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Rang I | Beitrag vom 05.06.2021

Verein "Weiterspielen Productions"Eine Rettungsgasse für Stücke im Premierenstau

Roland Koberg im Gespräch mit Janis El-Bira

Drei Requisiten-Stühle stehen nebeneinander im Opernhaus des Theaters Magdeburg hinter der Bühne. Im Hintergrund sind Container zu sehen. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Klaus-Dietmar Gabbert)
"Eine abgespielte Inszenierung kriegt im Stadttheater einen – grausames Wort – Totenschein, wenn endgültig entschieden ist, dass ein Stück nicht mehr gespielt wird", sagt Roland Koberg. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Klaus-Dietmar Gabbert)

Irgendwann ist Schluss mit jedem Stück am Theater. Dann wird das Bühnenbild entsorgt und die Schauspieler müssen andere Texte lernen. Der neu gegründete Verein "Weiterspielen Productions" will abgespielte Inszenierungen an andere Häuser vermitteln.

Ob nach fünf oder zehn Vorstellungen oder sogar nach Jahren des großen Publikumserfolgs, irgendwann heißt es für jede Theaterinszenierung einmal: abgespielt. Dann ist Schluss, endgültig.

Eigentlich. Denn seit wenigen Wochen gibt es einen neugegründeten Verein, der sich für ein Nachleben dieser Produktionen einsetzt und abgespielte Inszenierung an andere Häuser weitervermitteln will. "Weiterspielen Productions" heißt der Verein und dessen Mitgründer und Vorsitzender ist der Dramaturg Roland Koberg. 

Dekoration wird zu Kleinholz

Koberg erklärt, welches Schicksal sich hinter dem unauffälligen Wort "abgespielt" verbirgt:

"Eine abgespielte Inszenierung kriegt im Stadttheater einen – grausames Wort – Totenschein, wenn endgültig entschieden ist, dass ein Stück nicht mehr gespielt wird. Dann gibt die Intendanz bekannt, dass die Aufführung aufgelöst werden kann. Dann kann jede einzelne Abteilung ihren materiellen Beitrag sozusagen ausschlachten, also zerstören, archivieren, je nachdem."

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Dies betreffe unter anderem auch die großen Dekorationsteile, berichtet Koberg: "Die werden dann meistens ab dem Tag des Totenscheins zu Kleinholz oder Altmetall gemacht – und auf die lauert dann meistens ein Container am Hintereingang. Der Schauspieler hat dann auch die Wahl, entweder alles zu vergessen oder sich eben das Textbuch noch aufzuheben."

Diesem Abschied auf immer, der häufig auch bei Intendanzwechseln ansteht, will Koberg mit seinem "Weiterspielen"-Verein nun eine Alternative gegenüberstellen. Der Verein will diese abgespielten, oft sehr erfolgreichen Inszenierungen in "recycelten" Versionen an andere Theater weitervermitteln.

Oft genügt das "gesprochene Bühnenbild"

Dabei gehe es laut Koberg weniger um den Aspekt der ökologischen als vielmehr den der "kreativen Nachhaltigkeit". Schließlich seien Schauspieler vielfach mit bestimmten Rollen eng verbunden:

"Wir feiern mit unserem Verein vor allem die Schauspieler. In den Schauspielern leben die Inszenierungen weiter. Nicht umsonst kommt der Ausdruck der Rolle von diesem eingerollten Ding, das jeder mit sich herumtragen kann und mit dem er herumfahren kann. Da entwickeln wir dann mit den Schauspielern und mit den Regieteams Möglichkeiten zum Re- und Upcycling. Wie macht man die Produktion mit wenig Aufwand mobil, ohne dass wieder ganz viel neu angefertigt und produziert werden muss?"

Dafür müsse auch nicht viel mitgebracht werden, erläutert Koberg. "Wenn ein Auftritt gut vorbereitet ist, dann kann es auch reichen, dass ein Schauspieler sich mit einer Ikea-Tasche 90 Minuten in den Zug setzt und vorher sich den Ort anschaut. Weil Theater, wie wir es verstehen, das kann manchmal auch Orte in Theaterräume verwandeln. Dazu genügt manchmal ein gesprochenes Bühnenbild."

Idee kam im Lockdown

Die Idee zur Gründung des Vereins war Koberg und seinen Kollegen nicht zufällig während der beiden langen Theater-Lockdowns gekommen. Viele Produktionen sei in dieser Zeit fertig geprobt und gebaut, aber dann oftmals nicht aufgeführt worden.

Das Theater sei eben "ein Schwungrad", das nur sehr langsam zum Stehen komme. Im Stau der Premieren, der sich wegen der zahlreichen Unterbrechungen vielerorts aufgebaut habe, verstehe sich der Verein mit seiner Arbeit somit auch als eine Art "Rettungsgasse".

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