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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.08.2014

Vergessener KriegSpäte Aufarbeitung

In Moskau wurde ein Denkmal für den Ersten Weltkrieg eingeweiht

Von Gesine Dornblüth

Wladimir Putin bei der Einweihung eines Denkmals für den Ersten Weltkrieg. (picture alliance / dpa / EPA / Yuri Kochetkov)
Wladimir Putin bei der Einweihung eines Denkmals für den Ersten Weltkrieg. (picture alliance / dpa / EPA / Yuri Kochetkov)

In Russland galt der Erste Weltkrieg bis vor kurzem als "Vergessener Krieg". In der Sowjetunion war er tabuisiert. Er galt als imperialistisch, denn bei seinem Ausbruch war Russland noch ein Zarenreich. Zum 100. Jahrestag entdeckt Russland den Ersten Weltkrieg neu. Heute wurde im Siegespark in Moskau ein zentrales Denkmal für die Gefallenen eröffnet.

Ein langer Granitblock mit der Aufschrift: "Ehre den Helden des Ersten Weltkrieges". Ein Relief mit Soldatenfiguren: Der Anführer streckt das Bajonett in die Höhe, eine barmherzige Schwester hält einen leblosen Körper im Arm. Die weiß-blau-rote Fahne Russlands. Als Blickfang ein einzelner mehrere Meter hoher Bronzesoldat auf einer Säule. So sieht es aus, das zentrale Denkmal Russlands für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Andrej Kowaltschuk, der Bildhauer, wollte einen Soldaten darstellen, der ehrlich und treu seinem Vaterland gedient hat.

"Ich weiß nicht, ob er Sieger ist oder nicht, denn Russland ist ja vor Kriegsende aus dem Krieg ausgeschieden. Aber er hat durchgemacht, was die Kämpfer aller Länder durchgemacht haben. Deshalb ist die Figur symbolisch, vielleicht nicht nur für Russland. Er könnte auch in Frankreich gedient haben, in England, in Serbien, in Deutschland."

Seitenhieb gegen den Westen

Und eigentlich hätten auch viele ausländische Staatschefs bei der heutigen Einweihung des Denkmals in Moskau anwesend sein sollen – aufgrund der aktuellen politischen Lage, der Isolation Russlands, kam es anders. Gerade mal eine Viertelstunde dauerte die Zeremonie, und Russlands Präsident Putin nutzte sie, in Anwesenheit einiger dutzend russischer Funktionsträger und Militärs, für einen Seitenhieb gegen den Westen, dem er die Schuld an dem Konflikt in der Ukraine gibt.

"Die Tragödie des ersten Weltkriegs erinnert daran, wozu Aggression und Egoismus, wozu übermäßige Ambitionen von Staatsführern und politischen Eliten führen, die sich über den gesunden Menschenverstand erheben und den wohlhabendsten Kontinent der Welt, Europa, gefährden. Es wäre gut, sich darauf auch heute zu besinnen."

Offiziere der Zarenarmee als Vorbilder

Präsident Putin knüpft ideologisch auch an das Zarenreich an. Die Offiziere der Zarenarmee, über Jahrzehnte als imperialistisch, bourgeois und Feinde der Revolution gebrandmarkt, halten nun auf einmal als Vorbilder her. Putin sprach von Kriegskameradschaft und Kampfeskunst, von Heldentum und wahrhaftigem, beispielhaftem Patriotismus.

"Wir entdecken heute auch, welche Rolle Russland in der schwierigen Umbruchphase, besonders vor Kriegsausbruch, spielte. Russland hat damals alles getan, um Europa davon zu überzeugen, den Konflikt zwischen Serbien und Österreich-Ungarn friedlich zu lösen. Aber Russland wurde nicht gehört. So musste es das slawische Brudervolk verteidigen und sich und seine Bürger vor der äußeren Gefahr schützen."

Einmal mehr zeigte sich heute, dass in Russland Geschichte so geschrieben wird, wie es den jeweiligen Machthabern ins Konzept passt.

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