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Religionen / Archiv | Beitrag vom 19.10.2014

VatikanWenig Konsens aber Gesprächsimpulse

Die Bischofssynode lotete die Richtung aus für die Neudefinition von Familie

Moderatorin Kirsten Dietrich spricht mit Thomas Migge

Papst Franziskus bevor er im Rahmen der außerordentlichen Bischofssynode eine Rede hält. (ANDREAS SOLARO / AFP)
Papst Franziskus bevor er im Rahmen der außerordentlichen Bischofssynode eine Rede hält. (ANDREAS SOLARO / AFP)

Groß waren die Hoffnungen auf einen neuen Umgang in der katholischen Kirche mit Scheidung, Homosexualität und Verhütung. Doch Mehrheiten für diese neuen Wege gab es bei dieser Synode nicht. Ein Gespräch über die kleinen und großen Bewegungen und Konfliktpunkte.

Kirsten Dietrich: Knapp 200 Bischöfe haben im Vatikan zwei Wochen lang über Familie geredet, über Sexualität und Moderne. Papst Franziskus hatte zu dieser Bischofssynode eingeladen. Vor Beginn schien der Weg eher das Ziel zu sein. Sprich: Viele waren erstaunt, dass die katholische Kirche tatsächlich die Realitäten wahrnehmen will und dazu sogar extra einen Fragebogen in alle Winkel der Weltkirche geschickt hatte. Wirkliche Veränderungen aber hatte kaum jemand erwartet. Doch im Lauf der letzten Woche wehte auf einmal ein Hauch von Sensation aus dem Vatikan: Eine Lösung für das Dilemma von wiederverheirateten Geschiedenen wurde in Aussicht gestellt, Homosexuelle als Bereicherung auch fürs katholische Gemeindeleben bezeichnet. Der Zwischenbericht wurde als regelrechtes Erdbeben empfunden. Gestern ging das Treffen nun zu Ende. Thomas Migge hat für uns die Beratungen in Rom verfolgt. Was ist es denn geworden, Herr Migge: lauer Wind oder Erdbeben?

Thomas Migge: Tja, ein deutscher Synodalteilnehmer, der namentlich nicht genannt werden möchte, meinte gestern Abend, nachdem er die Synodalaula verlassen hat: Der Elefant hat eine Maus zur Welt gebracht. Sicherlich ist dieses Abschlussdokument im Vergleich zu dem Zwischenbericht, der – wie Sie gesagt haben – ein Erdbeben ausgelöst hat, vorsichtiger ausgefallen. Das war vollkommen abzusehen, trotz der heftigen Diskussionen und der fast schon revolutionären Aussagen. Denn Ziel war es, die Fronten wieder zusammenzubringen, die aufgerissen wurden während dieser Synode, und zwar mit Blick auf die ordentliche Synode zu den gleichen Familienthemen, die im kommenden Jahr stattfinden wird.

Dazu muss man wissen, dass der Zwischenbericht nach der ersten Woche der Synode ein Arbeitspapier ist, in dem die einzelnen Positionen wiedergegeben werden, um dann in der zweiten Woche, also bis Samstag, das Ganze noch mal richtig durchzudiskutieren. Franziskus ging es bei dieser Synode ja erst einmal darum, die Einstellungen der Synodalväter überhaupt zu bündeln, auf den Punkt zu bringen, und deshalb seine ständige Aufforderung, offen zu diskutieren, ohne Furcht zu haben.

Dass gestern trotz der heftigen Diskussionen dieser Abschlussbericht so, ja, die einen sagen oberflächlich, die anderen sagen lau, ausfiel, das ist vollkommen abzusehen, heißt aber nicht, dass die ordentliche Synode im nächsten Jahr deshalb auch lau ausfallen wird, denn es ist immerhin der Papst, der nach der zweiten Synode dann überhaupt Entscheidungen fällen wird.

Dietrich: Aber was steht denn jetzt drin für Familien, die zum Beispiel in schwierigen Situationen sind, weil sie noch einmal geheiratet haben und deswegen jetzt von den Sakramenten ausgeschlossen sind? Können die von den Beratungen jetzt irgendetwas mitnehmen, außer dass über ihr Problem nachgedacht wurde?

Migge: In keiner Weise können sie was mitnehmen oder daraus erfahren, wie mit ihnen in Zukunft umgegangen wird. Die Abschlussbotschaft der Bischöfe, das Abschlussdokument und die Abschlussrede des Papstes haben eigentlich nur ein Credo: Die Kirche ist ein offenes Haus, offen für alle, für wiederverheiratet Geschiedene, für Homosexuelle, für gleichgeschlechtliche Beziehungen. Mehr kam bei dieser Synode eigentlich nicht heraus und das ist eigentlich schon viel, denn in der verklausulierten Sprache der katholischen Kirche ist ein offenes Haus, das offene Türen für alle hat, ohne dass das Wort Sünde oder Sünder fällt, eigentlich schon eine Neuerung.

