Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Donnerstag, 19.09.2019
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Buchkritik | Beitrag vom 24.04.2019

"Vergessene Kulturen der Weltgeschichte"Ein neuer Blick auf die Geschichtsschreibung

Von Günther Wessel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Cover von Harald Haarmanns Sachbuch "Vergessene Kulturen der Weltgeschichte". (C. H. Beck / dpa /picture alliance /epa /ANA /Panagiotou)
Haarmanns Sachbuch schildert vergessene Kulturen und erweitert so die Weltsicht. (C. H. Beck / dpa /picture alliance /epa /ANA /Panagiotou)

Ob Zweistromland, ob Griechen oder Römer: Viele Kulturen besitzen einen festen Platz in der europäischen Geschichtsschreibung. Andere gelten eher als schwer einzuordnende Kuriositäten. Harald Haarmann entreißt sie in seinem Buch dem Vergessen.

Harald Haarmann begibt sich weltweit auf Spurensuche. Er folgt dabei der Chronologie vom Homo heidelbergensis, der vor mehr als 300.000 Jahren schon hoch entwickelte Jagdspeere produzierte, bis hin zu untergegangen Reichen im Amazonastiefland, die bis zum Vordringen der spanischen Eroberer bestanden. Eingeschleppte Infektionskrankheiten löschten ganze Völker aus - und oft drangen die Krankheiten schneller vor als die Eroberer.

Heute sind die materiellen Spuren wie Wälle und Siedlungsstrukturen dieser Kulturen dank Lasertechnik aus der Luft erkennbar und irritieren auf diese Weise unsere Vorstellung vom unberührten Urwald.

Ein neuer Blick auf die Geschichte

Dieser andere Blick auf die Geschichte zieht sich wie ein Leitmotiv durch Haarmanns Texte. Der Autor beschreibt frühe Siedlungen wie Göbeliki Tepe aus dem 10. Jahrtausend vor Christus oder Catalhayük (um 8000 vor Christus) in Anatolien.

Beide Fundstätten beweisen, so Haarmann, dass wir unsere Vorstellungen von der kulturellen Evolution des Menschen revidieren müssen: Göbelike Tepe zeige, dass monumentale Tempelarchitektur nicht erst entstand, nachdem der Mensch sesshaft geworden war, sondern früher, denn der Tempel wurde zur Triebfeder der Siedlungsgründung. Und die Gesellschaft in Catalhayük war sozial offenbar egalitär gegliedert, denn es gab es in der Siedlung keine Palastbauten für die Herrscher.

Neue Verbindungslinien, erweiterte Weltsicht

Haarmann erweitert unsere Weltsicht, indem er neue Verbindungslinien aufzeigt. Nordamerika wurde nicht nur über die Beringstraße besiedelt, sondern vermutlich kamen bereits vor etwa 20.000 Jahren erste Siedler aus Europa an die Ostküste des Kontinents: Robbenjäger, die entlang des damaligen Eisschelfs im Nordatlantik mit Kajaks nach Westen zogen. Ähnlichkeiten zwischen dem Baskischen und einigen altamerikanischen Sprachen, eine Technik der Metallbearbeitung und auch genetische Verwandtschaften der Menschen belegen dies. 

Genetische Untersuchungen zeigen auch, dass die hellhäutigen, europäisch aussehenden Mumien von Loulan, am Rande der Taklamakan-Wüste in China, eine europäische Herkunft haben und es somit eine Ostmigration im dritten Jahrtausend vor Christus gab. Auch dass die Vorfahren der Chachapoya, eines Volkes am Osthang der Anden im heutigen Peru, aus Europa kamen, ist genetisch erwiesen. Doch woher die als hellhäutigen und blond beschriebenen Menschen stammten, ist umstritten: Waren es Kelten, die den Atlantik querten und dann den Amazonas hoch segelten.

Harmann spekuliert nicht. Er lässt solche Fragen offen, erweitert aber gut lesbar das archäologische und historische Wissen der Leser. Souverän jongliert er mit dem Fachwissen unterschiedlicher Disziplinen und regt den Leser an, seine Sicht auf die Weltgeschichte zu überdenken. Kann man mehr von einem populären Sachbuch erwarten? 

Harald Haarmann: Vergessene Kulturen der Weltgeschichte. 25 verlorene Pfade der Menschheit
C. H. Beck Verlag, München 2019
224 Seiten, 18 Euro

Mehr zum Thema

Zeitreise ins alte Europa
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 05.08.2013)

Die spät entdeckte, frühe Hochkultur
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 24.08.2011)

Spuren in die Vergangenheit
(Deutschlandfunk Kultur, Buchkritik, 08.12.2005)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Porträt zu Cees NooteboomDer Augenmensch
In der Eile hat Cees Nooteboom während einer Signierstunde auf der Frankfurter Buchmesse seinen Stift in den Mund gesteckt. (Picture Alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Cees Nooteboom ist selten zu Hause. Und wenn doch, dann kommen gleich drei Wohnungen und Häuser in drei Ländern in Betracht. Der Autor ist ein Sammler von Menschen, von Landschaften und auch ein Nomade der literarischen Gattungen. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur