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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 06.12.2020

Vereinssport in der CoronakriseSchlingerkurs für Amateure und Profis

Von Thomas Wheeler

Zwei Ruderinnen mit Mundbedeckung in einem Ruderboot in Würzburg. (picture alliance/dpa/HMB Media/Heiko Becker)
Auch der Sport ist mit Corona schon lange nicht mehr das, was er mal war. (picture alliance/dpa/HMB Media/Heiko Becker)

Zunehmend leiden der Amateur- und Profisport unter den Coronabeschränkungen. Bisher ist das befürchtete flächendeckende Vereinssterben dank Hilfszahlungen zwar ausgeblieben. Aber wie lange geht das noch gut?

"Wir erleben ganz besondere Wochen. Wir sind in einer entscheidenden Phase der Pandemiebekämpfung."

Die Bundeskanzlerin in ihrem wöchentlichen Podcast am 28. November. Nun schon ein knappes Jahr dreht sich das Leben gefühlt nur noch um ein Virus.

Klar ist inzwischen: Das Virus sorgt für millionenfaches Leid rund um den Globus. Einerseits ausgelöst durch die daraus entstehende Lungenkrankheit COVID-19, die bei schweren Verläufen tödlich endet. Andererseits hat Corona Existenzen zerstört, zum Beispiel in der Kultur und in der Gastronomie, und Kinder traumatisiert, die in einer maskierten Umwelt aufwachsen.


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Die freiheitseinschränkenden Maßnahmen der Regierungen haben weltweit eine Debatte ausgelöst, die fast schon einer Glaubensfrage gleichkommt. Da ist die Mehrheit, die die staatlichen Maßnahmen unterstützt und keine Alternativen sieht.

Und da sind die Kritiker, die diese aus unterschiedlichsten Gründen für nicht verhältnismäßig halten und ablehnen. Ins direkte Gespräch kommen beide Seiten kaum. Das Virus spaltet die Gesellschaft. Es vereint uns jedoch auch. Denn wir sind alle in irgendeiner Form davon betroffen. Und damit natürlich auch der Sport.

Das große Vereinssterben ist bisher ausgeblieben

"Wenn es wirklich so sein wird, dass vor 2021 keine Veranstaltungen und keine nennenswerten Aktivitäten im Wettkampfsport möglich sind, dann befürchten wir, dass Sportdeutschland 2021 nicht mehr wiederzuerkennen ist, weil damit dann ein Dominoeffekt entsteht, und aus den vielen Brandherden, die wir derzeit erkennen, ein Flächenbrand werden dürfte, der auch in dem Teil der Gesellschaft zu nachhaltigen und drastischen Schäden führen wird."

So Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), im April. Das große Vereinssterben ist bisher ausgeblieben, da Breitensportlerinnen und Sportler zwischen Ende Mai und Anfang November bundesweit wieder aktiv sein konnten.

Spitzensportler können ohnehin weiter trainieren und Wettkämpfe bestreiten, da es ihr Beruf ist. Dafür werden sie aber auch kritisiert, allen voran der Profifußball. Zu Unrecht, meint Gerhard Strate, Hamburger Rechtsanwalt und Strafverteidiger, der sich u. a. auf Verfassungsbeschwerden spezialisiert hat:

"Es ist einfach schlicht so, die Kontaktbeschränkung gilt auch in allen Ländern, Bundesländern, soweit nicht, als die Kontakte für die Berufsausübung erforderlich sind."

Als die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten am 22. März den ersten Lockdown beschließen, ist der Umgang mit dieser außergewöhnlichen Situation ein langsames Vortasten. Knapp 90.000 Sportvereine mit etwas mehr als 24 Millionen Mitgliedern in Deutschland müssen schnell und grundlegend umdenken. Veronika Rücker, DOSB-Vorstandsvorsitzende:

"Zum einen ging es natürlich zunächst einmal darum, in allen 90.000 Vereinen den Lockdown verantwortungsbewusst umzusetzen und zu garantieren, dass wir das Sporttreiben in dem Moment einstellen und auch dafür sensibilisieren, wie notwendig das ist, und dass die Gesundheit der Bevölkerung absolute Priorität hat."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l) und Alfons Hörmann (r), der Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, im Januar 2019 bei der Verleihung "Sterne des Sports 2018" an den Turnverein 1848 Erlangen. (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l) und Alfons Hörmann (r), der Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, im Januar 2019 bei der Verleihung "Sterne des Sports 2018" an den Turnverein 1848 Erlangen. (picture alliance/dpa/Britta Pedersen)

Betroffen ist auch der Turnverein Erlangen, der 2018 für seine Arbeit mit dem Großen Stern des Sports ausgezeichnet worden ist. Jörg Bergner ist der Vorsitzende von rund 7000 Mitgliedern:

"Wir haben sofort unsere Liquiditätsplanungen und den Haushaltsplan nachgerechnet und überprüft. Und das Schwierige ist natürlich abzuschätzen, wenn man mit so einer Situation kurzfristig konfrontiert wird, welche wirklichen Auswirkungen hat es, wie lange dauert die Maßnahme? Wir haben dann sofort Maßnahmen getroffen, um die Kosten zu reduzieren, das heißt, bei den Sachkosten sofort gearbeitet, haben eine Haushaltssperre erstellt und alle kurzfristigen Anschaffungen zurückgenommen. Dann haben wir uns natürlich mit dem Thema Personalkosten auseinandersetzen müssen. Wir sind als Großverein natürlich mit vielen hauptamtlichen Mitarbeitern ausgerüstet."

Soforthilfen für den deutschen Profisport

Anfang Juli beschließt der Bund Soforthilfen für den deutschen Profisport in Höhe von 200 Millionen Euro. Damit sollen Vereine die Möglichkeit bekommen, Einnahmeausfälle vor allem beim Kartenverkauf zu kompensieren. Die finanzielle Unterstützung durch Bund und Länder nehmen die Klubs dankbar an, denn nur so können sie die Zeit zwischen März und Juni überbrücken. Seit dem 1. September können Sportvereine der Profi- und Semiprofi-Ligen zudem eine weitergehende Unterstützung beim Bundesverwaltungsamt beantragen.

Die staatlichen Zuschüsse reichen allerdings weder im Spitzen-, noch im Amateursport aus, um alle Kosten zu decken. Angestellte werden deshalb häufig in Kurzarbeit geschickt. Für die meisten Vereine das einzige Mittel, um keine Kündigungen auszusprechen. Für diesen Weg entscheidet sich im Frühjahr auch der TV Erlangen. 28 Angestellte und über 200 Übungsleiter arbeiten damals für den Klub aus Mittelfranken.

"Wir hatten ein wichtiges Ziel, wir wollten keine Mitarbeiter entlassen, weder betriebsbedingt noch sonst wie. Wir haben allerdings unsere 25 sozialversicherungspflichtigen Mitarbeiter zunächst mal ab April in die Kurzarbeit geschickt. Mittlerweile hat sich das so geändert, dass wir die Mitarbeiter im Sportbetrieb fast komplett wieder auf 100 Prozent Arbeitszeit haben."

100 Prozent arbeiten? Für die deutschen Eishockeyprofis seit einem dreiviertel Jahr nur ein Traum. Sie trifft es besonders hart. Im März bricht die DEL als erste Mannschaftssportart die Saison ab. Erst müssen die Spieler in Kurzarbeit. Dann müssen sie auf 25 Prozent ihres Gehalts verzichten. Voraussetzung für die 14 DEL-Klubs, um für die neue Spielzeit eine Lizenz zu bekommen.

Diese soll nach mehreren geplanten Startterminen nun endlich am 17. Dezember beginnen. Moritz Müller, Kapitän der Kölner Haie:   

"Das Wichtigste war erst mal, die Vereine zu retten. Deswegen haben wir die Vereinbarung zur Kurzarbeit unterschrieben. Das mit den 25 Prozent: Im März war gar nicht abzusehen, inwieweit 25 Prozent zu viel oder zu wenig sind. Für die Vereine war es erst mal wichtig, dass wir in Kurzarbeit gehen, um somit den größten Kostenblock von deren Schultern zu nehmen."

Erstes Eistraining der Saison der Iserlohn Roosters am 01.12.2020. Ein Eishockeyspieler und ein Mann an der Bande. (picture alliance/dpa/Jonas Brockmann/Eibner-Pressefoto)Erstes Eistraining der Saison der Iserlohn Roosters am 01.12.2020. (picture alliance/dpa/Jonas Brockmann/Eibner-Pressefoto)

Die extrem angespannte Lage belastet nicht nur Profisportler, sondern auch die Nachwuchsarbeit. Seit dem ersten Lockdown gibt es dort teilweise erhebliche Probleme bei der Realisierung und Finanzierung. Kaweh Niroomand, Geschäftsführer des amtierenden deutschen Volleyball-Meisters Berlin Volleys:

"Wir haben gerade ein neues Programm vor drei Jahren aufgesetzt gehabt berlinweit mit anderen Vereinen, wo wir inzwischen über 350 Kinder in diesem Programm haben. Wir haben selber im Verein 20 Jugendtrainer, die wir über Jahre aufgebaut haben, wir haben natürlich versucht, die alle auch weiter zu bezahlen, damit die uns nicht abhandenkommen, das war uns enorm wichtig, dieses Gerüst nicht zu verlieren. Weil: In dem Moment, wo wir die Trainer verlieren, da verlieren wir auch die Spieler und die Kinder."

Sportausfall hat Spuren hinterlassen

Der monatelange Ausfall des Vereins- und Schulsports hat bei Kindern und Jugendlichen Spuren hinterlassen. Welche Folgen das für deren motorische und geistige Entwicklung haben wird, ist noch nicht abzusehen. Die DOSB-Vorstandsvorsitzende Veronika Rücker:

"Ich glaube, das hat vielfältigste Auswirkungen. Das werden wir mit Sicherheit auch in der Konsequenz noch weiter spüren. Wenn man von Kindern und Jugendsport spricht, darf man eben auch nicht vernachlässigen, dass es in all dieser Zeit keinen Schulsport gegeben hat und damit viele auch nicht an Sport und Bewegung herangeführt worden sind."

Kinder leiden unter dem ersten Lockdown besonders. Ohne Kita, Schule und Vereinssport fehlen monatelang soziale Kontakte. Bewegung und Treffen mit Freunden kommen in der Zeit zwischen Ende März und Anfang Juni viel zu kurz. Auch die 19-Jährige Lara hat damit ihre Probleme. Sie ist Sportakrobatin und trainiert normalerweise drei- bis viermal die Woche:

"Man sitzt den ganzen Tag nur vor dem Computer, man kriegt diese Energie nicht raus. Man denkt sich: Jetzt muss ich hier erst mal drei Stunden Onlineunterricht machen. Ich würde ganz gerne rausgehen und Sport machen."

Wer steckt wen an?

Ob und wie ansteckend Kinder bei Sars CoV-2 sind, darüber gehen die wissenschaftlichen Meinungen weiterhin stark auseinander. Susi Kriemler, Schweizer Kinderärztin und Epidemiologin an der Universität Zürich:

"Die ersten bevölkerungsbasierten Daten, die wir haben von der ganzen Welt, zeigen, dass es möglicherweise so ist, dass sich Kinder gleich häufig wie die Erwachsenen anstecken, aber einfach weniger und mildere Symptome entwickeln."

Diskutiert wird auch darüber, ob und inwiefern alte Menschen und Risikogruppen unter den Vorzeichen einer Pandemie isoliert und damit besonders geschützt werden müssen oder mit Schutzmaßnahmen weiter am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Ältere Spieler, die beim Curling-Klub Düsseldorf von 1961 kein Risiko eingehen wollen, bleiben seit dem ersten Lockdown lieber zu Hause. Was Daniela Hüster, Vorstandsmitglied im Verein, mit Blick auf die Zukunft nachdenklich stimmt:    

"Ich weiß von drei Mitgliedern, die gesagt haben, dass selbst in der Zeit, wo wir jetzt kurzzeitig spielen durften, dass sie wegen der Coronasituation nicht zum Training gekommen sind. Aber es ist natürlich auch Nachwuchs, in dem Sinne, dass neue Mitglieder jetzt nicht zu erwarten sind, weil wir eben keine Schnupperkurse anbieten können und niemandem dieses Curling-Spielen und was da so mit dazu gehört nahebringen können."

