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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.03.2020

Verena Güntner: "Power"Das Kinder-Rudel im Wald

Von Verena Auffermann

Das Bild zeigt das Cover des neuen Romans von Verena Güntner. Er heißt "Power". (Dumont / Deutschlandradio)
Das neue Buch von Verena Güntner: "Power". (Dumont / Deutschlandradio)

Das junge Mädchen Kerze sucht nach einem verschwundenen Hund. Andere Kinder schließen sich an und bilden ein Rudel, weil nur Hunde den Hund wiederfinden können. Es sind die Kinder, die handeln - während die Erwachsenen aus Gefühlskälte dazu nicht fähig sind.

"Power", Verena Güntners zweiter Roman, erzählt eine moralische Geschichte über eine gefühllose Welt. Ein Dorf, vielleicht im Harz, von den meisten Bewohnern und bestimmt von Gott verlassen, ist der Schauplatz. Die Handlung spielt in unserer Gegenwart, Handys werden benutzt und Lebensmittel bei Edeka gekauft.

Aus den glückfernen Familien sind die Väter wortlos verschwunden, oder die Mütter gestorben. Kinder und Erwachsene leben in schweigender Verachtung nebeneinanderher. Verena Güntner erzählt eine Geschichte zwischen Märchen und Parabel, und der Leser wird durch die kalte Wucht der schmucklosen Sprache mit Phantastischem konfrontiert. Das Allgemeingültige, die durch den Roman "gepowerte" Botschaft, soll durch keine individuellen Gefühle geschmälert werden.

Power heißt der Hund der Hitschke, die außer dem Tier auf der Welt niemand mehr hat. Power ist das Synonym für die Kraft der Kinder. Die Kinder begeben sich in der Gefolgschaft der zwölfjährigen "Kerze" (auch dieser Name eine Beschreibung ihres Charakters) während der großen Ferien auf den Weg in den nahegelegenen Wald, um den verlorenen Hund zu suchen - und kehren sieben Wochen nicht nach Hause zurück.

Bellen, hecheln, auf allen Vieren kriechen

Kerze führt über jeden ihrer Schritte Buch, nur mit einer Strategie und mit Hingabe, davon ist sie überzeugt, kann sie die Aufgabe meistern und das Tier wiederfinden. Kerze glaubt, dass Power nur von anderen Hunden gefunden werden kann. So verwandeln sich die Kinder in ein "Rudel", bellen und hecheln, kriechen auf allen Vieren, essen Blätter und Beeren, schlafen übereinandergestapelt in einer Kuhle, die sie mit ihren Händen gegraben haben.

Verena Güntners dunkler Roman, der Kindern Mut, Kraft und unbedingte Unterordnung unter eine Leitfigur zuspricht, erinnert in seinen besten Momenten an Agota Kristofs "Das Große Heft". Durch romantische Überzeichnung, manchmal im Fantasystil, verkleinert die 42-jährige Autorin, die von Beruf Schauspielerin ist, die große Ernsthaftigkeit der in "Power" beschriebenen Idee, dass der Mensch sich der Natur ausliefern und zum "Tier" werden muss, um ein verlorenes Tier zu retten. Es sind die Kinder, die handeln, weil die Erwachsenen aus Gefühlskälte oder Profitgier dazu unfähig sind. Ein beeindruckend monströses und gewagtes Buch.

Verena Güntner: Power
Roman
DuMont Buchverlag, Köln 2020
250 Seiten, 22 Euro

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