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Vollbild | Beitrag vom 21.03.2020

Verfilmung einer jüdischen JugendTora, Träume, Traumata

Alexa Karolinski im Gespräch mit Susanne Burg

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Im Still aus "Unorthodox" sitzt die Hauptfigur in einem Brautkleid auf einer Bank, ein Gebetsbuch in den Händen. (Netflix)
Die Netflix-Serie "Unorthodox" basiert auf den Memoiren von Deborah Feldman. (Netflix)

Wie ist es, als junge Frau inmitten einer orthodoxen-jüdischen Gemeinschaft aufzuwachsen? Darüber handelt die Serie "Unorthodox", die Ende März anläuft. Autorin Alexa Karolinski erzählt von den Herausforderungen der Buchadaption.

Susanne Burg: "Unorthodox" – die Serie basiert ja auf Deborah Feldmans Memoiren "Unorthodox – die skandalöse Ablehnung meiner chassidischen Wurzeln". Welchen Eindruck hat das Buch bei Ihnen hinterlassen, als Sie es gelesen haben?

Alexa Karolinski: Es hat einen sehr großen Eindruck auf mich gemacht. Ich kam an das Buch durch meine jetzige Co-Autorin und Partnerin Anna Winger, da Deborah in Berlin lebt und ihren Sohn auf die gleiche amerikanische Schule, auf die JFK, schickt. Und die Anna und ich waren damals schon in Gesprächen, um eine Serie zusammen zu machen. Die Anna kommt aus den USA, lebt in Berlin, ich komme aus Berlin, lebe zwischen Berlin und den USA, wir sind beide jüdisch, haben vollkommen verschiedene Hintergründe und sind ganz anders aufgewachsen.

Das Skript soll die innere Stimme nach außen bringen

Somit unterhalten wir uns sehr viel über diese Gemeinsamkeiten und Unterschiede, und so langsam hat sich dann "Unorthodox" immer mehr in unsere Gespräche eingeschlichen – bis es irgendwann eines Tages hieß, warum machen wir nicht einfach "Unorthodox"? Aber können wir "Unorthodox" in einer Art und Weise machen, in der wir auch die anderen Dinge, über die wir sprechen und erzählen möchten, einbringen können? Und so ist die Serie inspiriert von dem Buch "Unorthodox", aber sie basiert nicht unbedingt darauf, weil wir tatsächlich – mit dem Segen von Deborah – sehr viel verändert haben.

Autorin Deborah Feldmann beim Besuch einer TV-Sendung (picture alliance/Sven Simon)Ringt mit ihren chassidischen Wurzeln: Autorin Deborah Feldmann, hier beim Besuch einer TV-Sendung (picture alliance/Sven Simon)

Burg: In welcher Form hat Deborah Feldman auch bei der Serie mitgearbeitet?

Karolinski: In der eigentlichen Serie tatsächlich nicht so viel. Anna und ich haben sie zusammen geschrieben, Deborah stand uns immer für Fragen zur Verfügung, aber man darf da nicht vergessen, die Deborah ist ja eine junge Autorin, die das selber gelebt hat. Insofern war es für uns eine große Verantwortung, dass man nicht unbedingt die Memoiren genau wortwörtlich adaptieren, dass wir uns genug ausdenken, damit es seine eigene Form annimmt.

So heißt ja auch unsere Hauptfigur nicht Deborah, sondern Esthy, für Esther. Und alle Namen wurden geändert, und wir haben uns wirklich sehr viele Charaktere, die nicht im Buch vorkommen, ausgedacht. Überhaupt, wenn man ein Buch adaptiert und erst recht Memoiren, dann muss man ja irgendwie die innere Stimme nach außen bringen, man braucht Plot und Aktionen, damit man keine stille Protagonistin hat. Und es war interessant: Jedes Mal, wenn wir dann Deborah angerufen haben oder mit ihr essen waren und ihr gesagt haben, okay, pass auf, in der Serie wollen wir, das die Esthy sofort nach Berlin flieht, hat die Deborah uns einfach vollkommen vertraut.

Externe Berater empfehlen, wie die Community dargestellt wird

Burg: Sie sagten, Esthy soll eben gleich nach Berlin fliehen in der Geschichte. Sie erzählen dann die Geschichte immer auch in der Parallelstruktur Berlin, dann aber in der Rückblende das Leben in Williamsburg. Vielleicht zu der Gemeinde, aus der sie kommt, Esthy kommt aus der chassidischen Gemeinde in Williamsburg in Brooklyn, aus einer speziellen, der Satmar-Community. Was ist das für eine Community?

