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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.06.2015

Verkehrsclub DeutschlandRegierung soll mehr Anreize für den Kauf von E-Autos schaffen

Gerd Lottsiepen im Gespräch mit Nana Brink

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Ein Autofahrer steckt einen Ladestecker einer E-Mobilität-Zapfsäule in ein batteriebetriebenes Fahrzeug. (dpa / Friso Gentsch)
In den Augen vieler Verbraucher sind E-Autos nach wie vor zu teuer und zu umständlich (dpa / Friso Gentsch)

Da können Politiker noch so sehr betonen, wie "sexy" Elektroautos seien: Die Leute kaufen lieber SUVs. Auch weil die Politik die E-Mobilität nur halbherzig vorantreibe, kritisiert Gerd Lottsiepen vom ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD). In Berlin findet derzeit die Konferenz "Elektromobilität - Stark in den Markt" statt.

Eine Million Elektroautos will die Bundesregierung bis 2020 auf die Straße bringen. Bis Ende des letzten Jahres waren es allerdings gerade einmal 24.000, sagt der verkehrspolitische Sprecher des ökologischen Verkehrsclub Deutschland (VCD), Gerd Lottsiepen. Das Ziel werde also weit verfehlt. 

"Trotzdem tut man so, als ob alles wunderbar liefe."

Lottsiepen warf sowohl der Bundesregierung als auch der Automobilität Halbherzigkeit in der Frage der Elektromobilität vor. Beispielsweise müsse die Politik dafür sorgen, dass die Emission von Treibhausgasen strenger limitiert und zudem teurer werde. So aber würden Elektroautos auf längere Zeit deutlich teurer bleiben als andere Autos.

Sind und bleiben "Energievernichter": die populären SUVs

Die Automobilindustrie wolle lieber im alten Geschäftsfeld weiterfahren, anstatt das Elektroauto voranzutreiben.

"Sie verdienen mit immer größeren, immer schwereren Autos immer mehr Geld, also, die SUVs sind ja eine finanzielle Erfolgsgeschichte für die Automobilindustrie." Zwar sollten SUVs künftig mit elektrischer Unterstützung verkauft werden, so der verkehrspolitische Sprecher des VCD .

"Dadurch werden sie aber eigentlich auch nur ein bisschen besser, weil sie sind Energievernichter."


Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: An dieser Stelle sei mal ein persönlicher Eindruck gestattet, den Sie ja vielleicht mit mir teilen: Immer auf dem Weg ins Funkhaus fahre ich an einem unförmigen Kasten vorbei, der ist an einer Ampel positioniert, und beobachte, wie Menschen eine Steckdose erst in ihr Auto stecken und dann in diesen Kasten. Keine Schlangen, keine ständig wechselnden Preise, keine Abgase – eigentlich eine ziemlich super Sache. Hat auch die Bundesregierung erkannt, weshalb sie das Ziel eine Million Elektroautos bis 2020 ausgegeben hat.

Seit Montag lädt sie auch zur Nationalen Konferenz Elektromobilität. Bundesregierung, hochrangige Vertreter aus Autoindustrie, Forschung und Wissenschaft diskutieren über die Zukunft des Elektroautos. Aber ist das Ziel, also jene eine Million Autos überhaupt noch zu schaffen bis 2020? Bisher sind noch nicht mal 100.000 auf der Straße. Und sind sie wirklich umweltfreundlicher? Alles Fragen, die ich jetzt Gerd Lottsiepen stellen möchte, er ist verkehrspolitischer Sprecher des ökologischen Verkehrsclub Deutschland und selbst bei der Konferenz mit dabei. Guten Morgen!

Gerd Lottsiepen: Guten Morgen!

"Das Elektroauto braucht die Verkehrswende"

Brink: Ist denn der Hype – also, die Bundesregierung tut es ja so – ums Elektroauto gerechtfertigt?

