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Länderreport | Beitrag vom 13.07.2020

Verkehrswende in HannoverMit dem Fahrrad auf die Überholspur

Von Dietrich Mohaupt

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Demonstranten fahren mit ihren Fahrädern auf abgesperrten Hauptstraßen durch Hannover. (picture alliance / GES / Marvin Ibo Güngör)
Per Fahrrad zur Verkehrswende: In Hannover wird unter anderem mit einer Critical Mass für eine klimafreundliche Innenstadt demonstriert. (picture alliance / GES / Marvin Ibo Güngör)

Hannover fährt Rad - und wenn es nach dem grünen Bürgermeister Belit Onay geht, künftig noch mehr. Seine Stadt soll "autoarm" werden. Das findet selbst bei Einzelhändlern Zustimmung. Obwohl sie den Verlust motorisierter Kunden fürchten.

Kostenloser Check des Fahrrads auf dem Tramplatz, einer großen Freifläche vor dem Neuen Rathaus in Hannover. Mit dabei ist natürlich auch Oberbürgermeister Belit Onay.

Der erste grüne Oberbürgermeister Hannovers hat sein Fahrrad mitgebracht. Aber nicht irgendeines, sondern das bevorzugte Vehikel aus den Wahlkampftagen im vergangenen Jahr.

Sicher ausgebaute Velorouten

Natürlich weiß Onay, dass ein grünes Fahrrad noch keine grüne Verkehrspolitik macht. Deshalb hat er eine erste Duftmarke gesetzt – und ein Konzept seiner Verwaltung für die Stärkung der Fahrradmobilität in Hannover präsentiert.

Insgesamt zwölf sogenannte Velorouten sollen in den nächsten Jahren entstehen: komfortabel und sicher ausgebaute Radwege, die sich nicht kreuzen und die getrennt vom Autoverkehr den Hauptverkehrsring rund um die Innenstadt mit allen Stadtbezirken verbinden sollen.

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Das sei zwar nicht die von ihm im Wahlkampf als Ziel formulierte autofreie Innenstadt, so Onay, aber:

"Autofreie Innenstadt - das ist nicht nur eine Frage von Autos raus, sondern es ist die Suche nach platzsparenden, umweltschonenden, klimafreundlichen, gesunden Alternativen. Wenn man da etwas sucht, wird man sehr schnell beim Fahrrad als guter Alternative fündig."

Nachhaltige Entwicklung 

Mitten im Corona-Lockdown kamen diese Velorouten auf den Tisch. In einer Phase, in der auch in der Hauptstadt des Autolandes Niedersachsen der individuelle Autoverkehr deutlich zurückgegangen war.

Andere Städte wie Berlin reagierten darauf sehr schnell mit sogenannten Pop-Up-Bike-Lanes - temporären Radfahrstreifen auf üblicherweise viel befahrenen Straßen. In Hannover sucht man so etwas bisher vergeblich. Der Oberbürgermeister gibt aber zu bedenken:

"Wir wollen hier eine echte Verkehrs- und Mobilitätswende, nicht nur für dieses Jahr, sondern auch darüber hinaus. Deshalb bin ich skeptisch, was solche provisorischen Verbesserungen angeht. Wir haben mittlerweile in Hannover, Gott sei Dank, ein etwas anderes Level, einen anderen Standard, als womöglich andere Städte. Aber dennoch haben wir hier massiven Bedarf zu Verbesserungen, das will ich auch nicht verhehlen. Genau darauf geben wir eine Antwort."

Keine Parkplatzsuche in der Innenstadt

Neben den Plänen für die Velorouten ist auch das gerade veröffentlichte Verkehrswendekonzept von Bündnis 90/Die Grünen ein Teil dieser Antwort. Es soll den Fußgänger- und Radverkehr in der Innenstadt stärken - und trotzdem Autoverkehr ermöglichen, erläutert Hannovers Grünen-Chefin Gisela Witte:

"Durch Corona ist es noch einmal vielen Leuten bewusst geworden, wie schön es in der Stadt sein kann, wie leise, wie viel Platz es geben kann, dass es Möglichkeiten gibt zur Begegnung."

