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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.03.2018

Vereinte Nationen "Die Welt ist kleiner geworden, das muss man nutzen"

Marc Engelhardt im Gespräch mit Christian Rabhansl

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Die Skulptur "Kugel in Kugel" von Arnaldo Pomodoro vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. (imago )
Die Skulptur "Kugel in Kugel" von Arnaldo Pomodoro vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York. (imago )

Eine Reform der Vereinten Nationen fordert der Journalist Marc Engelhardt in seinem Buch "Weltgemeinschaft am Abgrund". Bei aller Kritik ist der jahrelange Beobachter in Genf und New York optimistisch, dass ein Aufbruch gelingen könnte.

Angesichts der weltweiten Krisen betont der Journalist Marc Engelhardt die bedeutende Rolle der Vereinten Nationen. Der langjährige Korrespondent in Genf und New York hat der Weltorganisation jetzt das Buch "Weltgemeinschaft am Abgrund" gewidmet. 

"Ich glaube, wir brauchen die Vereinten Nationen an diesem Zeitpunkt in der Geschichte so sehr, wie wir sie vielleicht seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gebraucht haben", sagte Engelhardt im Deutschlandfunk Kultur. 

"Es ist ganz besonders wichtig in diesem Moment, dass wir uns besinnen darauf, dass wir gemeinsam als Welt bestimmte Probleme nur lösen können, und gerade in dieser Situation, eben am Abgrund, ist es so fatal, dass die Vereinten Nationen so schlecht funktionieren und dass zum Beispiel ein UN-Sicherheitsrat Tage um Tage ringt, um zu einer Syrien-Resolution zu kommen, um sie zu verabschieden und sie gleich wieder zu missachten am nächsten Tag, weil man keine Kontrollmechanismen eingebaut hat, weil es dagegen eine Vetodrohung gab."

Marc Engelhardt glaubt an eine Reform der UN und setzt sich gleichzeit sehr kritisch mit ihren Schwächen auseinander.  


Blick duch eine zerschossene Mauer auf zerstörte Häuser (AFP)Gerade angesichts des jahrelangen Syrien-Krieges zweifeln viele Menschen inzwischen an der Rolle der UN und ihren Einflussmöglichkeiten für Friedenslösungen in der Welt. (AFP)

Das Interview im Wortlaut:

Christian Rabhansl: Um Revolutionen geht es heute, um Weltumbrüche, und jetzt reden wir über eine Organisation, die die Welt vielleicht nicht neu erfinden, aber zumindest deutlich besser machen will: Ich meine die Vereinten Nationen. Seit mehr als 70 Jahren kämpfen wir gegen Krisen, Kriege und Krankheiten. Trotzdem ist die Welt aus den Fugen und nicht nur das: Jetzt geraten auch noch die Vereinten Nationen selbst unter Beschuss. Das ungefähr schreibt Marc Engelhardt in seinem Buch mit dem Titel "Weltgemeinschaft am Abgrund". Hallo Herr Engelhardt!

Marc Engelhardt: Ja, hallo!

Rabhansl: Sie berichten seit 14 Jahren über diese Krisen der Welt, auch für das Programm von Deutschlandfunk Kultur, Sie waren lange Korrespondent in Afrika, seit Jahren beobachten Sie auch von Genf und New York aus dezidiert die Vereinten Nationen. Aus dieser Sicht der geballten Berufserfahrung: Stand denn die Welt jemals nicht am Abgrund?

Engelhardt: Also zumindest hat man im Moment ja, glaube ich, auch nicht zu Unrecht den Eindruck, dass es besonders schlimm steht um die Welt. Zumindest ist es so, dass wir auf einmal über neue Atomwaffen diskutieren, dass wir so viele Flüchtlinge, so viele Kriege, so viele Hungernde haben wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg, dass wir Regierungen wählen, die die Menschenrechte massiv einschränken, das Rad zurückdrehen und dass wir die Zerstörung der Erde, des Weltklimas geschehen lassen.

Also ich finde, das rechtfertigt ja schon nicht nur den Eindruck, sondern auch die Beschreibung, dass wir wirklich an einem Abgrund stehen und dass wir jetzt eben, na ja, entweder den Schritt nach vorne machen – das wäre fatal – oder uns wieder fangen, und ich glaube, die Vereinten Nationen sind dafür genau die richtige Grundlage.

Faszination für die Erde als Ganzes

Rabhansl: Springen wir mal zurück: Wissen Sie noch, was Sie empfunden haben, als Sie das erste Mal dieses UN-Hauptquartier in New York betreten haben, mit diesem großen Saal, in dem das Weltparlament, die Hauptversammlung tagt?