Lottsiepen: Es ist gerechtfertigt, dass man auf andere Energien, auf alternative Antriebe setzt. Weil, wenn wir die Klimaziele der Bundesregierung oder der internationalen Staatengemeinschaft erreichen wollen, also bis zum Jahr 2050 praktisch auf null Emissionen des Treibhausgases CO2 zu kommen, dann muss jetzt gehandelt werden. Nicht gerechtfertigt ist der Hype in dem Sinne, dass immer so getan wird, als ob wir da schon auf einem guten, auf dem richtigen Weg sind. Gestern auch bei dieser Konferenz.

Also, es ist vollkommen klar, das Ziel – im letzten Jahr hätten es 100.000 Fahrzeuge sein müssen eigentlich, um diesen Pfad zu erreichen auf eine Million – ist weit verfehlt. Ende letzten Jahres waren es 24.000 Autos. Aber trotzdem tut man so, als ob alles wunderbar liefe. Es war ein Kongress der Einmütigkeit und, ja, und da ist es überhaupt nicht gerechtfertigt, dieser Optimismus. Weil, es nützt auch nichts, nur den Antrieb zu wechseln und sonst so weiter machen wie bisher, denn das Elektroauto braucht die Verkehrswende.

Brink: Haben Sie ein Elektroauto?

Lottsiepen: Nein, ich habe kein Elektroauto.

Brink: Warum nicht?

Lottsiepen: Ich lebe mitten in Berlin, mitten in der Großstadt und ich lebe wunderbar mit guter Lebensqualität ohne eigenes Auto. Ich nutze Carsharing-Autos und nutze dann, wenn ich eins nehme, auch gerne ein Elektroauto. Also, ich fahre Elektroauto, aber meistens bin ich in der Stadt mit dem Fahrrad unterwegs.

Ohne Lademöglichkeit zu Hause oder am Arbeitsplatz "Riesenaufwand"

Brink: Das ist ja ganz interessant, man fragt sich ja, warum funktioniert das eigentlich nicht. Alle sind begeistert, ich habe es ja schon selber geschildert, und dann fängt man an zu recherchieren und denkt sich, oh, das ist aber ziemlich kompliziert! Woran hakt es?

Lottsiepen: Also, bei mir kann es nicht funktionieren, ich wohne in einem Mietshaus, ich habe eine Mietwohnung im sechsten Stock, eine schöne Wohnung zwar, aber ich habe keine Möglichkeit, überhaupt ein Elektroauto zu laden. Also, ich müsste einen Riesenaufwand treiben oder ich müsste permanent zu irgendwelchen Säulen fahren, um zu tanken.

Aber die Frage ist ja erst mal, braucht man überhaupt ein eigenes Auto, kann man nicht anders viel günstiger leben? Also, es ist nicht so einfach, jetzt mal eben mal umzusteigen auf ein Elektroauto. Also, man braucht eigentlich zu Hause oder im Job eine Lademöglichkeit. Alles andere gestaltet sich dann halt sehr schwierig.

Brink: Wir haben ja schon geguckt auf dieses Ziel, also eine Million, 100.000 sollten es dann irgendwie sein, und irgendwie funktioniert es nicht. Und dann guckt man sich ja mal die Umsatzzahlen an von Elektroautos, die stagnieren auch, es sind – na, ich sage es mal vorsichtig – auch Ladenhüter. Auf der anderen Seite boomen aber zum Beispiel die sogenannten SUVs, die Sport Utility Vehicles, also, das sind so diese traktorähnlichen Sportwagen. Sind Elektroautos einfach auch nicht sexy?

Lottsiepen: Ja, da muss sich jeder mal reinsetzen, jeder sollte mal Elektroauto fahren. Und ich habe gestern auf dem Kongress ich weiß nicht wie oft gehört, dass es doch so sexy sei, in einem Elektroauto zu sitzen, zum Beispiel Verkehrsminister Dobrindt sprach davon, und welche Blicke er auf sich zieht, wenn er in einem Elektroauto sitzt. Und dann kommen solche Sprüche, ja, und wenn man dann von der Ampel so richtig abziehen kann ... Aber da denke ich auch manchmal, die Denke ist da ein wenig merkwürdig. Wenn ich in der Stadt bin, dann kommt es nicht darauf an, dass ich einen Kavalierstart, egal mit welchem Antrieb, vorlege.