Das soziale Miteinander, das in deutschen Sportvereinen zwar heutzutage längst nicht mehr so eine große Bedeutung hat, aber trotzdem für viele Mitglieder wichtig ist, liegt weitestgehend brach. Diese Erfahrungen macht auch Michael Wermke vom Berliner Segelklub SC Freia. Im Mai äußert er sich wie folgt:

"Die größten Veränderungen werden schon sein, dass wir unser Vereinsleben nicht führen können, dass wir jetzt gar nicht wissen, ob wir im Sommer eine Mitgliederversammlung durchführen können, ob wir uns in größeren Gruppen überhaupt zusammenfinden dürfen. Es werden keine Regatten stattfinden vorläufig. Mit Blick auf die älteren Mitglieder ist die Sache, dass sie zurzeit nicht das Gelände betreten dürfen, eigentlich aus dem Vereinsleben ausgeschlossen sind."

Trotz Hygienekonzepten kaum Sport möglich

Und das, obwohl alle deutschen Sportvereine Hygienekonzepte entwickelt und je nach Disziplin besondere Maßnahmen getroffen haben. So wie beim Frauen-Ruderklub Berlin-Wannsee, bei dem auch die frühere Leistungssportlerin Karola Brandt aktiv ist:

"Wir müssen mit Masken die Boote zu Wasser bringen, der Steuermann muss mit Maske rudern, wir dürfen unseren kleinen Gemeinschaftsraum nicht benutzen. Wir durften bis Mitte Juni gar nicht rudern, nur mit Partner, ich hatte das Glück, dass ich mit meinem Mann rudern konnte, weil wir sind Partner, ansonsten lag hier alles auf Eis, bis auf Einer rudern und sonst nichts."

Die je nach Bundesland sehr unterschiedlichen Coronaverordnungen sorgen auch im deutschen Sport für Verunsicherung und Verwirrung. Frei nach der Devise "Jeder macht seins". Nach der Rückkehr aus der Corona-Zwangspause weiß zunächst keiner so recht, was nun erlaubt ist, und was nicht.

Auch Jessica Wissmann geht es so, Trainerin bei der TuS Wörrstadt, 1974 der erste deutsche Meister im Frauenfußball:

"Man wusste gar nicht mehr, was darf man, was darf man nicht? Bei uns hat es erst mal ein bisschen gedauert, bis wir ein Hygienekonzept erstellt haben. Ich denke, es wäre ein bisschen einfacher gewesen, wenn vielleicht sogar der DFB einfach eine Entscheidung getroffen hätte, die man übertragen hätte können."

Kuddelmuddel in den Bundesländern

Das aber versäumt der Deutsche Fußball-Bund. Dagegen entwickelt der Deutsche Olympische Sportbund immerhin einen Zehn-Punkte-Plan, an dem sich die Vereine orientieren können. Veronika Rücker, Vorstandsvorsitzende im DOSB:

"Klar hätten wir uns gewünscht, dass es bundesweit einheitlich so schnell wie möglich wieder zum vollumfänglichen Sporttreiben kommt. Wir sind dann natürlich auf die Realitäten eingegangen und haben gesagt: ‚Wir sind froh um jedes Bundesland, das es wieder ermöglicht, Sport zu treiben. Dass es natürlich eine gewisse Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen in der jeweiligen Region gibt, ist natürlich nachvollziehbar. Insofern kann ich schon verstehen, dass es nicht gerade überschaubar war, wo was möglich und wo, was denkbar ist."

Oder um es mit den Worten des deutschen Liedermachers Hannes Wader zu beschreiben: "Denn was neu ist, wird alt. Und was gestern noch galt, stimmt schon heut' oder morgen nicht mehr."

