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Zeitfragen | Beitrag vom 23.03.2021

Veranstaltungsbranche in der PandemieBlick in eine schwarze Zukunft

Von Henrike Möller

Mikrofonständer und Stuhl auf einer leeren Bühne. (imago / / Rene Traut)
Die Veranstaltungsbranche, Kulturbranche, Kunstbranche und Musikbranche sind massiv von den Coronamaßnahmen betroffen. (imago / / Rene Traut)

Konzerte, Veranstaltungen, Messen sind wegen Corona gestrichen. Seit Monaten gibt es für Veranstaltungstechniker keine Arbeit. Einige haben sich neue Jobs gesucht: als Elektriker oder in einem Impfzentrum.

Eine kahle, leerstehende Wohnung in Berlin-Kaulsdorf. Oliver Thomas ist gerade dabei, Leisten an die Wand zu bohren. Er ist 34, trägt graue Arbeitskleidung und einen langen Bart.

"Heute werden wir noch ein bisschen laut sein und alle Bohrarbeiten erledigen. Dann können wir mit Sachen weitermachen wie Kabel verlegen."

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Eigentlich ist Oliver Thomas Lichttechniker für Veranstaltungen verschiedenster Art: von Messen bis Tourneen. Weil Lichttechniker in Zeiten von Corona aber kaum gebraucht werden, arbeitet er nun als Elektriker.

"Am Anfang hat er mir Spaß gemacht. Mittlerweile ist es ein bisschen monoton geworden. Das ist halt nicht der Job, für den mein Herz schlägt und den ich gewählt habe. Ja, ich sehe es halt nach wie vor als Übergangsjob, der gemacht werden muss, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber hier wird mich jetzt nichts länger als nötig halten."

"Die Angst sitzt einem im Nacken"

Bald ein Jahr arbeitet Oliver Thomas jetzt schon als Elektriker. In seinem beruflichen Umfeld seien die meisten in anderen Jobs untergekommen, erzählt er: im Stahlbau, bei Aufzugsbauten, bei Telekommunikationsfirmen oder im Supermarkt an der Kasse. Viele über Connections, so wie Oliver Thomas. Er hat von seinem neuen Job über Bekannte erfahren.

"Ich wollte mich nicht groß abhängig machen von irgendwelchen Hilfsgeldern, die dann entweder früher oder später oder gar nicht gezahlt werden. Ich wollte lieber finanziell unabhängig bleiben und mich selbst darum kümmern, dass ich ein Einkommen habe."

Dieses Einkommen macht allerdings nur etwa 70 Prozent von dem aus, was Oliver Thomas als Lichttechniker verdient hat. Davon muss er seine Familie ernähren. Denn seine Frau, die ebenfalls in der Veranstaltungsbranche gearbeitet hat, ist seit Corona arbeitslos.

"Das ist schwierig und belastend, die ganze Situation. Diese tägliche Angst so ein bisschen: Wenn mein Job hier wegfallen sollte, dann stehen wir da. Die Angst sitzt einem so ein bisschen im Nacken. Und wenn man nicht weiß, wie es weitergeht."

Leben von den Ersparnissen

Genau diese Perspektivlosigkeit ist es, die auch Silvio König fertigmacht. Er ist 42 und arbeitet als Tour- und Produktionsmanager, unter anderem für den Berliner DJ Paul Kalkbrenner.

"Was kann passieren in naher oder ferner Zukunft, was für Events dürfen stattfinden? – So gar nichts zu wissen, ist echt schlimm."

Acht Monate hatte Silvio König keine Aufträge. Dann, im November 2020, eine Anfrage für eine Online-Konferenz, die er technisch auf die Beine stellen soll. Aber wie geht so etwas überhaupt? König bildet sich autodidaktisch in Sachen digitale Events weiter. Seinen Lebensunterhalt finanziert er über Erspartes.

"Mein erwirtschaftetes Geld, was ich über die Jahre davor erwirtschaftet habe, was mal geplant war für später, Rente, da ist schon viel draufgegangen. Das hat sich sehr komisch angefühlt, da ranzugehen."

Entertainment im Impfzentrum

Im Dezember 2020 bekommt Silvio König schließlich einen Anruf, der seine Situation komplett ändern sollte: Ob er nicht Lust hätte, in Berlin ein Impfzentrum zu leiten. "Da habe ich erst einmal ganz schön blöd geguckt und gefragt: Hä?"

Das Deutsche Rote Kreuz Kreisverband Müggelspree hatte den Kultursenator von Berlin angesprochen: Haben Sie nicht Kontakt zur Eventbranche? Der hat gesagt: Ja, klar, das sind die, die seit acht Monaten rumsitzen und nichts haben. Frag die mal! Und dann hat man mir das in einem digitalen Meeting erklärt, was da so passiert, wie es so passiert. Menschen am Einlass empfangen, begleiten durch einen Raum. Dann kommen sie in eine Art Kino, Aufklärung zum Impfen und wieder rausbegleiten. Eventbranche ist ja letztendlich nichts Anderes. Gut, läuft, keine Musik. Aber warum nicht. Kann ich. Dann habe ich gesagt: ja, von heute auf morgen."

Als zukünftiger Leiter des Impfzentrums darf sich Silvio König sein Team selbst zusammenstellen. Er fragt andere Leute aus der Kulturbranche: Künstler, Veranstaltungstechniker, Schauspieler, aber auch Gastronomen.

Ein Personal, das bei den Impflingen gut ankommt. Auf Google erntet Königs Impfzentrum in Berlin Tegel 4,8 von 5 Sternen und jede Menge positive Rezensionen: "Es ist großartig organisiert und funktioniert reibungslos. Das Personal macht einen perfekten Job und ist sehr freundlich und engagiert und verbreitet gut Laune", schreibt eine Userin.

"Man versucht sich ja dann, auch diesen Alltag schön zu gestalten. Wir entertainen irgendwie die Leute, und das gibt uns auch ganz viel Kraft und Motivation. Es macht Spaß."

Sehnsucht nach dem alten Job

Die berufliche Umstellung fällt Silvio König trotzdem schwer. 20 Jahre hat er als Selbstständiger gearbeitet, war fast 200 Tage im Jahr auf Reisen. Nun ist er angestellt – mit allem, was dazugehört.

"Es ist schon komisch, jetzt so wirklich einen Alltag zu haben. Sprich: um sechs Uhr aufstehen, um sieben Uhr losfahren, dann irgendwie kaputt vom Tag um 20, 21 Uhr einzuschlafen. Ja, wirklich, ist ganz komisch. Aber auch gar nicht schlimm. Für eine Zeit. Ganz klar für eine Zeit. Es darf nicht für immer sein."

Auch Oliver Thomas fiebert dem Ende seines Übergangsjobs als Elektriker entgegen. Ganz bewusst hat er sich gegen eine Anstellung entschieden und arbeitet weiterhin als Selbstständiger.

"Ich wollte mir die Flexibilität erhalten, dass, wenn jetzt vielleicht doch mal eine Veranstaltung kommen sollte – war ja im Sommer auch ein-, zweimal der Fall, dass so kleine Nummern stattgefunden haben –, dass ich dann möglichst schnell wieder einen Fuß zurückkriegen kann in die Veranstaltungsbranche. Ich vermiss es sehr doll, ja."

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