Halbherzige Bemühungen der Autoindustrie

Aber Elektroauto zu fahren, ist ... Also, ich finde es sehr angenehm. Es ist ruhig, es ist auch sehr glatt, man muss ja nicht schalten, das geht alles vollautomatisch. Es ist angenehm. Das sollte jeder mal ausprobieren, die Möglichkeiten gibt es ja nicht überall, aber in vielen Orten kann man doch ein Elektroauto entweder übers Carsharing sich holen oder sonst auch in Autohäusern eine Probe fahren.

Brink: Nun haben wir ja schon versucht herauszufinden, warum es eigentlich nicht klappt so richtig. Und Sie haben angesprochen die Schwierigkeiten, eine Ladestation zu finden. Woran hakt es denn noch, Ihrer Meinung nach?

Lottsiepen: Vor allem hakt es daran, dass die Automobilindustrie das Elektroauto doch nur halbherzig betreibt und vorantreibt und auch dafür wirbt. Wenn man mal in Autohäuser geht, dann hört man doch relativ häufig, na ja, so richtig weit sind die ja noch nicht und man kann dieses und man kann jenes nicht tun.

Das Problem ist einfach, die Autoindustrie möchte im alten Geschäftsfeld weiterfahren. Sie verdienen mit immer größeren, immer schweren Autos immer mehr Geld. Also, die SUVs sind ja eine finanzielle Erfolgsgeschichte für die Automobilindustrie und das ist was vollkommen anderes als batterieelektrische Autos. SUVs sollen jetzt mit elektrischer Unterstützung verkauft werden, dadurch werden sie aber eigentlich auch nur ein bisschen besser, denn sie sind Energievernichter.

Die Autoindustrie setzt nicht um. Sie hat eigentlich bis auf eine Ausnahme – das ist der BMW i3 –, hat sie herkömmliche Autos genommen und hat den Antrieb gewechselt. Also, aus dem Diesel- oder Benzinmotor wurde ein Elektromotor. Und die Autoindustrie geht natürlich keinen Schritt in die Richtung, dass man wirklich eine Verkehrswende einleitet.

Wir brauchen strengere CO2-Grenzwerte

Brink: Na gut, aber das hängt ja auch ein bisschen – sorry, wenn ich Sie unterbreche – mit dem Verbraucher zusammen, der das ja vielleicht auch nicht möchte. Der Markt ist ja immer so ein Geben und Nehmen. Ist denn so was wie dieses Argument, Elektromobilität ist fürs Klima besser, zündet das auch nicht?

Lottsiepen: Das ist das einzige Argument, was wirklich aus unserer Sicht zählt. Nur der Klimaschutz rechtfertigt, dass man so viel in das Elektroauto investiert. Aber genau das wird eben halbherzig betrieben. Die Bundesregierung müsste auch mit Anreizen herangehen. Man müsste zum Beispiel dafür sorgen, ganz wichtig, dass die Emission von Treibhausgasen, die müsste limitiert werden, strenger limitiert werden, als das heute der Fall ist, also gesetzlich begrenzt durch CO2-Grenzwerte. Und die Emission von CO2 müsste teurer werden. Dann würde man wirkliche Anreize setzen. Jetzt ist es halt so und das wird auch auf längere Zeit so bleiben, das Elektroauto ist deutlich teurer, also, man macht was Gutes, man tut was Gutes, muss dafür aber mehr bezahlen. Und da müsste die Politik auch ran.

Brink: Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des ökologischen Verkehrsclub Deutschlands. Danke, Herr Lottsiepen, für das Gespräch!

Lottsiepen: Danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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