Karolinski: Wir sagen ja nie in der Serie, dass es speziell die Satmar-Community ist, weil es auch ähnliche Communitys oder Gemeinden gibt. Wir haben den besten Berater, Jiddisch-Übersetzer, Rabiner vor der Kamera und hinter der Kamera gefunden, er heißt Eli Rosen. Er war wirklich ein sehr wichtiger Teil des Gespräches, wie wir diese Gemeinde zeigen können und gleichzeitig unsere Geschichte richtig erzählen können.

In der Gemeinde sollte man sich an Regeln und Rituale halten

Wichtig für diese bestimmte Gemeinde ist, dass es diese so vor dem Holocaust nicht gab. Ein sehr großer Teil des Glaubens beruht darauf, dass die Assimilierung zum Holocaust geführt hat. Das heißt, Juden, die sich vor dem Krieg angezogen haben und normal Deutsch oder Polnisch oder Russisch gesprochen haben, Leute, die sich in ihre Gemeinschaften assimiliert haben.

So hat diese Gemeinde entschieden, dass es wichtig ist, dass man identifizierbar jüdisch ist, dass man sich an alle Regeln hält, alle Rituale eingeht. So gibt es zum Beispiel auch manche Regel oder Gebote, die nach dem Krieg erfunden wurden, die so auch nicht zum Beispiel in der Tora sind – wie, dass sich Frauen die Haare rasieren. Nicht alle orthodoxen Frauen rasieren sich die Haare, diese bestimmte Gemeinde, da rasieren sich die Frauen die Haare und ziehen dann die Perücke über.

Satmar ist eine Stadt in Ungarn und so weiter und so fort. Aber ich bin zwar jüdisch, aber ich bin weiß Gott keine Spezialistin, deswegen hatten wir nicht nur Eli Rosen als Spezialisten, aber wir haben wirklich mit vielen ehemaligen Chassiden gearbeitet. Die Frage der Authentizität ist wahrscheinlich eine separate Frage, aber wir haben wirklich für diese Serie zugehört.

Authentizität heißt auch, nicht in Klischees zu verfallen

Burg: Die Frage der Authentizität, die können wir aber auch gerne stellen, denn wenn es um die Darstellung von, ich sage mal, marginalisierten Gruppen geht, dann ist ja die Herausforderung, ein Bild zu liefern, was komplex ist, was vielfältig ist. Wie wollten Sie der Gefahr begegnen, ins Klischee zu verfallen?

Filmemacherin und Grimmepreis-Gewinnerin Alexa Karolinski auf dem Weg zur Preisverleihung.  (picture alliance/BREUEL-BILD)Auf dem Weg zur Preisverleihung: Filmemacherin und Grimmepreis-Gewinnerin Alexa Karolinski (picture alliance/BREUEL-BILD)

Karolinski: Es ist sehr wichtig, dass, wenn man Charaktere baut, sie facettenreich sind. In jeder Serie oder in jedem Film oder in jeder Erzählung darf es nicht nur den Bösen und den Guten geben. Echte Charaktere sind viel komplexer – so auch die Esthy. Die ist eine sehr komplexe Protagonistin, die nicht unbedingt immer das "Richtige" macht, und das gilt für alle Charaktere. Ich glaube, es ist einerseits eine universelle Geschichte, gleichzeitig passiert das in einer Welt, die die meisten Menschen so nicht kennen.

Und um diese Welt zu zeigen, muss man von Klischees wegbleiben, aber vor allem muss man, glaube ich, gerade als Autor oder im Kernteam lernen, zuzuhören und nicht nur den Spezialisten ein paar Stunden ans Set zu bringen und dafür zu sorgen, dass er die jüdischen Rituale richtig macht oder dass wir die richtigen Gebete haben. Es ist wichtig, dass man die emotionale Tiefe dieser Menschen besser versteht.

Der innere Prozess ist schwer abzubilden

Ich hoffe wirklich, dass wir mit dieser Serie einen neuen Standard an Produktion erzwingen, weil wir mit Absicht für alle chassidischen Rollen jüdische Schauspieler besetzt haben. Deswegen war das auch klar, dass wir das mit Netflix machen wollen: die Serie ist fast zur Hälfte auf Jiddisch und dann ist ganz viel auf Englisch, das hätte man ja so nicht für einen deutschen Fernsehsender machen können. Und für mich war der Gedanke, dass deutsche Schauspieler, die deutsch sprechen und als chassidische Juden verkleidet sind, ein totales No-Go.