Verwirrender Spielbetrieb unter Coronabedingungen

Je länger der Trainings- und Spielbetrieb dauert, desto besser finden sich die Vereine im Verordnungsdschungel zurecht. Viele Maßnahmen bleiben jedoch widersprüchlich und entbehren jedweder Logik.

So gibt es nicht nur unterschiedliche Vorgaben der Länder, sondern auch innerhalb eines Bundeslandes und sogar innerhalb einer Stadt. Z. B. in Köln. Dort trägt Fußball-Drittligist Viktoria am Abend des 21. Oktober ein Geister-Heimspiel gegen die zweite Mannschaft des FC Bayern München aus.

Ein paar Kilometer weiter empfängt zur selben Zeit Regionalligist Fortuna Köln vor 500 Fans den Bonner SC. Zum Verständnis: Für die 3. Liga entscheidet der DFB, ob Zuschauer in die Stadien dürfen, in der 4. Liga die jeweilige Gastgeber-Stadt.

Zu dieser Spielklasse gehört im Südwesten seit etwas mehr als einem Jahr auch die TuS Rot-Weiß Koblenz. Die erste Mannschaft muss gleich zu Saisonbeginn im September aufgrund mehrerer Coronafälle geschlossen in Quarantäne. Je nach Wohnsitz der Spieler sind dafür unterschiedliche Gesundheitsämter zuständig. Pit Arndt, Vorstandsmitglied im Verein: 

"Das war ein bisschen kompliziert, muss ich zugeben. Nachdem der erste Fall aufgetreten war, war der erste Kontakt mit dem Gesundheitsamt Main-Koblenz und der Stadt Koblenz. Das ist ein gemeinsames Gesundheitsamt für die Region hier. Aber dann ging es natürlich weiter. Der ein oder andere hat in Neuwied, das ist hier in der Nähe von Koblenz seinen Wohnsitz, Westerwald, Montabaur, wiederum ein anderes Gesundheitsamt, und insofern kamen witziger weise nachher für Positive, wie auch für Negativ Getestete unterschiedliche Quarantänezeiten dabei heraus."

Falsche positive Befunde in der Bundesliga

Die Empfindlichkeit des PCR-Tests, der kein Virus findet, sondern nur Gensequenzen davon, räumt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in einem Fernsehinterview Mitte Juni ein.

"Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht nachher durch zu umfangreiches Testen zu viele falsch Positive haben, weil die Tests ja nicht hundert Prozent genau sind, sondern auch eine kleine, aber eben auch eine Fehlerquote haben."

Dies bekommt auch der Profifußball zu spüren. Ende Oktober häufen sich in der 1. und 2. Bundesliga die falsch positiven Befunde. Betroffen ist unter anderen auch Nationalspieler Serge Gnabry vom FC Bayern: erst positiv und dann mehrfach negativ. Abweichende Ergebnisse können unterschiedliche Ursachen haben, z. B. Fehler bei der Entnahme der Proben, ein falscher Transport und auch der Zeitpunkt der Entnahme sind entscheidend.

Im Moment des Abstriches weist die PCR-Methode nicht nach, ob der Getestete ansteckend oder krank ist. Hinzu kommt: Je häufiger der Amplifikationsvorgang wiederholt werden muss, um Virenspuren zu entdecken, desto geringer ist die Viruslast. Was wiederum auch eine Erklärung dafür sein kann, weshalb Menschen, die besonders häufig getestet werden, wie z. B. Profifußballer, mal positiv und dann wieder negativ sind.

Dennoch hat bisher noch keiner der betroffenen Vereine rechtliche Schritte gegen ein Labor eingeleitet. Nach Einschätzung des Rechtsanwaltes Gerhard Strate würden die Erfolgsaussichten auch gegen null tendieren, denn: 

"Wenn der Test falsch ausfällt, ist er ja nicht falsch im Ergebnis, sondern es bedeutet nur, das, was man an Virussubstanz gefunden hat, das ist so gering, dass keine Gefahr besteht, dass der sich weiter vermehrt. Und eigentlich müsste der Betreffende dann nicht als infektiös bezeichnet werden. Aber das sind Grenzwerte, die im juristischen Streit nie geklärt werden können."

