fußballgott wird uns zur Seite stehn / Dieses Jahr geht das Fußball wunder weiter / wir sind da."


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Moritz Rinke - Schriftsteller und Dramaturg ist gleichzeitig Kapitän der Autorennationalmannschaft (Autonamas) des DFB.
Als Autorenspieler gehe man einer Sehnsucht nach dem großen Publikum nach, erklärt Rinke.© picture alliance / dpa /Harlheinz Schindler
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