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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.01.2010

Vernetzte Politik

Hendrik Heuermann/Ulrike Reinhard (Hrsg.): "Reboot_D", Whois Verlags- & Vertriebsgesellschaft, 244 Seiten

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Politische Debatten werden immer häufiger online geführt. (Stock.XCHNG / Matthias Pahl)
Politische Debatten werden immer häufiger online geführt. (Stock.XCHNG / Matthias Pahl)

"Reboot_D" verdeutlicht, dass es in Deutschland keine Politik-, sondern eine Parteienverdrossenheit gibt. Zunehmend wendet sich das Wahlvolk von den klassischen Offline-Medien ab und debattiert politische Inhalte im Internet. Doch die Parteien ignorieren das Medium bisher weitgehend.

Das Buch bezieht sich im Titel auf die "Rebooting-America"-Initiative aus dem Jahr 1787, als sich Farmer in Philadelphia vom Staat emanzipierten und mehr Selbstverwaltung durchsetzten. In der Gegenwart startete die Reboot-Bewegung in England. Es geht darum, Brücken zwischen der Politik und der "Generation Internet" zu bauen.

"Reboot_D" verdeutlicht, dass es in Deutschland keine Politik-, sondern eine Parteienverdrossenheit gibt. Zunehmend wendet sich das Wahlvolk von den klassischen Offline-Medien ab und debattiert politische Inhalte im Netz. Doch die Parteien ignorieren das Medium bisher weitgehend, weil die Personen, die die einflussreichen Schlüsselpositionen in den Parteiorganisationen besetzen, meist zu alt sind, um sich auf die neuen digitalen Kommunikationsmöglichkeiten einzulassen. Die Repräsentation der Öffentlichkeit in der Politik nimmt in dem Maße ab, wie sie sich ins Netz verlagert. Das ist eine der Hauptthesen des Buchs.

Den Herausgebern Reinhard und Heuermann gelingt es, eine ganze Reihe von Möglichkeiten zu zeigen, wie die Entfremdung vom politischen Prozess, der schleichende Tod der Demokratie, aufgehalten werden könnte. Sie schaffen das, weil das Buch abbildet, wie im Netz kommuniziert wird. Es geht darum, gesprächsfähig zu bleiben. Dafür muss man die neuen Techniken beherrschen, muss wissen, wie die "social networks" funktionieren, wie sie mehr Teilhabe zulassen. Längere Beiträge von diversen "digital natives", Stars der Szene wie Markus Beckedahl, wechseln mit Twitter- oder Skype-Interviews, in denen auch "digital immigrants" zu Wort kommen.

Die Texte sind nicht abgehoben oder belehrend. Das Buch liest sich leicht, weil es Präsentationsformen variiert, kurze Texte anbietet, übersichtlich und klar gestaltet ist und durch die Meinungsvielfalt, die es zulässt, immer wieder überrascht. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Man muss auch nicht alles lesen, weil die einzelnen Beiträge für sich verständlich sind. Das Buch ist eine Einladung, mitzumachen - auch für Netzneulinge.

Wohltuend und bereichernd ist nicht zuletzt, dass es auch Skeptikern Platz bietet. Der Berufspolitiker Oswald Metzger, 55, warnt zum Beispiel vor einer "Infantilisierung der Gesellschaft", wenn jeder ohne eine redaktionelle Kontrolle veröffentlichen kann. Vor lauter "Informationswald" in den unendlichen Teilöffentlichkeiten des Netzes sei die "echte Information" nicht mehr erkennbar.

"Reboot_D" zeigt, dass die "Weisheit der Vielen" nicht zwangsläufig dazu führt, dass alle Deutschen nun zu demokratischen Musterschülern einer neuen, aufgeklärten Bürgergesellschaft werden. Aber es hat einen optimistischen Grundton: Es macht deutlich, welche demokratischen Energien die urdemokratische Situation des Netzes freisetzen könnte. Allein mit mehr Transparenz des öffentlichen Apparates ließen sich Partizipation und Engagement der Menschen wahrscheinlich gewaltig steigern - das ist eine der Thesen dieses Buches, das einen Eindruck von den möglichen produktiven Veränderungen der Demokratie durch die technische Entwicklung vermitteln will.

Besprochen von Thomas Jaedicke

Hendrik Heuermann/Ulrike Reinhard (Hrsg.): Reboot_D
Whois Verlags- & Vertriebsgesellschaft, Neckarsteinach 2009
244 Seiten, 24,80 Euro oder gratis als PDF-Download im Internet.

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