Engelhardt: Als ich das das erste Mal betreten habe, da war ich gerade noch Schüler und hab mir das angeschaut als Besucher, und ich weiß, dass mich das damals schon beeindruckt hat, und zwar tatsächlich vor allem deshalb, weil da Menschen aus der ganzen Welt zusammensitzen. Das war natürlich für mich als jemand, der gerade von der Schule kam, eine unglaublich bewegende Erfahrung. Da sitzen Leute, die sprechen in allen möglichen Sprachen, die haben vollkommen unterschiedliche Interessen, und trotzdem reden sie miteinander.

Und diese Faszination, die hat sich tatsächlich auch nicht gewandelt, die ist bis heute da. Und wenn ich hier mit Diplomaten spreche, sei es in Genf oder sei es in New York, dann hab ich immer vor Augen, diese Menschen kommen eben aus ganz anderen Ecken der Welt, die haben vollkommen andere Erfahrungen, und irgendwie müssen wir uns aber einigen und müssen wir eine gemeinsame Sprache sprechen, damit die Erde als Ganzes eine Zukunft haben kann.

US-Präsident Trump vor der UNO-Vollversammlung in New York. (AFP / Timothy A. Clary)US-Präsident Trump vor der UN-Vollversammlung in New York (AFP / Timothy A. Clary)

Bruch von Tabus

Rabhansl: Trotzdem macht vielleicht gerade diese Erinnerung den Kontrast zur Gegenwart deutlich. Sie widmen ein ganzes Kapitel der ersten Rede, die Donald Trump als US-Präsident dort gehalten hat, das war im September vor einem halben Jahr, und der hat dort wirklich 70 Jahre Diplomatie über Bord geworfen und hat im Herzen der Vereinten Nationen mit der Auslöschung Nordkoreas gedroht. Wie sehr hat sich die Rhetorik dort in den Vereinten Nationen geändert?

Engelhardt: Mit Donald Trump hat sich eine Menge geändert an der Rhetorik in der Vollversammlung, auch gerade im vergangenen Jahr, als er dort gesprochen hat. Viele Diplomaten haben sich danach getraut, Dinge zu sagen, die sie vielleicht sonst nicht gesagt hätten. Da wurden Tabus gebrochen in der Rede von Trump, und das macht es eigentlich auch so dramatisch.

Also man kann sich ja fragen, wieso eigentlich gerade Donald Trump – wenn man sich Wladimir Putin anschaut oder andere Herrscher auf der Welt, dann sind die jetzt ja auch nicht gerade Vorbilder, das stimmt, aber was Trump gemacht hat bei dieser Vollversammlung: Er hat eben wirklich einen Grundkonsens, der 70 Jahre lang gehalten hat, nämlich den, dass man in diesem Rahmen miteinander spricht und nicht einander droht in einem Maße, wie das eben noch nie geschehen ist, den hat er aufgekündigt.

Und er hat auch das Modell des Westens, was die USA ja mitgeprägt hatten und was eben verbunden ist auch mit Grundwerten der Vereinten Nationen, also zumindest in Gedanken verbunden ist, im Ideellen, das hat er aufgekündigt, und ich glaube, das ist ein ganz großes Problem. Vieles, was wir heute sehen, das ist eben auch die Folge von dieser Rede, und da sieht man auch, Reden auf solchen Versammlungen, die haben eben auch Auswirkungen in der realen Welt.

Rabhansl: Weil er ja nicht alleine ist mit solchen Positionen. Sie sprachen gerade die westlichen Werte an, und tatsächlich gibt es ja inzwischen, wie ich bei Ihnen lese, eine breite Allianz, die die Menschenrechte als westliche Werte im Grunde abtut und im Namen von Kultur und Tradition dagegen kämpft. Was ist das für eine Allianz?

Die Präsidenten von Iran, Russland und der Türkei, Ruhani, Putin und Erdogan, während eines Treffens in Sotschi. (imago / Tass / Mikhail Metzel)Die Präsidenten von Iran, Russland und der Türkei, Ruhani, Putin und Erdogan, während eines Treffens in Sotschi. (imago / Tass / Mikhail Metzel)

Allianz der Autokraten

Engelhardt: Na, das ist eine Allianz aus allen autokratischen Regierungen, von denen es ja immer mehr gibt auf der ganzen Welt. Diese Allianz gibt es auch schon etwas länger, sie wächst nur gerade in einem dramatischen Maße. Da wird eben gesagt, wir haben unsere Religionen, wir haben unsere Traditionen, und das ist eben wichtiger als universelle Menschenrechte. Das heißt, dass wir als Russen, Pakistanis, Iraner uns nicht halten müssen an bestimmte Regeln, die wir uns gegeben haben als Weltgemeinschaft.

