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Lesart | Beitrag vom 03.04.2020

Venezuelas Literaturportal"Unser Leben" in vielen Geschichten

Von Peter B. Schumann

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Menschen stehen in Caracas,Venezuela, Schlange um sauberes Wasser abzuholen. 2. April 2020. (Getty/NurPhoto/Jonathan Lanza)
In Venezuelas Hauptstadt Caracas herrschte bereits vor der Pandemie der Notstand: Viele Geschichten der sozialen und politischen Krise sammelt das Portal "La Vida de Nos". (Getty/NurPhoto/Jonathan Lanza)

Was geschieht mit der Literatur in einem Land wie Venezuela, das im Notstand lebt und dessen Buchmarkt nicht mehr existiert? Dort bietet das Internet ein Fenster zur Welt: Das Portal "La Vida de Nos" präsentiert alternative Formate des Erzählens.

"In Venezuela scheint alles zum Scheitern und zur Hoffnungslosigkeit verdammt. Doch jetzt existieren wir bereits drei Jahre und haben 303 Geschichten von 189 Autoren publiziert, davon 56 auf Englisch. Mehrere von ihnen wurden ausgezeichnet. Monatlich erreichen wir inzwischen rund 10.000 Leser."

Eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. In Venezuela wird nirgendwo sonst Literatur im Netz so erfolgreich publiziert. Es gibt eine Reihe von Versuchen, die Verlage, Buchhandlungen, Universitäten, Kulturinstitute oder Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ihrer verzweifelten Situation unternehmen. Doch sie alle verfolgen spezielle Interessen. Oder haben kein so klares Profil wie "La Vida de Nos" (Unser Leben). Der bekannte Romancier Héctor Torres ist Mitbegründer der Plattform:

"La Vida de Nos geht auf eine Initiative meiner Kollegin Albor Rodríguez zurück. Sie wollte einen Ort für aktuelle Geschichten über Venezuela aus der Sicht unbekannter Menschen schaffen. Sie sollen sowohl journalistisch als auch literarisch sein und einfach geschrieben für ein großes Publikum."

Neue Formen der Kommunikation

Rodríguez und Torres wollen keine traditionellen Reportagen, Kommentare, Chroniken oder Ähnliches veröffentlichen, sondern ein alternatives Format des Erzählens, das sie schlicht ‚Geschichten‘ nennen.

Héctor Torres: "Es ist eine neue Form der Kommunikation mit dem Leser. Dieser erhält ständig erschreckende Informationen, aber meist nur Zahlen oder Daten, deren menschliche Dimension gar nicht erfassbar ist. Als zum Beispiel nach den Demonstrationen 2017 in Caracas von 170 durch die Polizei Ermordeten die Rede war, da blieb das für den normalen Leser eine abstrakte Zahl. Wir greifen deshalb einzelne Fälle auf und lassen von unseren Autoren deren Kontext, die Vorgeschichte, den Ablauf und die Folgen berichten, damit der Leser die Tragweite des Geschehens erfasst und nicht nur eine Zahl sieht."

Die auf Menschenrechtsthemen spezialisierte Autorin Clavél Rangél schildert zum Beispiel in ihrer Geschichte "Nur ein Kapitel im Leben von Rubén González" das Schicksal eines Gewerkschaftsführers. Er organisierte Streiks der Minenarbeiter, nachdem staatlich verordnete Lohnkürzungen sie in die Armut getrieben hatten. González wurde deshalb mehrfach festgenommen und schließlich zu einer fast sechsjährigen Haft in einem der berüchtigtsten Gefängnisse des Landes verurteilt. Damit solche Fälle nicht vergessen werden, veröffentlichte "La Vida de Nos" diese und weitere Geschichten unter dem Titel "Sie sind politische Gefangene, wir sind es auch".

Chroniken der Selbstbehauptung

Héctor Torres: "Das war unser erstes Serienprojekt. Wir haben zunächst in einem Aufruf Autoren gesucht, sie dann in einem Workshop mit unserer Form des Geschichtenerzählens vertraut gemacht und schließlich die endgültige Auswahl von sechs Texten betreut. Beraten hat uns dabei das Foro Penal, eine Menschenrechtsorganisation zur Unterstützung politischer Gefangener, denn wir wollten jene unbekannten und unsinnigen Fälle sichtbar machen, von denen sonst niemand berichtet."

Mit diesen Chroniken des Elends und der Selbstbehauptung gelangte "La Vida de Nos" in die Endauswahl für den lateinamerikanischen Journalistenpreis "Gabriel García Márquez". Die Texte zeigen ungeschminkt die Wirklichkeit unsäglicher Verhältnisse, unter denen die Bevölkerung seit langem leidet. Erstaunlicherweise hat die Zensur bisher nicht eingegriffen.

Nur ein Nischenphänomen

Héctor Torres: "Wir sind uns jedoch bewusst, dass sie jederzeit zuschlagen könnte. Deshalb achten wir sehr darauf, dass keine Vorwürfe erhoben werden, die nicht beweisbar sind. Es kommt aber vor, dass Leser in ihren Tweets daraufhin das Regime attackieren. Dagegen können wir nichts anderes machen, als uns so unangreifbar wie möglich zu verhalten."

Die Machthaber in Venezuela interessiert nur ihre eigene Version der Realität. "La Vida de Nos" ist – wie venezolanische Literatur im Internet ganz allgemein – ein Nischenphänomen. Es existiert in einem kulturellen Bereich, den Maduro und sein Zirkel längst abgeschrieben haben. Literarische Plattformen wie "Unser Leben" haben sich einen Freiraum geschaffen und dokumentieren hier das andere Venezuela.

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