Das wollen die Grünen erreichen, indem Autofahrern über einzelne Straßen vom Cityring aus noch die Zufahrt zu den Parkhäusern in der Innenstadt ermöglicht wird. Gleichzeitig werde aber der Durchgangs- und Parksuchverkehr aus anderen Straßen verbannt, so Witte:

"Dann wollen wir sichtbar machen, wo die Fußgängerinnen gehen, wo die Radfahrerinnen ihre Spuren haben. Die Busse und die Straßenbahnen fahren dann natürlich auch weiter in die Stadt hinein. Wenn man nicht so viele Staus hat, fahren die auch viel pünktlicher und können auch in anderen Taktzeiten fahren."

Angst vor ausbleibenden Kunden

Es ist also eher ein Konzept für die "autoarme" Innenstadt. Das Wörtchen "autofrei" taucht darin nicht auf. An diesem Begriff hatte sich schon im Wahlkampf der Zorn der Geschäftsleute aus dem betroffenen Bereich entzündet.

Martin Prenzler, Geschäftsführer der Citygemeinschaft Hannover, lässt keine Zweifel:

"Nein, eine autofreie Innenstadt ist überhaupt nicht prächtig. Weil eine autofreie Innenstadt würde für uns bedeuten, dass wir eine Vielzahl von Kunden verlieren würden – und zwar ad hoc. Das kann nicht der richtige Weg sein."

Andererseits räumt Prenzler ein: "Der Weg hin zu einer autoärmeren Innenstadt ist der richtige."

Parkplatz-Reservierung mit dem Smartphone

Deshalb könne er dem Konzept der Grünen auch einiges abgewinnen, so Prenzler. Seine eigene Vision einer Mobilitätswende mit Blick auf die Innenstadt von Hannover sieht allerdings ein bisschen anders aus:

"Wenn wir jetzt nur mal den Autoverkehr betrachten, dann ist es sicherlich so, dass man sich die Frage stellen kann, warum kann ich mir heute eigentlich nicht mit einer modernen App meinen Parkplatz gleich buchen, wenn ich dann aus der Wedemark – um ein Beispiel zu nennen – nach Hannover fahre? Dann hätte ich einen garantierten Stellplatz, ich könnte zielgerichtet dorthin geführt werden, ich würde keinen ärgern in der Innenstadt mit Parksuchverkehr."

Dirk Hillbrecht vom ADFC Hannover wiederum kann damit nicht wirklich etwas anfangen. Es genüge nicht, den Autoverkehr in der Innenstadt mithilfe von Technik etwas anders zu organisieren. Aber auch das Konzept der Grünen, an dessen Erstellung der ADFC beteiligt war, sei nur als ein Übergang in eine weitere Phase des Wandels zu verstehen.

"Die kann durchaus heißen, dass Autoverkehr noch wesentlich stärker aus der Innenstadt rausgeht, als das bisher der Fall ist. Wohlgemerkt: Nicht, weil irgendeine Partei oder irgendeine Interessengruppierung das durchdrückt, sondern weil sich letztendlich alle Menschen darauf einigen, dass Platz in der Stadt viel besser dafür nutzbar ist, dass sich da Menschen begegnen, dass da Kinder spielen, dass man da mit dem Fahrrad fahren kann, als dass da Blech fährt oder abgestellt wird."

Weniger Autos, mehr Kunst und Kultur

Bei der FDP, zusammen mit der SPD politischer Partner der Grünen im Stadtrat, lösen genau solche Sätze tiefes Unbehagen aus. Auf den ersten Blick wirke das Konzept der Grünen ganz schlüssig. Man werde aber nicht zulassen, dass damit quasi durch die Hintertür doch die "autofreie Innenstadt" etabliert werde, mahnen die Liberalen.

Für Oberbürgermeister Onay ist genau das die Herausforderung: Seine Wahl habe gezeigt, dass es eine wachsende Bereitschaft gebe, Mobilität in der Innenstadt ganz neu zu denken. Wie das geschehen solle, das müsse man jetzt intensiv ausdiskutieren. Denn:

"Autofrei heißt für mich nicht menschenleer oder Stillstand, sondern ganz im Gegenteil mehr Mobilität, progressive Stadtentwicklung, wie schaffen wir es, dann den frei werdenden Raum für Kunst und Kultur, für wirtschaftliche Nutzung auch anders zu nutzen? Genau darüber möchte ich diskutieren."

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