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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.08.2012

Vergangenheitsbewältigung auf Libanesisch

Jabbour Douaihy: "Morgen des Zorns", Hanser Verlag, München 2012, 350 Seiten

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NIemand weiß mehr, worum es bei dem Streit der in einem libanesischen Bergdorf eigentlich ging.
NIemand weiß mehr, worum es bei dem Streit der in einem libanesischen Bergdorf eigentlich ging.

Eine Trauerfeier endet in einem Massaker, ein Zyklus aus Hass und Blutrache zwischen zwei Familien beginnt. 1957 wirklich geschehen, verarbeitet Jabbour Douaihy, Angehöriger einer der Familien, das erlebte nun in dieser Geschichte mit fiktiven Elementen.

Während die libanesischen Politiker die blutige Geschichte des Landes nach Kräften verdrängen, haben die libanesischen Schriftsteller, geschult an den Literaturen in europäischen Sprachen, die Bürde der Vergangenheitsbewältigung unerschrocken auf sich genommen. Jabbour Douaihy, Jahrgang 1949, gesellt sich mit seinem ersten ins Deutsche übersetzten Roman "Morgen des Zorns" nun dazu.

Der Roman dreht sich um die blutige Eskalationen eines alten, von niemandem mehr richtig zu erklärenden Streits zwischen zwei christlichen Großfamilien in einem libanesischen Bergdorf. Anlässlich einer Trauerfeier, auf der sich die schwer bewaffneten, zudem verschiedenen politischen Parteien angehörenden Mitglieder der Familie treffen, kommt es zu einem wechselseitigen Massaker, das nur der Anfang für einen endlosen Zyklus aus Blutrache und Hass ist.

Das Ereignis selbst ist historisch verbürgt und fand, wie im Buch, 1957 in den nordlibanesischen Bergen statt. Der Autor selbst entstammt einer der betroffenen Familien. Die individuellen, kaleidoskopartig aus wechselnden Perspektiven erzählten Geschichten sind jedoch weitgehend fiktional. Das Dorf zerfällt nach der Schießerei in zwei Teile, und niemand, der zur anderen Familie gehört, darf die Demarkationslinie überschreiten. Wer es wagt, in der falschen Hälfte zu bleiben, etwa die eingeheirateten Ehefrauen, wird vertrieben oder erschossen wie ein Bäcker, der mit den Streitigkeiten nichts zu tun haben will.

Die Ereignisse in diesem Bergdorf sind damit ein Menetekel des 13 Jahre später ausbrechenden Bürgerkriegs. Nicht zuletzt diese Analogie dürfte Douaihy an dem Stoff gereizt haben.

Der Ansatz des Buchs, das Massaker durch die Erinnerung der Überlebenden und ihrer Nachkommen aufzuarbeiten, ist zutiefst human und beinhaltet eine klare Verurteilung des nah-östlichen, und das heißt hier explizit christlich-maronitischen Machismo. Die Männer erscheinen ausnahmslos als Feiglinge und Angeber, die sich ohne Waffen oder Autos gleichsam kastriert fühlen.

Auch der Intellektuelle unter den Figuren des Buchs, der am Vorabend des Massakers gezeugte, dann ohne Vater aufwachsende Elia, der von seiner Mutter bald auf eine Internatsschule in die Stadt gegeben wird und später in den USA studiert, entgeht dem Fluch nicht, der auf dieser zwanghaften Männlichkeit lastet. Er entwickelt sich zu einem notorischen Angeber und Lügner, einem Borderliner, der immer wieder vor den Frauen flieht, die er gerade mit großem Aufwand erobert hat.

42 Jahre nach dem Massaker - und seiner Zeugung -, kehrt er zurück, um sich auf die Spurensuche zu machen und herauszufinden, was wirklich geschehen ist. Wir lesen - so die vom Autor angedeutete Erzählfiktion - die Aufzeichnungen, die er sich gemacht hat, die Erzählungen, die er von anderen gehört hat.

Für die speziell am Nahen Osten interessierten Leser ist das Buch sicherlich lesenswert, und die Kritik an der völlig sinnlosen Blutrache und den traditionellen Ehrbegriffen findet unsere bedingungslose Sympathie. Unter künstlerischen Kriterien scheitert der Autor jedoch an seinem Stoff, man verirrt sich als Leser in den undurchsichtig wechselnden Perspektiven. Da man auch einen Spannungsbogen vergeblich sucht, ist das Buch leider nur eingeschränkt zu empfehlen.

Besprochen von Stefan Weidner

Jabbour Douaihy: Morgen des Zorns
Roman. Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Hanser Verlag, München 2012
350 Seiten, 24,90 Euro.

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