Dietrich: Das heißt, Sie würden das so einschätzen, dass dieser recht kühne Zwischenbericht, in dem ganz offen zum Beispiel Homosexuelle als eine Bereicherung für die Gemeinden bezeichnet wurden, dass diese Gedanken des Zwischenberichts jetzt trotzdem nicht verlorengegangen sind, obwohl sie im Schlussdokument nicht mehr auftauchen?

Zwei Fronten auf der Synode

Migge: In keiner Weise, denn es haben sich ja – und das ist ja nun wirklich für alle unübersehbar, selbst für die Synodalteilnehmer, die überhaupt keine Reform wollten –, ... dass sich zwei Fronten aufgetan haben, auch wenn bei diesen beiden Fronten, also zwischen den Traditionalisten und den Reformern, ... Dass die Front der Reformer oder die Fraktion, sagen wir, die Fraktion der Reformer bei bestimmten Themen wie der Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene oder Homosexuelle keine Zwei-Drittel-Mehrheiten gestern erreichten bei der abschließenden Abstimmung heißt noch lange nicht, dass die Sache vom Tisch ist, denn es gibt genug Hinweise dahin, dass der Papst selbst bestimmte reformerische Ansätze unterstützt. Und man hat ja gesehen: Während der gesamten Synode von zwei Wochen standen sich wirklich zwei Fraktionen gegenüber, und diese Fraktionen lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Dietrich: Kann man die Fraktionen genauer verorten? Sind das die europäischen Kirchen in ihrem eher säkularen Umfeld und die afrikanischen und lateinamerikanischen Kirchen zum Beispiel, dass die gegeneinanderstehen? Oder geht das quer durch alle Kontinente?

Migge: Das kann man schon relativ geografisch aufteilen. Die Front der Reformisten, sagen wir es mal so, wird angeführt vor allen Dingen von Kardinal Walter Kasper und dem österreichischen Kardinal Christoph Schönborn. Da gehören verschiedene andere Kardinäle zu, einige wenige aus den USA, aber das sind primär europäische Kardinäle. Die Traditionalisten, zu ihnen – in Anführung – gehört unter anderem Gerhard Ludwig Müller, der oberste Glaubenspräfekt der katholischen Kirche, wie George Pell, selbst vom Papst ernannt zum obersten Wirtschaftsminister, Finanzminister des Vatikans, zu ihnen gehören viele nordamerikanische und vor allen Dingen auch schwarzafrikanische Synodalväter, die über das Thema der Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zur Kommunion oder mehr Akzeptanz für Homosexuelle gar nichts wissen wollen. Insofern lässt sich das geografisch verorten, woher diese beiden Gruppen kommen.

Dietrich: Und der Papst? Sie sagen, man hat die Steuerung direkt während der Synode nicht sehen können, aber hinter den Kulissen ist sie doch spürbar gewesen. Kann man jetzt aus diesem Ergebnis irgendwie ableiten, welche Position denn Papst Franziskus in diesem Konflikt, in diesem Positionskampf, einzunehmen gedenkt?

Migge: Also das ist ganz interessant: Offiziell hat der Papst überhaupt nichts gesagt. Er hat sich die Sachen angehört. Interessant ist, dass Kardinal Kasper vor der Synode gesagt hat, dass die Angriffe auf seine Person seitens der Traditionalisten nicht gegen ihn gerichtet wären, sondern eigentlich indirekt gegen den Papst. Er hätte den Segen gehabt vom Papst, bestimmte reformerische Ansätze zu verbreiten. Interessant ist auch, dass während der Synode einige Vatikanexperten, die sogenannten Vatikanisti – das ist eine besondere Berufsgattung in Rom, die sich nur um Vatikaninterna kümmert – erfahren haben will, dass einige der Traditionalisten unter den Synodalvätern beobachtet hätten, dass der Papst während der Synodaldebatten dem Kardinal Baldisseri, das ist der Generalsekretär der Synode gewesen, kleine Zettelchen zugesteckt habe vor wichtigen Diskussionsthemen, Baldisseri diese Zettelchen gelesen habe und in seine Manteltasche gesteckt habe, und das wäre eventuell der Versuch der Beeinflussung durch den Papst gewesen. Fakt ist, dass bestimmte Äußerungen des Papstes vor und während der Synode, bei einer Ansprache während der Synode, dahin hingedeutet werden können, dass der Papst schon die reformerische Seite befürwortet.

Dietrich: Warum diese Geheimniskrämerei überhaupt? Warum durfte da überhaupt nichts wirklich öffentlich gesprochen werden? Warum all das hinter verschlossenen Türen, nachdem man vorher mit dieser großen Offenheit, mit diesem großen Zugehen auf Lebenswirklichkeit gestartet ist?