Und das ist natürlich vollkommen falsch, und es gibt tatsächlich auch keine Ideologie oder keine Tradition, es gibt keine Religion, die sagt, ja, du darfst Menschen foltern, du darfst sie unterdrücken, du darfst die freie Meinungsäußerung unterbinden. Es sind Autokraten, die das behaupten, und heute behaupten sie dies, morgen behaupten sie etwas anderes. Das ist damit gemeint, wenn man sagt, unsere Traditionen sind wichtiger. Das sind eben Menschen, die versuchen, ihre Macht auf eine unbedingte Art und Weise auszudehnen, und die versuchen, das Letzte, was dem entgegensteht, nämlich die Idee dieser Weltgemeinschaft und der universellen Menschenrechte, über den Haufen zu fahren.

Loblied und Enttäuschung

Rabhansl: Man merkt das jetzt schon, man liest es auch eigentlich in jeder Zeile Ihres Buches, wie sehr Sie diese Idee der Vereinten Nationen und der Menschenrechte hochhalten und wie wichtig die Ihnen ist. Gleichzeitig haben Sie ein wirklich bittersüßes Buch geschrieben – es ist einmal dieses Loblied, aber gleichzeitig spricht auch eine tiefe, tiefe Enttäuschung aus dem Buch, wie die Wirklichkeit der Vereinten Nationen aussieht. Ist das so oder missverstehe ich Ihr Buch?

Engelhardt: Nein, das ist tatsächlich so, und das ist ja das Erschreckende. Ich glaube, wir brauchen die Vereinten Nationen an diesem Zeitpunkt in der Geschichte so sehr, wie wir sie vielleicht seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gebraucht haben. Es ist ganz besonders wichtig in diesem Moment, dass wir uns besinnen darauf, dass wir gemeinsam als Welt bestimmte Probleme nur lösen können, und gerade in dieser Situation, eben am Abgrund, ist es so fatal, dass die Vereinten Nationen so schlecht funktionieren und dass zum Beispiel ein UN-Sicherheitsrat Tage um Tage ringt, um zu einer Syrien-Resolution zu kommen, um sie zu verabschieden und sie gleich wieder zu missachten am nächsten Tag, weil man keine Kontrollmechanismen eingebaut hat, weil es dagegen eine Vetodrohung gab.

Das ist ein Beispiel von wahnsinnig vielen, aber ich glaube auch, wir haben nichts anderes als diese Vereinten Nationen. Was man fordern muss, ist eine Reform. Die Vereinten Nationen müssen sich grundlegend ändern, aber abgeschafft werden, wie es manche fordern, das dürfen sie auf gar keinen Fall, das wäre fatal. Wir haben eben nur diese eine Chance.

Hoffen auf eine bessere Welt

Rabhansl: Und Sie enden dann tatsächlich am Ende auch für meine Begriffe fast schon überraschend optimistisch, indem Sie formulieren, dass wirklich Vereinte Nationen über die Menschenrechtsverächter triumphieren könnten und die Welt besser machen. Klingt gut! Glauben Sie daran, dass Sie das in Ihrer Zeit als Reporter noch erleben werden?

Engelhardt: Ja, das glaube ich tatsächlich. Warum ich so optimistisch bin vielleicht, weil gerade auf der letzten Vollversammlung oder am Rand dieser Vollversammlung eben nicht nur Herr Trump dort gesprochen hat, sondern es gab auch ein Ereignis, da hat eine Bewegung von ganz unten weltweit organisiert, einen Atomwaffenverbotsvertrag aus der Taufe gehoben, der wurde da unterzeichnet. Das war nicht nur ein feierlicher Moment, das war auch ein ganz hoffnungsvoller Moment, und ich glaube, das ist einer dieser Momente, wo man sieht, was die Vereinten Nationen sein können, nämlich eine Plattform für die Menschen weltweit.

Heute ist es möglich, sei es mit digitalem Zugang, sei es mit persönlichem Zugang. Die Welt ist kleiner geworden, das muss man nutzen, um sie eine bessere Welt zu machen. Und dieser Atomwaffenverbotsvertrag ist ein ganz tolles Beispiel dafür und nicht das einzige Beispiel, ich hab im Buch eine ganze Reihe aufgeführt. Es tut sich was bei den Vereinten Nationen, und ich glaube, wenn man diesen Weg konsequent weitergeht, dann kann tatsächlich sich diese Organisation zum Besseren wenden und die Welt dann auch. Das hoffe ich sehr.

Rabhansl: Marc Engelhardt berichtet schon seit einigen Jahren aus Genf und New York über die Vereinten Nationen, und weil er gerade schon wieder als Reporter in der Welt unterwegs ist, haben wir das Gespräch vor ein paar Tagen geführt. Das Buch jedenfalls, das trägt den Titel "Weltgemeinschaft am Abgrund. Warum wir eine starke UNO brauchen", 272 Seiten kosten 18 Euro und sind im Christoph Links Verlag erschienen. Danke schön für das Gespräch, Herr Engelhardt!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Marc Engelhardt, "Weltgemeinschaft am Abgrund", Links Verlag, 18 Euro

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