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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.02.2018

Verleger Jo Lendle über polnischen Literaturkanon"Das ist wie eine Kulturrevolution von oben"

Jo Lendle im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Der Verleger und Autor Jo Lendle , aufgenommen am 17.10.2009 auf der 61. Frankfurter Buchmesse in Frankfurt am Main. | Verwendung weltweit (Pictue-alliance/dpa)
Jo Lendle, Chef des Hanser-Verlags (Pictue-alliance/dpa)

"Es reicht": Deutsche Verleger und Übersetzer wenden sich gegen den neuen Literaturkanon an polnischen Schulen. Den an Warschau gerichteten Protestbrief hat auch Hanser-Chef Jo Lendle unterzeichnet. Er befürchtet eine "Kulturrevolution von oben", zu der man nicht schweigen dürfe.

Marietta Schwarz: Die polnische PIS-Regierung macht seit einiger Zeit vor, wie man rechte Ideologie in die Mitte der Gesellschaft einsickern lässt. Der Weg führt über Kultur, Medien und Bildung, und dazu gehört auch, Korrekturen in der Geschichtsschreibung vorzunehmen, wie es jüngst mit der Unterzeichnung des Holocaust-Gesetzes geschah, das bestimmte Aussagen über die Nazizeit verbietet.

Aus dem Ausland hagelte es Kritik, unter anderem von jüdischen Organisationen, und nun protestieren auch deutsche Verleger und Übersetzer polnischer Literatur, denn auch unliebsame Autoren und Künstler geraten zunehmend unter Beschuss. Jo Lendle ist am Telefon, Chef des Hanser-Verlags. Guten Abend, Herr Lendle!

Jo Lendle: Guten Abend!

Unliebsame Autoren werden verbannt

Schwarz: Sie gehören zu den Unterzeichnern eines Schreibens an das polnische Außen- und Kulturministerium mit dem Titel "Es reicht!". Was genau kritisieren Sie?

Lendle: Es ist diese Ansammlung verschiedener Aktivitäten, die ja seit einigen Jahren schon deutlicher werden und die jetzt noch mal einen starken Schlag gekriegt haben durch die neuesten Gesetze. Das ist das Holocaust-Gesetz, das ist aber auch unterhalb der Gesetzgebungsebene. Das sind so Initiativen, aus den Schulbüchern, aus dem Kanon bestimmte unliebsame Autoren zu verbannen. Deswegen sind wir Übersetzer und Verleger jetzt gefragt, die für uns zur polnischen Literatur, zur polnischen Kultur dazugehören, und da wollen wir nicht schweigen, weil wir uns denen natürlich auch verbunden fühlen.

Schwarz: Ja, das läuft etwas unter dem Radar des Auslands, dieser neue so genannte Literaturkanon. Welche Werke werden denn da verbannt, und was bedeutet das?

Lendle: Das sind eben durchaus auch Autoren, die wir selbst im Haus pflegen. Das ist Bruno Schulz, Witold Gombrowicz, das ist Joseph Conrad, von dem viele gar nicht wissen, was er Pole war – Kapuściński. Das sind also so die offeneren, ein bisschen unabhängigen, freieren Geister, und da werden jetzt die Schulbücher eben ersetzt durch die nationalistischeren oder den nationalistischen Denkern sozusagen, mehr auf Linie erscheinenden Autoren. Das ist tatsächlich in Polen eine ziemlich alte Idee.

Das hat vor zehn Jahren, erinnere mich schon, die LPR, also diese andere rechtskonservative Partei das gefordert, dass diese unliebsamen Autoren wie eben Gombrowicz aus den Schulbüchern raus sollen. Damals wurde noch so halb drüber gelacht, und jetzt ist eben die PiS-Partei an der Macht und kann das durchsetzen. Und damit prägt man natürlich schon sehr markant das, was überhaupt fortlebt und was diskutiert wird und was zum eigenen Selbstverständnis gehört.

Das nationale kulturelle Bild wird etabliert

Schwarz: Wer kommt denn da dazu, beziehungsweise was bedeutet es, wenn die aus dem Kanon rausfliegen? Was ist das für ein Verlust?

