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Echtzeit | Beitrag vom 01.08.2015

Vegan wohnen Naturfaser statt Ledersofa und Daunendecke

Von Barbara Becker

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Kleidung aus Brennnesseln (picture alliance / dpa / Foto: Rolf Vennenbernd)
Daunendecken sind für vegan lebende Menschen eigentlich auch tabu. Wie wäre es dann mit Stoffen aus Brennnesseln? (picture alliance / dpa / Foto: Rolf Vennenbernd)

Wer vegan leben will, muss nicht nur seine Ernährung ändern. Auch in Wohnungen steckt Tierisches. Was geht und was geht nicht? Barbara Becker hat es für uns recherchiert und sich in Berlin und in Brandenburg in veganen Wohnungen umgeschaut.

Von außen ist nichts Auffälliges zu erkennen. Ein normales Haus in einer  normalen Berliner Straße. Ich bin etwas nervös. Man hat ja schon so einiges über Veganer gehört: militant, humorlos, missionarisch.

An der Tür steht Henrik. Sommerhose, dunkles T-Shirt, dunkle Haare, freundliches Lächeln. Sieht ganz normal aus.

"Willkommen in Friedenau"

Danke. Worauf steh ich da gerade?

"Auf einer Fußmatte aus Synthetikfasern."

Aha. Veganer benutzen also Synthetikfasern. Ist das schon das ganze Geheimnis? Was ist denn mit der Bettdecke?

"Die Bettdecke, das ist so ne Synthetikfaser… Sie sind auch gleichmäßiger… die Daunen… die wandern ja immer nach unten die Nacht über, dann hat man oben nachher nüscht. Abgesehen davon, dass sie vegan sind und keinem Tier wehgetan haben, sind sie auch noch besser!"

Gleich daneben steht ein hübsches Schränkchen aus Holz. Und dann stehen wir schon im Wohnzimmer mit Teppich, Tisch und Sofa.

"Ja, das ist ein veganes Sofa, weil das mit Baumwollstoff bezogen ist. Nen sehr fester Baumwollstoff. Die Füllung ist Polyester, Schaumstoff. Also, wenn der Bezug nicht aus Fasern vom Schaf ist oder aus Leder, dann ist es eigentlich automatisch vegan. Roßhaar findet man in günstigen Sofas eigentlich nicht mehr."

Roßhaar, Schaf, Leder, gar nicht so leicht mit dem veganen Wohnen.

Hendrik: "Der Teppich, auf dem wir stehen, ist nicht vegan, weil der von meinem Opa ist. Aber den wegzuschmeißen, davon geht’s dem Tier auch nicht gut, dass die Haare mal hatte."

Okay. Auf dem veganen Sofa sitzt Sebastian, der nicht-vegane Mann von Henrik. Ist das Zusammenwohnen mit einem Hardliner schwierig?

Sebastian: "Ja, es ist halt ne Umstellung, aber ich fand’s jetzt nicht übertrieben. Inzwischen merkt man ja selber, dass man auch schon so wird. Und es ist ja jetzt nix Schlimmes."

Und was meint der Hardliner selbst?

Hendrik: "Der ganze ökonomische, ökologische Aspekt war für mich erst wichtig. Die Tierrechtskomponente kam erst später. So kam dann das halt alles zusammen, dass der Veganismus die logische Konsequenz war. Ich seh das auch gar nicht so verbissen. Und missionieren bringt überhaupt nichts."

Ein Veganer in Brandenburg

Meine zweite vegane Adresse liegt in Stolzenhagen, im Brandenburgischen. Dort wohnt Thomas. Seit 20 Jahren Veganer – auch beruflich – angefangen hat er mit Ernährung. Inzwischen ist er in der Schuhbranche gelandet.

Die totale Idylle. Ein Seegrundstück. Hier lebt Thomas in einem kleinen Haus.

"Das ist so ne klassische Finnhütte, wie sie in den 70er- und 80er-Jahren in der DDR gebaut wurde. Das ist eben überwiegend Holz, hat nen Papp-Dach und große Scheiben mit Seeblick. Ist, glaub ich, noch Styroporisolierung. Keine tierischen Materialien."

Aber wenn das jetzt kein Styropor wäre, sondern…

"Mit tierischen Dämmstoffen oder so. Nee, da hätt ich drauf verzichtet – ja!"

Ich bin beeindruckt von so viel Konsequenz. Im Wohnzimmer steht eine Liege. Aus Leder ist die natürlich nicht, sondern:

"Das ist ne Mikrofaser und das ist hier so.. ich denke, das ist so ne Mischung aus Gummi und PU."

Pu?

"Polyurethan. So ne Kohlenwasserstoffverbindung, Erdölprodukt."

Aha. Ich kletter hinter Thomas die steile Leiter hoch.

"Ein veganes Schlafzimmer."

Was ist denn hier so anders?

"Das ist so ein Holzsteckbett, das ist einfach nur zusammengesteckt…und da war mir schon wichtig, dass es nicht verleimt ist."

Leim? Wieso? Was ist denn mit Leim?

"Klassische Tischlereien benutzen Leim mit Tier…Knochen. Leim wird aus Tierknochen gemacht."

Okay. Jetzt werfe ich noch einen Blick ins winzige…

"Arbeitszimmer. Mein Bürostuhl, das ist hier Holz und auch Metall, auch keine Ledersitzmöbel. Ich hab leider nicht so viel anzubieten an Wohnraum und Utensilien. Aber das macht’s dann einfach, den Überblick zu behalten, dass man auch nur vegane Sachen hat. Dass da kein Tier für sterben musste. Ja, das mach ich eigentlich automatisch immer."

Mehr zum Thema:

Messe "Biofach" - Teewurst - aber bitte vegan!
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 12.02.2015)

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