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Fazit | Beitrag vom 29.03.2019

"Vernon Subutex" und "Farm Fatale" in MünchenVon der Schwierigkeit, einen Bestseller zu inszenieren

Von Christoph Leibold

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Die Inszenierung des Bestsellers "Das Leben des Vernon Subutex" als Theaterstücke in den Münchner Kammerspielen. Das Szenenfoto zeigt den Darsteller Daniel Lommatzsch. (Arno Declair)
Bestseller auf der Bühne: "Das Leben des Vernon Subutex" - mit Daniel Lommatzsch in den Münchner Kammerspielen. (Arno Declair)

Die Münchner Kammerspiele haben sich zwei Franzosen auf die Bühne geholt. Stefan Pucher hat sich an der Inszenierung des Bestseller-Romans "Das Leben des Vernon Subutex" versucht. Philippe Quesne zeigt in "Farm Fatale" seinen Blick aufs Landleben.

Ein französisches Premieren-Doppel an den Münchner Kammerspielen: Regisseur Stefan Pucher hat am 28. März den Bestseller, die Roman-Trilogie "Das Leben von Vernon Subutex" von Virginie Desportes, als Theaterstück inszeniert. Unser Kritiker Christoph Leibold war dabei.

Vernon Subutex ist Plattenhändler in Paris. Sein Laden geht Pleite. Bald darauf fliegt er aus seiner Wohnung, quartiert sich eine Weile bei verschiedenen Freunden ein, bis er schließlich auf der Straße landet. Um ihren Titelheld herum gruppiert Virginie Despentes auf rund 1200 Buchseiten eine Fülle von Figuren, die zwar in den eigenen vier Wänden leben, in Zeiten des Neoliberalismus dafür aber an seelischer Obdachlosigkeit leiden.

Der Roman "Das Leben des Vernon Subutex" als Theaterstück in den Münchner Kammerspielen. Das Szenenfoto zeigt die Darstellerin Jelena Kuljić. Sie steht vor einer Leinwand auf der sie selbst vergrößert zu sehen ist. (Arno Declair)Schauspielerin Jelena Kuljić in Stefan Puchers Inszenierung von "Das Leben des Vernon Subutex". (Arno Declair)

Aus Einzelportraits komponiert Virginie Despentes das Sittenbild einer Gesellschaft, die zur einen Hälfte aus einer ins Mittelmaß abgestürzten Bourgeoisie besteht. Die schielt mitunter an den rechten Rand. Die andere Hälfte besteht aus kiffenden und koksenden Bohème-Gestalten, die in prekären Verhältnissen leben.

"Das Leben des Vernon Subutex": Nur glatte Oberfläche

Stefan Pucher hat etliche Figuren gestrichen, immerhin ein gutes Dutzend aber ist geblieben und stellt sich in der Bühnenfassung erstmal vor: in kurzen Monologen, die Pucher aus langen Buchkapiteln destilliert hat. Das geht natürlich nicht ohne Verluste ab. Wo Despentes über jeweils 20 Romanseiten und mehr so präzise Einblicke in die Gedankenwelt ihrer Charaktere gibt, dass beim Lesen selbst befremdliche Anschauungen zumindest im Ansatz nachvollziehbar werden, kann Pucher nur Schlaglichter werfen. So fehlt den Figuren Tiefe. Die Inszenierung bietet vor allem: glatte Oberfläche.

Bei Virginie Despentes gleicht die Welt einer lädierten Vinylscheibe: Sie ist ziemlich hinüber, und die Erzählung springt zwischen den Figuren wie eine Plattennadel in den zerkratzen Rillen einer alten LP. Auch die Bühne von Barbara Ehnes scheint diesen Gedanken aufzunehmen. Eigentlich ist da eine Art Amphitheater-Rund zu sehen. Doch dessen schwarz glänzende Oberfläche wirkt so, als hätte sich geschmolzenes Vinyl über die Stufen ergossen. Nur: Kaputt wirkt das alles nicht. Dafür ist die Inszenierung viel zu stylish.

Virginie Despentes Subutex-Romane spielen in der Großstadt - ihr Landsmann Philippe Quesne nimmt uns mit aufs Land. Und während Stefan Pucher mit einer überbordenden Stofffülle zurechtzukommen versucht, kommt Quesne mit fast nichts aus. Er beginnt im leeren weißen Raum, in dem nur ein paar Strohballen herumliegen. Es ist einer dieser Räume, in denen alles geschehen kann, aber nichts passieren muss. Und tatsächlich ereignet sich zunächst wenig.

"Farm Fatale": Bizarre Pastorale voll wunderbarem Witz

Fünf Schauspieler schlendern herein, als Vogelscheuchen kostümiert. Stroh quillt aus den Ärmeln ihrer bunten Altkleidersammlungsklamotten. Ihre Gesichter sind hinter grotesken Gummimasken versteckt. Sie schleppen noch mehr Heu herbei, Getreidesäcke und eine Pappmaché-Sau und lauschen zunächst Mal andächtig dem Vogelgezwitscher, das den Raum erfüllt.

Szene aus der Inszenierung "Farm Fatale" an den Münchner Kammerspielen. Zu sehen sind (v.l.n.r.) die Schauspieler Julia Riedler, Stefan Merki, Gaëtan Vourc'h. Einer der Schauspieler hält eine Mistgabel in den Händen. (Martin Argyrogolo)Szene aus der Inszenierung "Farm Fatale" an den Münchner Kammerspielen. (v.l.n.r.): Julia Riedler, Stefan Merki, Gaëtan Vourc'h. (Martin Argyrogolo)

Im Folgenden entpuppen sich diese Strohpuppen, die mit verzerrten Comicstimmen plaudern, nicht als echte Scarecrows (englisch für Vogelscheuchen), sondern, wie sie selbst feststellen, als Carecrows. Also, als äußerst empathische Wesen, die sich um Krähen und alle andere Kreaturen kümmern. Abgestürzte Plastikvögel erfahren ihre Zuwendung ebenso wie unsichtbare Bienen, die sie nach ihrem Wohlbefinden fragen.

Philippe Quense "Farm fatale" erweist sich als bizarre Pastorale voll wunderbarem Witz, in der aber auch die Utopie einer anderen, besseren Welt aufscheint. Einer Welt nämlich ohne Menschen. Denn ganz ehrlich: Erderwärmung, Artensterben – wir Mensch haben es vergeigt! Vielleicht wäre es für den Planeten tatsächlich am besten, sie könnte nochmal ganz von vorne anfangen. Im leeren Raum. Und ohne uns.
(Bearbeitung: mkn)

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