Im Film reicht es nicht, sich den "echten Juden" zu besorgen, damit etwas authentischer ist, damit das Gebet dann richtig gemacht wird oder die Kleidung richtig ist. Das alles ist nur die Oberfläche, das alles geht so viel tiefer. Das Gleiche gilt nicht nur für Produktionen über jüdische Geschichten, sondern meiner Meinung nach für Produktionen aller Geschichten, die sich mit Minderheiten befassen. Die deutsche Filmindustrie ist noch zu deutsch-deutsch, meiner Meinung nach.

Burg: Ich musste gerade noch mal darüber nachdenken, was Sie vorher gesagt haben, die Abwandlung von Memoiren zum Film oder zu einer Serie. Eine Frau, die aus der chassidischen Gemeinde nach Berlin kommt und in Berlin dann mit ihren Wurzeln, mit allem, was sie geprägt hat, umgehen muss. Das ist ja ein innerer Wachstum, ein innerer Prozess, der ja nach wie vor schwer ist, in Bilder zu fassen. Welche Gedanken sind eingeflossen, genau diesen Prozess zu zeigen?

Die Protagonistin wird mit dem Trauma der Stadt konfrontiert

Karolinski: Bei Esthy passieren viele verschiedene Dinge auf einmal. Einmal haben wir eine Struktur entwickelt, wo wir immer wieder ihre Vergangenheit sehen, also die in Williamsburg, wie sie heiratet, wie sich ihre eigene Unzufriedenheit und Unsicherheit in dieser Gemeinde entwickelt. Andererseits landet sie schon in der ersten Folge relativ schnell schon in Berlin und ist mit vielen verschiedenen Dingen konfrontiert, einmal ist sie geflohen und hat Angst.

Sie war noch nie in diesem Jahr, das historische Trauma ist direkt vor ihrer Nase, konstant. Und sie muss irgendwie überleben, sie landet in Berlin mit nichts. Das sind viele verschiedene Dinge, mit denen war sie konfrontiert. Gleichzeitig landet sie in Berlin in einer jungen Künstlerutopie, die sie so auch nicht kannte, und trifft zum ersten Mal Menschen, die aus der ganzen Welt kommen, die eventuell nicht chassidisch sind, nicht jüdisch sind, die ihre eigenen Probleme haben.

Es gibt sehr viel Konfrontation und gleichzeitig existiert dieses unsichtbare Trauma der Stadt, welches wir alle als Deutsche oder als Berliner kennen.

Eine große Welt innerhalb der Musik

Burg: Eine letzte Sache will ich gerne noch mit Ihnen besprechen: Das ist die Rolle der Musik in der Serie, weil Musik wichtig ist für diesen Emanzipationsweg, den Esthy beschreibt. Sie ist sehr musikinteressiert, sie lernt Klavierspielen, man sieht sie aber nur einmal spielen. Welchen Stellenwert sollte das eigentliche Hören von Musik bei der Inszenierung spielen?

Karolinski: Das war natürlich eine Mischung aus sehr vielen langen Gesprächen mit unserem Rabbiner vor und hinter der Kamera, Eli Rosen, inwiefern man Musik hört, welche Musik, wer darf Musik hören, wer darf Musik spielen, wie darf man Musik spielen und so weiter und so fort. Und der Konsensus war, man darf in dieser Gemeinde Musik hören, Frauen und Männer leben ja außerhalb ihrer Nukleus-Familie relativ getrennt.

Was Frauen nicht dürfen, ist performen, schon gar nicht vor Männern. Und dann gibt es natürlich viele Restriktionen, was man hören darf, das ist ja klar. Insofern, wenn man nach Berlin kommt und ganz viele junge Berliner trifft, ist man gleichzeitig auch sehr schnell mit einer sehr großen Welt innerhalb der Musik konfrontiert. Ich will auch nicht so viel preisgeben, aber wir haben eine Musikschule in der Serie und sie ist tatsächlich von der Barenboim-Said-Akademie inspiriert, auch ein unglaubliches Utopie-Projekt. Ja, mal schauen, was Esthy dann so in Berlin passiert. Mehr kann ich ohne Spoiler jetzt nicht preisgeben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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