Andererseits können die Testergebnisse natürlich auch falsch negativ sein.

Amateure viel härter betroffen als Profis

Amateurspieler müssen einen Test in der Regel selbst bezahlen. Sind sie positiv, ob nun real oder nicht, fallen die Konsequenzen für sie viel gravierender aus. Denn aufgrund des Ansteckungsrisikos müssen sie natürlich in Quarantäne und können damit weder arbeiten noch Sport treiben. Das bedeutet bei mehreren Fällen innerhalb einer Mannschaft Nachholspiele. Was wiederum den Arbeitgeber in Zugzwang bringt, sich um Ersatz für seine dann freigestellten Arbeitnehmer zu kümmern.

Auch in diesem Fall hätte eine Klage des Arbeitgebers, etwa gegen das Gesundheitsamt, jedoch derzeit kaum Erfolgsaussichten, meint Gerhard Strate: 

"Das ist auch im Grunde ein Problem des normalen Schadensersatzrechts, aber der Nachweis, dass ein falscher Wert zustande gekommen ist, also der Betreffende nicht infektiös war, der ist ja alleine mit dem Laborwert nicht zu treffen. Im Grunde müsste letztlich die Frage, ob jemand krank ist, durch einen Arzt entschieden werden. Natürlich auf Grundlage dieser Ergebnisse des PCR-Testes, aber er müsste das dann insgesamt überprüfen." 

Schülerinnen in Würzburg auf einem Basketballplatz im Freien. (picture alliance/dpa/HMB Media/Heiko Becker)Nach den Lockerungen im Breiten- und Freizeitsport im Mai konnten auch Schüler und Schülerinnen wir hier in Würzburg wieder draußen Sport treiben. (picture alliance/dpa/HMB Media/Heiko Becker)

Anders als beim ersten Lockdown, als Vereins- und Schulsport generell untersagt sind, können Kinder und Jugendliche momentan zumindest in einigen Bundesländern unter freiem Himmel Sport treiben. Auch Golfspielen ist nun wieder erlaubt. Z. B. in Reit im Winkl, wo sich der Golfplatz grenzübergreifend von Bayern bis nach Österreich erstreckt. Martin Scholtys, der Manager des Klubs.

"Anfang des Jahres war es ja auch allgemein in der Golfbranche so, dass wenig Verständnis dafür da war, dass wir nicht spielen konnten, weil wir haben hier ein Areal bei uns von 55 Hektar."

Auch im Sport nehmen Bürgerinnen und Bürger die Vorgaben von Bund und Ländern nicht mehr wortlos hin.

In der Nähe von Köln etwa klagt der Betreiber einer Tennishalle gegen deren Schließung im Eilverfahren gegen die Auflage der Coronaschutz-Verordnung Nordrhein-Westfalen. Alle drei Tennisverbände im Land unterstützen dieses Vorgehen und wollen zudem Tennis als erlaubten Individualsport bewertet wissen.

Das Oberverwaltungsgericht Münster hat die Klage Ende November abgelehnt, was Rechtsanwalt Gerhard Strate nicht überrascht:

"Die Verwaltungsgerichte, die ja primär erst mal zuständig sind für die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Eindämmungsverordnungen in den Ländern, sind doch relativ zaghaft. Also dass alles streng am Verhältnismäßigkeitsgebot gemessen wird und auch richtig in den Blick genommen wird, dass dieser Betreiber einer Tennishalle natürlich auch, wie die Juristen es nennen, ein Sonderopfer auf sich nimmt, für das er eigentlich entschädigt werden müsste, das wird sich nicht so schnell durchsetzen in der Rechtsprechung."

Die Verluste der Betreiber wachsen

Mehr als einen Monat sind Tennishallen, Squash- und Badmintonplätze sowie Kartbahnen inzwischen schon wieder geschlossen. Die Verluste der Betreiber wachsen. Ein Minus machen auch die Mannschaftssportarten bei den Profis, trotz der finanziellen Unterstützung des Staates. Erst Geisterspiele, dann vorübergehend mit wenigen Zuschauern und seit Anfang November nun wieder ohne Fans.

