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Vollbild | Beitrag vom 24.04.2021

Verschmähte KlassikerVon der Goldenen Himbeere zum Kultfilm

Von Hartwig Tegeler

Schauspieler Joshua Leonard blickt auf einem verwackelten Bild mit einer Kamera Richtung Zuschauer. (picture alliance / Everett Collection)
Grusel-Klassiker der späten Neunziger: Blair Witch Project war stilprägend und furchterregend zugleich. (picture alliance / Everett Collection)

Seit 1980 zeichnet die Goldene Himbeere vermeintlich misslungene Filme aus. Doch dieser Kanon des Schlechten hält auch Überraschungen parat. Einige Filme erlangten Kultstatus, andere hatten sogar das Zeug zum Klassiker. Hier sind die fünf Besten.

Platz 5 – "Fegefeuer der Eitelkeiten" von Brian De Palma (1990)

Vielleicht mochten US-Kritik und Publikum nicht diesen Zerrspiegel aus Gier, Heuchelei, Selbstverliebtheit und Gewissenlosigkeit. Die zeigen sich in der Geschichte des von Tom Hanks gespielten Börsenmaklers, ein "Meister des Universums", einer da ganz oben, auf dem Olymp des Erfolges. Eine zu große Höhe, um zu stürzen, glaubt der Makler.

Aber weit gefehlt. Der Sturz ist jederzeit möglich, beispielsweise nach einem Unfall mit Fahrerflucht. Der Börsenmakler wird moralisch zwar auferstehen aus seinen eigenen Ruinen, aber Brian De Palma lässt keinen Zweifel: Das System von Ausbeutung und Gier feiert weiter. Fünf Nominierungen für die Goldene Himbeere, kurz "Razzie", gab es. Die europäische Filmkritik lobte dieses "Fegefeuer" allerdings als rabenschwarze Gesellschaftssatire. Abstand fördert den Blick.

Platz 4 – "Blair Witch Project" von Daniel Myrick und Eduardo Sánchez (1999)

Eine "Hänsel und Gretel"-Adaption. Ohne Happy End. Genau wie bei den Gebrüdern Grimm verlaufen sich die jungen Leute, die eine Dokumentation über die "Hexe von Blair" drehen wollten im Wald, während sie sich die ganze Zeit filmen. Der Film ist das gefundene Material. Zur Erinnerung: 2007 stellte Steve Jobs das erste iPhone vor; da begann unser Leben mit der Immer-bei-uns-Filmkamera.

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1999 mokierte sich ein Kritiker über das Dauerfilmen der Studenten im "Blair Witch Project": "Wer denkt schon in einem Zustand der Angst daran, sofort eine Kamera einzuschalten?" Na ja, heute jeder! "Blair Witch Project" begründete das Found-Footage-Genre und gab nebenbei den prophetischen Blick auf unser zukünftiges Medienverhalten frei.

Platz 3 – "Postman" von Kevin Costner (1997)

Wie sich Filmgemeinde und Hollywood an ihren Ex-Darlings rächen: "Sie sind ein Geschenk des Himmels. Ein Erlöser!" ruft die Frau Kevin Costner zu, der den Postboten nach der Apokalypse spielt. "Nein, ich bin der Postman", meint der fast schüchtern. Irgendwie war Kevin Costner 1990 mit den sieben Oscars für "Der mit dem Wolf tanzt" schon ein Film-Messias. Fünf Jahre später wurde der Schauspielerregisseur mit "Waterworld" zum Kassengift.

"Postman" besiegelte das Schicksal. Sein 80-Millionen-Dollar-Budget spielte der Film nicht einmal ansatzweise ein. Die Goldene Himbeere war logischer Seitenhieb. Wobei etwas aus dem Auge gerät, jenseits all des pathetischen Nimbus dieses Films: Regisseur Costner erwies sich auch hier als Meister darin, wie die Altvorderen John Ford oder David Lean die Landschaft in seinen Bildern zu verehren, zu vergöttern, sich in ihr zu baden.

Platz 2 – "Showgirls" von Paul Verhoeven (1995)

Aufstieg, Fall und Erlösung der Show-Tänzerin Elizabeth Berkley in Las Vegas. Sehr viel Nacktheit, Entblößung und Brutalität im Haifischteich des Showgeschäfts. Und die alte Frage: Ist die Kälte und Seelenlosigkeit des Films jene des Films oder die der Gesellschaft, die der Film abbildet? Nomi klettert die Karriereleiter empor, indem sie der, die vor ihr läuft – dem alten Star –, auf der Treppe einen Stoß gibt. Cristal, die Gefallene, meint zu Nomis Entschuldigung: "Was glaubst du, wie ich meine erste Rolle kriegte?" Sieben Goldene Himbeeren. Heute indes gilt "Showgirls" als Kultfilm. Wie gut der Kritikerguru Roger Ebert schauen konnte, ist daran abzulesen, dass er Paul Verhoevens Film schon 1995, als fast alle anderen noch geiferten, als "unterbewertet" bezeichnete.

Platz 1 – "Heaven's Gate" von Michal Cimino (1980)

Die fünf Oscars für "Die durch die Hölle gehen" – 1978 – machten es möglich: Michael Ciminos nächster Film, ein Spätwestern, bekam vom United- Artist-Studio ein Riesenbudget - und war bei Kritik und Publikum verhasst. Hat am Ende das "Unpatriotische" des Films die Abwehr verursacht? Denn ein düsterer Blick auf die USA ist kaum vorstellbar, als ihn Cimino auf das Schicksal osteuropäischer Einwanderer im Brennspiegel eines Weidekrieges in den 1890er-Jahren warf.

Wollten die Amerikaner das nicht sehen zu einer Zeit, als US-Präsident Reagan ein neues Selbstbewusstsein im "Land of the Free and Home of the Brave" proklamierte? 1982 wurde dieses vorgebliche filmische Desaster in fünf Kategorien für die Goldene Himbeere nominiert, im gleichen Jahr aber auch für die Goldene Palme in Cannes. Das mit dem Blick aus der Ferne. Heute gilt "Heaven's Gate" als Meisterwerk.

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