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Interview / Archiv | Beitrag vom 22.11.2018

Versandhaus-Kataloge Im Osten ein Objekt der Begierde

Anna Kaminsky im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Ausgabe des Otto-Katalogs aus dem Jahr 2006 (imago)
Relikt aus vergangenen Tagen - ein Otto-Katalog aus dem Jahr 2006. (imago)

Der Otto-Versand gibt heute seinen letzten Katalog in Druck. Die Epoche der bunten Versandhaus-Kataloge geht damit endgültig zu Ende. Auch in der DDR war das Interesse daran einst "ungeheuer groß", sagt Anna Kaminsky von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Heute beginnt in Nürnberg der Druck des letzten Otto-Katalogs aller Zeiten. Damit geht eine Epoche endgültig zu Ende, denn die Neckermann- und Quelle-Kataloge gibt es ja schon lange nicht mehr. Wenn man trotzdem einen haben will, wo hat man die besten Chancen, einen zu finden? In Ostdeutschland. Dort hat man sie nämlich lange aufgehoben, erzählt Anna Kaminsky, die Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Großes Interesse im Osten

Das Interesse an westdeutschen Versandkatalogen sei − wie an allem, was aus dem Westen kam − "ungeheuer groß" gewesen, so Kaminsky im Deutschlandfunk Kultur. "Dort fand man all das, wonach man sich in der DDR sehnte, was man gern haben wollte − was man aber oft nicht bekommen konnte." Es sei die Verheißung auf etwas Schönes gewesen, das man im eigenen Alltag vermisst habe.

Inspiration durch veraltete West-Kataloge

Offiziell seien sie nicht zu bekommen gewesen. "Wenn man Glück hatte, gelang es jemandem aus dem Westen, der zu Besuch kam, einen solchen Katalog mit in die DDR zu bringen." Selbst veraltete Kataloge seien immer noch "ein Objekt der Begierde" gewesen: "Man hat das Jahre später noch durchgeblättert und angeschaut und sich inspirieren lassen."

Auch in der DDR gab es einen Versandhandel

Auch in der DDR habe es einen Versandhandel gegeben, der allerdings 1975 eingestellt worden sei, so die Sozialwissenschaftlerin, die vor 20 Jahren ein Buch über DDR-Versandhäuser geschrieben hat. Vielen DDR-Bürgern sei der Versandhandel im eigenen Land jedoch unbekannt gewesen. Die Kataloge seien rar gewesen, "zum einen, weil es zu wenig Papier gab,  um sie zu drucken, zum anderen, weil man später den Druck der Kataloge auch deshalb gedrosselt hat, um nicht unnötige Begehrlichkeiten in der Bevölkerung zu wecken, die man gar nicht befriedigen konnte."

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