Dauerhaft lässt sich das nicht durchhalten, meint Kaweh Niroomand, Geschäftsführer des mehrmaligen deutschen Volleyballmeisters Berlin Volleys:

"Wenn wir Geisterspiele machen müssen über die ganze Saison, da würde ich mir wirklich überlegen, ob wir das machen, weil das für uns wirtschaftlich gar nicht darstellbar ist. Wenn das Geisterspiele sind auf eine begrenzte Zeit, da kann man sicherlich drüber nachdenken."

Wenn jedoch dauerhaft keine Zuschauer mehr zu den Spielen kommen bzw. gar nicht gespielt werden kann, verliert der Publikumssport einen Teil seiner Seele. Und auch seine Gönner, die in die Sportart investieren. So wie im Frühsommer der Berliner Hockeyklub. Dessen Präsident Dirk Gassmann sagt:

"Ganz konkret bedeutet das, dass von den drei großen Sponsoren, die wir für unsere beiden Bundesligisten haben und für den Jugendbereich, sich zwei dafür entschieden haben, ihr Engagement nicht weiterzuführen."

Gerade für Sportarten, die im Fernsehen nicht so präsent sind und damit auch nur kaum oder gar keine TV-Einnahmen generieren, ist es umso wichtiger, wenn sie staatliche Unterstützung erhalten, sagt Thomas Härtel, Präsident des Landessportbundes Berlin: 

"Also ist zumindest bei uns über den Landessportbund knapp eine Million Euro abgeflossen, nach den Prüfungen der Anträge, die bei uns eingehen. Wir haben insgesamt etwa 140, 150 Anträge vorliegen, es werden aber weitere folgen. Es stellt sich heraus, dass bei den Vereinen natürlich die Frage ‚Mitglieder‘ eine Rolle spielt, obwohl erstaunlich ist, dass viele Mitglieder tatsächlich die Treue halten."

Entfremdung von der Sportgemeinschaft wächst

Je länger Sport in den Vereinen unmöglich ist, desto stärker wächst die Entfremdung von der Gemeinschaft. Sport ist derzeit vielfach nur individuell möglich. Sollte dieser Zustand über Monate andauern, werden sich Menschen garantiert überlegen, ob sie ihre Mitgliedschaft kündigen, schon aus finanziellen Erwägungen heraus. Dann könnten viele Amateurklubs in große Nöte geraten.

Aber nicht nur bei den Amateuren werden die Sorgen infolge der anhaltenden pandemischen Lage immer größer. Auch Profis können arbeitslos werden und in eine prekäre Situation geraten.

So wie der Basketballer Joshiko Saibou. Der 30-Jährige hatte nach Angaben seines früheren Arbeitgebers Telekom Baskets Bonn mehrfach gegen Auflagen in seinem Vertrag verstoßen. Als er Anfang August in Berlin an einer Demonstration gegen die Corona-Schutzmaßnahmen teilnimmt, wird er entlassen. Die Kündigung habe jedoch nichts mit seiner politischen Meinung zu tun, so die Geschäftsführung des Klubs.

Im November haben beide Seiten sich auf einen Vergleich geeinigt. Darin verständigen sich Verein und Spieler darauf, dass Saibou sich mit der Demo-Teilnahme im Rahmen der freien Meinungsäußerung bewege, und er auch nicht seine Spielerpflichten verletzt habe.

Corona polarisiert und trifft uns alle, wenn auch auf sehr unterschiedliche Art und Weise.

"Die Pandemie hat unser Leben in allen Bereichen, in der Arbeitswelt, in unserer Freizeit und auch in unserem Zusammenleben verändert, und ich habe in meiner Regierungserklärung darauf hingewiesen, dass vor uns vier lange, schwere Monate liegen, die uns alle vor große Herausforderungen stellen", so Angela Merkel.

Es ist halt alles eine Frage der Perspektive, der Formulierung und am Ende auch des Vertrauens in die mannigfaltigen Coronaregeln – oder in sich selbst. Dass vieles, das verbindlich klingt, eher im Ungefähren laviert, daran haben sich auch Sportlerinnen und Sportler inzwischen gewöhnen müssen.

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