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Tonart | Beitrag vom 02.09.2019

Velvet Negroni: "Neon Brown"Vielschichtige Narbengewebsmusik

Von Christoph Möller

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Musiker Velvet Negroni hält ein Mikro in der Hand, hat ein Basecap auf dem Kopf und  die Augen geschlossen und singt beim Beusch eines Radio-Studios im August 2019.  (picture alliace / Star Shooter / MediaPunch)
Musiker Velvet Negroni, bürgerlich Jeremy Nutzman, macht Musik, die gleichzeitig trauert und feiert. (picture alliace / Star Shooter / MediaPunch)

Velvet Negroni ist Adoptivkind, war Profi-Eiskunstläufer und drogensüchtig. Seine Musik zeigt Wunden und Narben. Manchmal ist das etwas zu viel. Dennoch ist das Debütalbum gelungen. Es zeigt aber auch: Rettung ist noch weit entfernt.

Velvet Negroni ist auf der Suche. Nach Worten und Musik, die das beschreiben, was in ihm ist: Gefühle, Ängste, Traumata. "Neon Brown", sein Debütalbum, ist eine vertonte Emanzipation. Von Drogen. Und auch von seinem Elternhaus.

Velvet Negroni heißt Jeremy Nutzman. Er ist als schwarzes, adoptiertes Kind in einer weißen, streng gläubigen Familie in Minneapolis aufgewachsen.

"Die Beatles habe ich zum ersten Mal mit 18 oder 19 gehört. Musik, die nichts mit Gott oder der Kirche zu tun hatte, musste ich verstecken bis zum Ende meiner Schulzeit."

Musikalische und streng gläubige Eltern

Nutzmans Elternhaus war sehr musikalisch. Seine Mutter ist klassische Pianistin. Er spielte schon als Kind Klavier und Blasinstrumente.

"So musikalisch mein Elternhaus auch war, bei uns zu Hause lief nie Musik. Und wenn, dann Klassik oder christliche Musik."

Auf "Neon Brown" verarbeitet Velvet Negroni seine Vergangenheit in einem "Stream of Consciousness", einem freien Fluss des Bewusstseins. Die Lyrics sind lautmalerisch und wirken zusammenhangslos. Es scheint um eine vergangene Liebe zu gehen. Und auch mal um die Angst vor den USA unter Donald Trump. Aber vielleicht geht es auch um etwas ganz anderes.

Manchmal wird es doch konkreter: In "Poster Child" singt Negroni über den hohen Erwartungsdruck, den er zu Hause spürte. Als Musiker. Und auch als professioneller Eiskunstläufer. Seine zweite, mittlerweile aufgegebene Karriere. "Was zur Hölle wollt ihr alle von mir?", fragt er.

Dritte Karriere Drogensucht

Irgendwann verlässt Nutzman das Elternhaus in Minneapolis. Und beginnt seine dritte Karriere: die Drogensucht.

"Ich habe so viele Drogen genommen, das war echt nicht nötig. Oder vielleicht war es doch nötig, um zu lernen, dass ich eine Balance in meinem Leben finden muss."

"Neon Brown", das Album, ist auch die Geschichte, das zumindest teilweise geschafft zu haben. Nutzman sagt, er ist dankbar für die Zeit, die ihm geliehen wurde, die jetzt kommt, die Zeit als Musiker Velvet Negroni.

"Es gab viele Momente, wo ich kurz davor war, zu sterben. Ich sollte längst tot sein. Es fühlt sich so an, als hätte mir noch jemand mehr Zeit geliehen. Und dafür bin ich sehr dankbar."

"Neon Brown" ist Musik, die der britische Musikwissenschaftler Adam Harper kürzlich als "Scar-Tissue Music" beschrieben hat: Narbengewebsmusik. Scar-Tissue Music ist Musik, die traumatische biografische Erfahrungen und die Überwindung davon hörbar macht. Musik, die Wunden zeigt. Und das Ergebnis der Heilung, die Narben eben. Eine Musik, die gleichzeitig trauert und feiert.

Sakral und beruhigend, Wut und Gewalt

Velvet Negronis Narbengewebsmusik klingt vielschichtig. Manche Stücke wirken sakral und beruhigend. In anderen spürt man Wut und Gewalt. Dub trifft auf Synthpop, Rap und experimentelle elektronische Musik. Musik, die Wunden zeigt. Und das Ergebnis der Heilung, die Narben eben. Eine Musik, die gleichzeitig trauert und feiert.

Manchmal ist das etwas zu viel. Und die vermeintliche Rettung mit Musik, die im Pop so gerne erzählt wird, scheint bei Velvet Negroni noch lange nicht abgeschlossen.

Die Erlösung, das sagt dieses Album, muss noch warten. "Neon Brown" ist eine existenzielle Geschichte in der universellen Sprache der Popmusik. Das ist eine Herausforderung. Aber eine, die sich unbedingt lohnt.

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