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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 28.12.2017

Verlegerin Katrin Rohnstock"Wer sich erinnert, lebt zweimal"

Moderation: Britta Bürger

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Die Verlegerin Katrin Rohnstock (picture-alliance/ ZB / Soeren Stache)
Die Verlegerin Katrin Rohnstock betreibt auch verschiedene Erzählsalons. (picture-alliance/ ZB / Soeren Stache)

Was bleibt von einem Leben nach 75 oder 90 Jahren? Wie kann man eine Lebensgeschichte erzählen? Die Germanistin Katrin Rohnstock weiß, wie das geht. Mit ihrer Firma "Rohnstock Biografien" hat sie sich genau darauf spezialisiert.

Bei ihr kann man sein individuelles "Buch des Lebens" schreiben und gestalten lassen. Und nicht nur das: Die Germanistin Katrin Rohnstock, 1960 in der Nähe von Jena geboren und aufgewachsen, unterhält auch verschiedene Erzählsalons.

Hier berichten die Teilnehmer aus ihrem Leben und teilen ihre Erfahrungen mit anderen - frei nach dem Motto: "Wer sich erinnert, lebt zweimal". Und da in jeder Lebensgeschichte auch ein Stück Zeitgeschichte steckt, ist dieses Erinnern nicht zuletzt von gesellschaftspolitischem Wert und weist über das eigene Leben hinaus.

Die Erzählung ist der Rohstoff

1998 gründete die Germanistin und Verlegerin Katrin Rohnstock die Firma "Rohnstock Biografien", um Lebensgeschichten für andere zu schreiben. Seitdem veröffentlicht sie Autobiografien oder Familien- und Firmengeschichten, zum Beispiel über die Berliner Stadtreinigung oder den Wasserfilterhersteller BRITA. Im Fokus stehen aber die Biografien ganz normaler Menschen. Katrin Rohnstock sagt:

"Bei uns geht es nicht darum, für Prominente zu arbeiten, sondern eher für Leute wie du und ich. Und dass wir auf der Grundlage des erzählten Stoffes arbeiten. Also die Leute erzählen mündlich ihre Lebensgeschichte, und das ist für uns der Rohstoff, von dem wir ausgehen. Wir transkribieren den, die mündliche Erzählung wortwörtlich, das heißt wir verschriftlichen sie und von da aus arbeiten wir dann Strukturen heraus."

"Zeitig gemerkt, dass die Ostidentitäten im Westen nicht verstanden werden"

Das große Kunststück bestehe darin, in die Erinnerungssplitter eine Dramaturgie zu bringen. An die 300 Autobiografien hat Rohnstock inzwischen veröffentlicht. Ein thematischer Schwerpunkt sind Biografien von ehemaligen DDR-Bürgern:

"Ich habe schon sehr zeitig gemerkt, dass die Ostidentitäten im Westen nicht verstanden werden, dass der Westen unsere Prägungen, unser Geworden-Sein nicht versteht. In den letzten fünf Jahren interessiert mich besonders die ostdeutsche Wirtschaftsgeschichte. Ich habe ja die Geschichte von Edgar Most aufgeschrieben, dem späteren Deutschbanker und vorher stellvertretenden Präsident der DDR-Staatsbank. Und da ist mir erst mal ganz richtig bewusst geworden, wie interessant das eigentlich ist, und wie wenig ich selber darüber wusste und auch jetzt in der Gesellschaft bekannt ist."

In dem Sammelband "Der letzte Arbeitstag" wiederum erzählen 23 Menschen, welchen Lauf ihr Leben nach dem Zusammenbruch der DDR genommen hat. "Aus der Bahn geworfen" heißt das neueste Buch, das Rohnstock gemeinsam mit einer Kollegin geschrieben hat. Darin erzählen zwölf Männer von ihrer Midlife-Krise.

Literaturhinweise:

Rohnstock, Katrin: Mein letzter Arbeitstag. Abgewickelt nach 89/90. Ostdeutsche Lebensläufe.
Edition Berolina, 2015
336 Seiten, 14,99 Euro

Rohnstock, Katrin und Achermann, Lucette: Aus der Bahn geworfen. Über Männer, die ihr Leben verändern mussten.
Orell Füssli, 2016
256 Seiten, 17,95 Euro

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