Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Sonntag, 20.09.2020
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Interview | Beitrag vom 09.05.2020

Verlegerin zu 75 Jahre Pippi Langstrumpf"Ich wäre gerne die kleine Nachbarstochter Annika gewesen"

Silke Weitendorf im Gespräch mit Dieter Kassel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Lächelnd trägt die Schauspielerin Inger Nilsson in einem Film von 1968 als «Pippi Langstrumpf» an einem kalten Wintertag ihr Äffchen «Herr Nilsson» auf der Schulter spazieren (Szenenfoto von 1968).  (picture-alliance/epa Scanpix Sweden)
Die Faszination der Kinderbuchfigur Pippi Langstrumpf hält bis heute an. (picture-alliance/epa Scanpix Sweden)

Schon als Kind begegnete die Verlegerin Silke Weitendorf der Schriftstellerin Astrid Lindgren und gibt heute in Deutschland ihre Werke heraus. Sie war die erste deutsche Leserin einer Pippi-Geschichte.

Schweden feiert in diesem Jahr 75 Jahre Pippi Langstrumpf, denn die Autorin Astrid Lindgren veröffentlichte 1945 ihr erstes Pippi-Buch. Zum Jubiläum gibt der Verlag Friedrich Oetinger, in dem alle Werke auf Deutsch erscheinen, ein Jubiläumswerk heraus. Die Verlagsleiterin Silke Weitendorf war einst das erste deutsche Kind, das eine Geschichte zu lesen bekam und ist Lindgren später mehrfach begegnet.

Die Geschäftsführerin des Oettinger Verlags, Silke Weitendorf.  (picture-alliance/dpa/Daniel Reinhardt)Die Verlagsleiterin Silke Weitendorf war die erste deutsche Leserin einer Pippi-Geschichte. (picture-alliance/dpa/Daniel Reinhardt)

Sie sei damals im Alter von acht Jahren von dieser andersartigen Person Pippi Langstrumpf gleich fasziniert gewesen, sagt Weitendorf. "Diese kleine Pippi, die so mutig war, die so einfallsreich war, die so überraschende Einfälle hatte und als Spielkameradin so fantastisch sein musste."

Pippis Einfluss auf die Erziehung 

Sie wäre gerne die kleine Nachbarstochter Annika gewesen und hätte auch gerne so eine Spielkameradin gehabt. So wie Annika sei sie damals auch eher die Brave gewesen, sagt Weitendorf. "Der Stoff färbt letztlich doch nicht so ab, wie es damals eben auch viele Pädagogen befürchtet haben, weshalb dann Pippi auch in die Kritik geriet." Aber vielleicht habe man als Kind dennoch gewisse Stärken von Pippi unterbewusst verinnerlicht.

Pippi gelte als erstes antiautoritäres Kinderbuch, sagt Weitendorf. Diese freiheitliche Erziehung und der Gedanke der Rebellion seien dann erst nach 1968 richtig entstanden. "Ich könnte mir schon denken, dass die Pippi viel beeinflusst hat." 

Pippi Langstrumpf und ihre Freunde (picture-alliance/United Archives)Das Leben von Pippi Langstrumpf und ihren Freunde war Sehnsuchtsort für viele Kinder, die Bücher lasen und die Verfilmung sahen. (picture-alliance/United Archives) 

Die Autorin Astrid Lindgren habe sie schon als 11-jähriges Kind bei deren ersten Lesungen in Deutschland kennengelernt und später mehrfach erlebt, erzählt die Verlegerin. "Ich kannte sie schon recht gut." Lindgren sei eine ganz besonders nette Frau gewesen, sie habe sich für Menschen sehr interessiert und sich ihnen zugewandt.

Besondere Verbindung zu Kindern 

Als Kind habe man in der damaligen Zeit keine besonders große Rolle gespielt, erinnert sich Weitendorf. "Sie war sehr außergewöhnlich und wollte von mir Dinge wissen, die ich sonst nie gefragt wurde, zum Beispiel, ob ich ein glückliches Kind sei und was ich für Gedanken hätte." Vor allem habe Lindgren immer kleine Witze und Späße gemacht und damit Kinder immer sofort auf ihre Seite gezogen.

Porträt der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren ("Pippi Langstrumpf").  (picture alliance / Svenska Dagbl/Yvonne Åsell)Die Kinderbücher der Schriftstellerin Astrid Lindgren wurden weltweit übersetzt und gelesen. (picture alliance / Svenska Dagbl/Yvonne Åsell)

Später als Erwachsene im schwedischen Verlag habe sie Lindgren als sehr konzentriert und organisiert erlebt. Die Autorin habe am frühen Morgen schon sitzend in ihrem Bett ihre eigenen Geschichten stenografiert und später mit der Schreibmaschine abgetippt. Mittags um 12 Uhr sei sie dann im Verlag erschienen, wo sie eine leitende Position hatte.

Sie habe damals im Büro neben Lindgren gesessen, sagt Weitendorf. Dort habe es zunächst viele Gespräche bei viel Kaffee gegeben, wie schon damals in Schweden üblich. Dann habe sich Lindgren in ihr Büro zurückgezogen, um mit Autoren und Autorinnen zu sprechen, mit Illustratoren oder dem Verlagsleiter. Als Autorität habe sie über allem geschwebt.  

(gem)  

Pippi Langstrumpf - Heldin, Ikone, Freundin
Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 2020
236 Seiten, 30 Euro

Mehr zum Thema

Neue Version von "Pippi Langstrumpf" - Sie hat kein Äffchen und kein Pferd
(Deutschlandfunk Kultur, Studio 9, 29.10.2018)

Wahlkampf in Schweden - Auch Rechte lieben Pippi Langstrumpf
(Deutschlandfunk Kultur, Kompressor, 31.07.2018)

Psychologe: Pippi Langstrumpf ist zeitlos
(Deutschlandfunk, Interview, 14.11.2007)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur