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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.01.2018

Verleger Josef KleinheinrichJede Veröffentlichung als ein Kunstwerk

Von Andi Hörmann

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Verleger Josef Kleinheinrich (Andi Hörmann)
Der Verleger Josef Kleinheinrich (Andi Hörmann)

Kunstbücher und Künstlerbücher mit dem Schwerpunkt skandinavische Literatur: Seit 1986 führt Josef Kleinheinrich seinen Verlag. Seine zweisprachigen Bücher sind editorische Glanzleistungen, kleine Sensationen für Auge und Hand.

Ein trocken-kalter Wintertag mitten in Münster. Grau und trübe. Ein Auto rollt über das Kopfsteinpflaster. Königsstraße, Hausnummer 42. Am Torbogen der Einfahrt hängt auf etwa drei Metern Höhe ein Metallschild, das im Wind baumelnd quietscht. Hier hat Josef Kleinheinrich seine Verlagsräume.

Eine Künstlerin verabschiedet sich, der Journalist wird herzlich begrüßt.

"So, haben Sie es gefunden?"

"Mein Name ist Josef Kleinheinrich. Der Verlag heißt auch Kleinheinrich Verlag. Wir sind jetzt hier im Oerschen Hof in Münster auf der Königsstraße. Das ist ein Hof aus dem 18. Jahrhundert."

Klare Sätzen, gleichmütig formuliert – Kleinheinrich spricht wie er gekleidet ist. Schlichte Eleganz: weißes Hemd und kimonoartiges Leinenjacket in Schwarz. Ein in sich ruhender Mensch mit der Aura einer Künstlerpersönlichkeit. Form und Inhalt, eine Einheit.

"Meine Lieblingsobjekte sind einfach die Bücher, in denen Text und Bild zusammenkommen. Manchmal reagiert der Dichter auf einen Künstler, manchmal der Künstler auf einen Dichter. Es gibt auch ganz einfach Bücher, nur mit Text. Aber die liebsten sind mir die, wo eben Text und Bild irgendwie miteinander korrespondieren."

Die Räumlichkeiten bei Kleinheinrich haben mehr von Kunstatelier als von einem Buchverlag. Weiß dominiert, naturbelassen das Holz im Raum.

"Das ist so ein bisschen mein Schreibtisch. Aber hier unten sitze ich eigentlich nicht so oft. Ich bin mehr oben, weil da eben doch mehr Platz ist für die ganzen Unterlagen, die ich immer habe."

"Das heißt: Wir gehen nach oben?"

"Wir gehen jetzt nach oben."

Ein Ort für Ausstellungen und Lesungen

Über eine Treppe geht es in den ersten Stock in einen ungewöhnlichen, ovalen Raum: die ehemalige Hauskapelle der hier einstmals residierenden Adelsfamilie. 20 Quadratmeter mit einer Decken-Rotunde: abgespachtelt, roh belassen, blau schimmernd. Ein Ort für Ausstellungen, Lesungen und Konzerte. Rechts geht es weiter in den nächsten Raum:

"Hier habe ich immer das liegen, was ich gerade in Arbeit habe, was ich vorbereite. Im Moment arbeite ich an diesem Buch. Das ist ein neues Buch mit der Christina von Bitter. Sie hat eine Auswahl ihrer Papierarbeiten gemacht und hat diese Papierarbeiten Nora Gomringer vorgelegt – eine Dichterin, Lyrikerin. Die hat sich damit beschäftigt und hat im Grunde zu jedem Bild einen Satz geschrieben, oder auch manchmal nur ein einziges Wort geschrieben. Das ist gerade fertig geworden."

Drei, vier Bücher verlegt Josef Kleinheinrich im Jahr. Kunstbücher, Künstlerbücher – Buchkunst auf aller höchstem Niveau. Jede Veröffentlichung ein Kunstwerk für sich.

"Ich arbeite jetzt ja seit 30 Jahren mit diesen Büchern. Und inzwischen habe ich natürlich sehr viele Künstler und Dichter, mit denen ich immer wieder arbeite, weil ich gerade auch diese Kontinuität sehr schön finde."

Mehr als 90 skandinavische Bücher sind bei Kleinheinrich bisher erschienen: ein Lebenstraum des 1953 geborenen Verlegers in Gestalt eines Regalmeters.

"Das liegt eben daran, dass ich unter anderem auch in Kopenhagen studiert habe – Skandinavistik. Und ich wollte eben, das war ganz am Anfang mein Plan, im Laufe der Jahre eine kleine skandinavische Bibliothek aufbauen. Denn damals, als ich anfing den Verlag zu gründen, gab es nur ganz wenige wirklich gute Übersetzungen aus dem Schwedischen, Dänischen, Norwegischen, Isländischen. Man kannte die Krimis damals schon. Aber durch das Studium habe ich gemerkt, dass es fantastisch gute Literatur gibt, die aber hier nicht wahr genommen wird. Wahrscheinlich weil es alles kleine Länder sind."

Schlicht und zeitlos

Kleine literarische Schätze aus kleinen Ländern der nördlichen Hemisphäre: In den Händen von Kleinheinrich werden sie groß. Er verleiht ihnen mit seinem schlichten Stil eine zeitlose Form.

"Ich schreibe ja nicht die Texte, ich male ja nicht die Bilder. Meine Aufgabe ist eben den Bildern, den Texten, entsprechend ein Kleid zu geben. Wie könnte das Buch aussehen, welches Papier nehme ich, welche Größe, welches Format? Und so weiter und so fort."

"Bei Ihnen hat man das Gefühl, jeder kleine Gegenstand hat eine kleine Geschichte. Ist das so?"

"Ja, das stimmt. Ja. Kann man sagen."

"Der Stein, der da hinten auf dem Buch liegt, dieser runde Stein, der aussieht wie ein Ei."

"Ich bin ja immer schon sehr viel in Dänemark gewesen. Und das sind Steine, die ich auf einer Insel gefunden habe. Die sind alle so rund. Das interessante an diesen Steine ist: Der ist ganz normal, abgesehen davon, dass er rund ist, aber ich habe auch ein paar wenige Exponate, da ist ein Stein im Stein. Das heißt: Wenn das so ein bisschen kaputt ist an der Seite, dann sieht man das, und wenn man das rüttelt, dann hört man das. Klack, klack, klack, klack."

Der Stein im Stein. Er steht vielleicht sinnbildlich für ein Buch im Buch. Denn die Veröffentlichungen von Kleinheinrich erzählen Geschichten – weit über das bloße Zusammenspiel von Text und Bild hinaus. Das Buch selbst ist Teil der Literatur: Leinengebunden, Fadenheftung, Pergaminumschlag. Der Verleger ist Künstler. Die Zärtlichkeit gegenüber dem Papier. In den Verlagsräumen mit dem knarzenden Dielenboden wird sie zu einer analogen, ja geradezu haptischen Erfahrung. Jeder Schritt ein Stück Verheißung. Zwischen den Buchdeckeln steckt eine Sehnsucht: Das einzigartige Papier aus Japan. Ja, Japan!

"Da möchte ich mal hin! Die Art wie die Menschen dort leben – was ich so gelesen haben, und gehört habe – wie die miteinander umgehen, die Papiere, ich habe ja viele Bücher auch gemacht mit Papieren aus Japan, die sind ganz besonders, muss ich sagen. Und dieses Zurückhaltende, dieses Ruhige, dieses Einfache – das ist schon faszinierend."

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