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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.01.2012

Verliebt in einen Urmenschen

Charlotte Kerner: "Jane reloaded", Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2011, 214 Seiten

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Schädel eines Homo erectus, eines frühen Verwandten des heutigen Menschen (San Diego State University)
Schädel eines Homo erectus, eines frühen Verwandten des heutigen Menschen (San Diego State University)

Dürfen wir Lebewesen klonen, die schon längst ausgestorben sind? Charlotte Kerner erzählt von einem Experiment am Ende des 21. Jahrhunderts - und von der Liebe zwischen einer jungen Frau und einem im Labor gezüchteten Homo erectus.

Wieder hat Charlotte Kerner sich an ein komplexes Thema herangewagt: "Jane reloaded" ist Ende des 21. Jahrhunderts angesiedelt und erzählt eine Geschichte zwischen Science und Fiction, Sachbuch und Abenteuerroman. Doch es geht der Autorin nicht um die übliche Science Fiction mit hochtechnisierten Weltraumexpeditionen, sondern – wie schon in "Blueprint" - um ein subtiles Gedankenspiel. "Jane reloaded" ist eine psychologisch hochinteressante Erzählung aus dem Bereich der Gentechnik, die dazu reichlich Spannung und Emotionen bietet.

Die 24-jährige Jane Klark, Spross einer berühmten Paläontologen-Familie, trifft in einem Geheimlabor in Laos auf Jamie. Der 18-Jährige ist ein Homo erectus, eine gentechnische Neuschöpfung des Frühmenschen, der bis vor 400.000 Jahren die Erde bevölkerte. Das Ziel der Forschungen, die von Janes Vater geleitet werden: die Untersuchung der intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten des Frühmenschen. Im Hintergrund steht auch die Idee einer möglichen Auffrischung des menschlichen Genpools. Jane will Jamie erforschen und ist immer faszinierter von dem fremd-vertrauten Wesen. Sie verliebt sich in ihn, durchlebt ein Chaos der Gefühle und flieht schließlich mit dem Freund und Geliebten nach draußen.

Geschickt mischt Charlotte Kerner phantastische und realistische Elemente, Fakten und Fiktion. Phantastisch ist die Idee des Laos-Labors und des Homo-Erectus-Klons. Realistisch und höchst informativ ist dagegen ihre Darstellung der Entwicklung der Gen-Technik. Jane forscht in der fünften Generation – ihre Ururgroßmutter war eine der "Retterinnen" der Grube Messel. Ein Glossar am Ende des Romans zeigt, wie wichtig der Sachbuchautorin und Journalistin solide Informationen zum aktuellen Forschungsstand sind. Als Schriftstellerin aber malt sie herrlicher Bilder der exotischen Landschaft, denkt die technischen Möglichkeiten von heute weiter und konfrontiert den Leser mit spannenden Fragen.

Dürfen wir Lebewesen klonen, die schon längst ausgestorben sind? Welche Würde und welchen Wert gestehen wir dem Fremden zu? Wie könnten sich die politischen Gewichte auf der Erde in Zukunft verschieben? Und schließlich: Wird der Mensch seinen Planeten endgültig zerstören?

"Jane reloaded" erzählt von einem Experiment und ist auch selbst ein Experiment. Charlotte Kerner packt heiße Eisen an und bricht Tabus: Die Liebe zwischen Mensch und Frühmensch zum Beispiel hat etwas Verstörendes. Literarisch ist ihr Roman nicht immer perfekt, stellenweise wirkt er konstruiert oder theoretisch. Was aber absolut überzeugend rüberkommt, ist seine abgewogene Argumentation und seine lebenskluge Haltung: Der Homo sapiens ist nur ein Zwischenspiel in der unglaublich langen und komplizierten Entwicklung der Menschheit. Das Leben auf der Erde wird immer weiter gehen, wahrscheinlich aber ganz anders, als wir uns heute vorstellen können. Und damit haben wir es nicht – wie im Augenblick häufig – mit einer negativen Dystopie zu tun, sondern mit einer erfreulich positiven Utopie.

Besprochen von von Sylvia Schwab

Charlotte Kerner: Jane reloaded
Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 2011
216 Seiten, 14,95 Euro, ab 13 Jahren

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