Abschlussbericht als Arbeitsgrundlage für die ordentliche Synode

Migge: Tja. Fakt ist, dass in der rund 50-jährigen Geschichte der Synoden innerhalb des Vatikans zum ersten Mal Geheimniskrämerei betrieben wurde. Offiziell gab es nachmittags, am frühen Nachmittag und am späten Nachmittag, zwei Briefings durch den päpstlichen Sprecher, der die Diskussion zusammenfasste, allerdings: Die einzelnen Vorträge der Synodalväter bei den Debatten durften nicht publik werden. Allerdings gab es nach den einzelnen Debatten dann Interviews, die Kardinäle verließen, die Bischöfe verließen die Synodalaula und durften Interviews geben. Und Vatikanexperten in Rom meinen, dass die Debatten und die Debattenbeiträge geheim gehalten wurden, damit – und das meinen auch die Traditionalisten – die Öffentlichkeit nicht erfahren sollte, dass die Reformisten in der Minderheit sind, dass man den Eindruck erwecken wollte, dass die Reformisten vielleicht die Mehrheit haben. Fakt ist, dass die Abschlussbefragung gestern zu den einzelnen Paragraphen des Abschlussberichts ergeben hat, dass bei den besonders heiklen Themen keine Zwei-Drittel-Mehrheiten für mögliche Reformen zusammengekommen sind.

Dietrich: Wie geht es jetzt weiter? Das Thema Familie soll jetzt ein Jahr lang in den Diözesen in der katholischen Kirche diskutiert werden – und dann in einem Jahr trifft man sich wieder, um noch mal neu zu diskutieren?

Migge: Genau. Der Abschlussbericht dient ja als Arbeitsgrundlage der ordentlichen Synode im kommenden Jahr. Nach diesem Treffen erst wird der Papst Entscheidungen treffen. Ob er diese gegen die – wie bei dieser Synode klar wurde – Mehrheit der Synodalväter treffen wird, also die, die traditionellen Werte der Kirche verteidigen wollen, das ist vollkommen unklar. Der Papst wünschte sich, erklärte er gestern Abend, dass die Themen, auch die heiklen Themen in den einzelnen Bischofskonferenzen der Länder diskutiert werden. In Deutschland wird das sicherlich der Fall sein. Ob das aber bei den Bischofskonferenzen, die eindeutig gegen reformistische Paragraphen sind, der Fall sein wird, das steht zu bezweifeln.

Dietrich: Heute, quasi zum Abschluss der Synode, hat Papst Franziskus einen seiner Amtsvorgänger selig gesprochen: Papst Paul VI., also ausgerechnet den Papst, der der katholischen Sexualmoral viele ihrer Probleme im Umgang mit der Moderne erst eingebrockt hat. Paul VI. war es, der die künstliche Verhütung in seiner Enzyklika "Humanae Vitae" im Jahr 1968 verboten hat. Jeder Geschlechtsverkehr, so heißt es da, müsse offen sein für die Entstehung von Kindern. Und seitdem ergibt das die knifflige Frage, auch für gläubige Ehepaare, wie sie sich dazu verhalten und de facto überhaupt keine Alternative als Keuschheit für alle anderen. Also dieser Papst wurde heute selig gesprochen. Warum? War das eine Beruhigungspille für die Gegner von Wandel oder war das so eine Zusicherung, dass sich im Prinzip doch auch nichts ändern wird?

Migge: Eine interessante Seligsprechung, denn 1963 wurde dieser reservierte Geistliche Papst – und das mitten in den heißen Debatten des Zweiten Vatikanischen Konzils. Ihn nur auf seine "Humanae Vitae", auf seine Enzyklika, und nur als Pillenpapst zu reduzieren, ist, denke ich mir, ziemlich dumm, denn wie Franziskus hatte auch er innerhalb einer immer säkulärer werdenden Welt sich mit einem Klerus auseinanderzusetzen, der sich in Traditionalisten und Reformer aufteilte. Paul VI. setzte sich bewusst damit zwischen die Stühle. Er wurde von den Traditionalisten als Modernist bezeichnet und von den Reformern als Traditionalist. Und ich meine: Sicherlich hatte Paul VI. erkannt, dass seine Kirche sich mit der modernen Welt auseinandersetzen musste, aber er war kein Typ wie Papst Franziskus. Nicht, dass der Argentinier nicht auch vorsichtig und diplomatisch vorgeht, schließlich ist er ja Jesuit, das darf man nicht vergessen, doch Franziskus ist weitaus mutiger und selbstbewusster als Paul VI. Und doch sollte die Seligsprechung zum Ende der Familiensynode als Zeichen dafür gewertet werden, dass auch Franziskus vorsichtig vorgehen wird, und das ist ganz wichtig, um ein mögliches Schisma innerhalb seiner Kirche zu verhindern. Denn die Diskussionen bei der Synode – das waren ganz heftige Diskussionen – zeigten, dass da zwei vollkommen unterschiedliche Ansätze in der Auslegung der Doktrinen und der Praxis der Doktrinen innerhalb der katholischen Kirche existiert.

Dietrich: In Rom ist heute die zweiwöchige Zusammenkunft der Bischöfe zu Ende gegangen, bei der es um einen neuen Blick auf die Lebenswirklichkeit katholischer Familien gehen sollte. Thomas Migge.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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