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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.04.2012

Vergängliche Spuren der Zivilisation

Regisseur Wim Wenders präsentiert sich in Hamburg als passionierter Fotograf

Von Anette Schneider

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Der deutsche Filmemacher Wim Wenders (picture alliance / dpa)
Der deutsche Filmemacher Wim Wenders (picture alliance / dpa)

Er ist berühmt als Filmemacher. Bisher kaum bekannt ist, dass Wenders seit vielen Jahren auch fotografiert. Die Ausstellung "Wim Wenders. Places, strange and quiet" versammelt nun 60 seiner Werke, die erstmals in Deutschland zu sehen sind.

Was für Formate! Bis zu eineinhalb Meter hoch und dreieinhalb Meter breit sind Wim Wenders' Fotografien. Und dass sie einen nicht überwältigen, dass sie nicht protzig wirken oder anmaßend liegt an dem, was Wenders auf ihnen zeigt: Es sind vor allem stille, eigenartig entrückte Orte. Eine karge, grauverhangene, hügelige Landschaft etwa. Trist und menschenleer. Doch mittendrin steht ein altes Riesenrad.

Auf einem anderen Panoramabild sieht man mitten in der Wüste einen abgezäunten Autofriedhof: Rotschimmernd fällt das Abendlicht auf eine Ansammlung von VW-Käfern.

Die ausgestellten Fotografien entstanden auf Reisen. Wobei Wim Wenders mit "reisen" einen heute fast altmodisch anmutenden Anspruch verbindet: Es geht ihm um die Entdeckung der Fremde, des Unbekannten.

"Ich finde, dieser Planet ist nach wie vor irrsinnig aufregend. Und man kann Orte finden, von denen man sich nicht vorstellen kann, dass es sie geben kann. Und heutzutage ist eigentlich das Finden ein bisschen aus der Mode gekommen. Die meisten Leute wollen ja etwas erfinden. Die heutige Fotografie, gerade die digitale Fotografie, ist ja eine, die neue Welten erfinden will. Und mir reicht es absolut, etwas zu finden. Und ich bin ein begeisterter Streifzügler. Ich verliere mich gern in einem Ort, wo ich noch nicht war."

So stößt er in Armenien auf das Riesenrad, das einst Sowjets dort zusammen mit einer Neubausiedlung errichteten. Am grauen Hafenrand von Palermo entdeckt er fünf futuristisch anmutende buntbemalte Sonnenliegen aus Beton. In den USA fotografiert er die riesige Leinwand eines Freiluftkinos und im Vordergrund zwei Grabkreuze, die im Sand stecken.

Wie in seinen Filmen interessiert sich der 67-Jährige auch in der Fotografie für scheinbar unscheinbare Orte. Mit dem Vorteil, so Wenders, dass keine Menschen von den Orten ablenken würden. Doch haben sie in den menschenleeren Landschaften stets ihre Spuren hinterlassen. Vergängliche Spuren der Zivilisation, die Wenders in seinen Fotografien bewahrt, und die sich verdichten zu Geschichten vom Dasein, die erzählen von Trauer, Sehnsüchten und Hoffnungen.

Wim Wenders fotografiert seit vielen Jahrzehnten. Anfänglich überbrückte er so die Zeit zwischen zwei Filmproduktionen. Doch längst wurde ihm das Fotografieren zu einem dem Filmen gleichwertigen, zweiten Beruf - mit zahlreichen Vorteilen.

"Den kann ich ganz unabhängig machen. Ich brauche kein Team. Ich brauche keinen Assistenten. Ich mache meine Fotos ganz allein. Ich Reise mit den Kameras. Ich trag mein eigenes Equipment. Ich mache alle Fotos aus der Hand, also ich schleppe nicht mal ein Stativ mit mir herum. Die Apparate sind schwer genug, das sind große Negative. Und das ist eine solche wunderbare Unabhängigkeit."

Über drei Stockwerke erstreckt sich die Ausstellung. Die Räumlichkeiten der einstigen Lagerhalle erweisen sich als ideal für die großen Formate: Das lichte Treppenhaus lässt immer wieder Durchblicke zu, vom Erdgeschoss bis in die oberste Etage. Und die großen Flächen bieten den Bildern viel Raum. Etwa den beiden zusammen über sieben Meter breiten Panoramabildern: Auf schmutzig-schwarzem Grund reihen sich da irritierend fremd anmutende Graffitis aneinander: Kleine, puppenartige Figuren, buntgewandete Frauen, Männer, Kinder in Schuluniform, mit merkwürdig weit auseinander stehenden Augen.

"Das ist in Wuppertal. Das ist eine stillgelegte Eisenbahntrasse. Die Nordtrasse. Und der Tunnel ist seit Jahren stillgelegt und versperrt. Und da waren diese Graffiti-Künstler aus Brasilien vor 15 Jahren. Die haben da drinnen etwas gemalt und dann ist das in Vergessenheit geraten. ... Die malen Bilder für hunderte von tausend Dollar inzwischen. Und da sind im Dunkeln diese Urbilder von ihnen zu finden. Leider verhunzt von irgendwelchen Leuten, die da ihre Kreuze drauf gemacht haben.""

Im letzten Winkel des dritten Stockwerks schließt die Ausstellung mit einer Katastrophe: Ende letzten Jahres war Wim Wenders in Fukushima. Mit Geigerzähler und Kamera reiste er bis an die Grenze des gesperrten Bereichs.

"Es ist erschütternd. Weil: Es ist schön! Die Vögel zwitschern. Die Sonne geht unter. Die Luft ist lau. Die Reisfelder sind nicht geerntet. Das, was man sieht, ist alles schön. Und dann dreht man sich um. Und hinter einem steht die Bäuerin, die auch nur kurz einen dahin geführt hat, und auch schnell wieder weg will, und heult und heult - weil sie weiß: Obwohl alles aussieht wie immer - es ist unlebbar geworden."

Wie aber kann man das fotografieren? Wie kann ein Bild davon erzählen? Wim Wenders versuchte es. Doch ...

"Der Film hat dann die Spuren der Radioaktivität besser gezeigt als alles, was ich fotografiert habe. Der ist komplett verstrahlt. ... Die sind völlig zerfressen die Negative."

So läuft über jedes der blaustichigen Fotos eine helle Sinuskurve.
Ein Menetekel.

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