Lendle: Das ist eben der Verlust des offenen Polens. Polen, das ja doch einfach in seiner ganzen Kulturorganisation, in seinen kulturellen Aktivitäten auch jenseits der Literatur, auch im Theater, in der Musik, eine ungeheure Offenheit hat und einen starken Austausch mit dem Rest der Welt, eben auch mit Deutschland oder Westeuropa, soll jetzt mehr auf Linie gebracht werden, da sollen Verbindungen gekappt werden.

Das ist ja eine Tendenz, die wir auch an anderen Orten in Europa sehen, die Grenzen wieder hochfahren, das nationale kulturelle Bild wieder zu etablieren. Und das ist für uns, die doch seit vielen Jahren da so ein gegenseitiges Interesse durch die Vermittlung von polnischer Literatur hier, aber auch durch Kontakte für deutschsprachige Literatur in Polen, diesen Austausch suchen, ist das wie eine Kulturrevolution von oben, die da jetzt einfach sagt, keine Offenheit bitte mehr, keinen Austausch.

Schwarz: Eine Regierung, die so etwas beschließt beziehungsweise befördert, die braucht auch willige Wähler, sollte man meinen. Oder ist das inzwischen anders? Reicht auch Passivität?

Lendle: Es gibt ja große Bewegungen dagegen. Es gibt ja auch die Demonstrationen und die Initiativen in Polen vor Ort, die aber auch brauchen, dass sie international gesehen werden. Man könnte ja auch sagen, mischen wir uns da doch nicht ein, das ist deren Binnen- und Innenpolitik. Aber ich glaube, dass da auch so ein kleiner Beistand durchaus gesehen wird und wahrgenommen wird und hilfreich ist.

Schwarz: Beistand, sagen Sie. Was kann man ausrichten als Verleger aus dem Ausland? Vielleicht auch mehr?

Lendle: Was wir zum einen ausrichten können, ist eben die Unterstützung der Freunde und der Autoren dort. Unsere Autoren schreiben dort ja auch in den Zeitungen, die schreiben nicht nur Literatur und Gedichte, sondern mischen sich auch recht aktiv ein, schreiben übrigens auch in deutschsprachigen Zeitungen teilweise. Gleichzeitig ist es uns natürlich aber auch ein Anliegen, auf dieser Seite der Grenze ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass da uns gerade etwas verloren geht eben an bilateralen Begegnungen. Und hierzulande auch zu markieren, stopp mal, das wollen wir nicht so schnell entgleiten lassen.

Aufforderungen, das zu sehen und zu kommentieren

Schwarz: Was bekommen Sie denn von Ihren Autoren zu hören? Sie haben ja einige polnische Autoren in Ihrem Verlagsprogramm.

Lendle: Wir haben jetzt zum Beispiel gerade den neuen Gedichtband von Adam Zagajewski herausgebracht, der viel auch in Deutschland reist und auftritt, und der dann natürlich berichtet, wie sich dort die Stimmung und die Atmosphäre des Schaffens verändert. Wir hatten Jircak Denel, der hier eben auch schon sehr deutlich kommentiert hat in der "Süddeutschen" letztes Jahr, wie in alle Lebensbereiche hinein diese allmähliche Auf-Spur-Bringung, dieses Abkapseln sich anfühlt und welche konkreten Maßnahmen es sind. Das sind durchaus auch – jetzt keine Hilfeschreie, aber es sind sozusagen Aufforderungen, das zu sehen und das zu kommentieren.

Schwarz: Gibt es denn bereits Reaktionen auf Ihren Protestbrief?

Lendle: Aus Polen selbst hat uns jetzt noch nichts erreicht. Aber bis es, das war jetzt eben gerade in verschiedenen Zeitungen dort, es ist an die Regierung selbst gegangen, es wird dort diskutiert, es wird hier diskutiert, und das soll so sein.

Schwarz: Jo Lendle, der Chef des Hanser-Verlags, gehört zu den Unterzeichnern einer Protestschrift an das polnische Kultur- und Außenministerium, gegen den Kurs der PiS-Regierung. Herr Lendle, vielen Dank für das Gespräch!

Lendle: Gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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