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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.10.2005

Vaters ehemaliger Betrieb

Geschichte der Familienunternehmen in der DDR

Rezensiert von Sylvia Conradt

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Alltag in der DDR. (AP)
Alltag in der DDR. (AP)

Trotz Sozialismus kannte die DDR-Wirtschaft nicht nur Volkseigentum: Bis in die 70er Jahre konnten sich traditionelle, mittelständische Privatbetriebe behaupten - bevor sie in einer "Nacht-und-Nebel-Aktion" verschwanden. Die französische Zeithistorikerin Agnès Arp hat Privatunternehmer nach ihrer persönlichen Geschichte befragt und deren Erinnerungen in "VEB. Vaters ehemaliger Betrieb" festgehalten.

Verblasste Schriftzüge und verwaschene Farben auf lädierten Emaille- und Holzschildern - wer durch die DDR fuhr, konnte sie an manchen Häuserwänden noch entdecken: Firmenschilder, die an ehemalige Privatbetriebe erinnerten, an Papierfabriken, Maschinenbau- und Textilbetriebe, Konservenfabriken, Eisengießereien. Reminiszenzen an mittelständische Unternehmen in Vorkriegszeiten, so schien es wenigstens.

Die französische Zeithistorikerin Agnès Arp belehrt uns nun in ihrem Buch "VEB - Vaters ehemaliger Betrieb" auf unterhaltsame Art eines besseren: Im Unterschied zu allen anderen Ländern der 'sozialistischen Staatengemeinschaft' existierten in der DDR noch bis 1972 mittelständische, meist langjährige Familienbetriebe - allen Startschwierigkeiten, Schikanen und der politischen Großwetterlage zum Trotz.

Da ist zum Beispiel der heute 79-Jährige ehemalige Maschinenbau-Unternehmer aus Sachsen, einer von acht Industriellen, die Agnès Arp von ihrer wechselhaften Karriere in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland erzählt haben.

"Die schlechteste Zeit für Unternehmer war sicherlich 1945 bis 1952/53. Damals hatten wir regelmäßig die Kriminalpolizei im Haus. In den 50er Jahren stabilisierte sich vieles. Für mich sind die 50er Jahre ein Wirtschaftswunder gewesen."

Mittelständler schildern ihren erinnerten Alltag, in den die "hohe Politik" oft genug eingriff. Zugleich registriert man erstaunt, dass ein Privatunternehmer in das nicht-sozialistische Ausland reisen konnte, um seine weltweiten Geschäfte abzuwickeln. Dass es "Kapitalisten"-Kinder gab, die das Abitur machen und studieren konnten, während andere Opfer des "Klassenkampfes" wurden und "nur" eine Lehre absolvieren durften.

Das Buch hilft, Vorurteile zurechtzurücken. Wir erfahren, dass die Enteignung der Betriebe in der Industrie längst nicht so brachial wie in der Landwirtschaft vorangetrieben wurde. Wer die erste Sozialisierungskampagne 1952/53 überstanden hatte, erlebte nach 1956 durchaus einen Aufschwung. Wer die von der SED angestrebte staatliche Beteiligung zuließ, erhielt Beihilfen und konnte seinen Betrieb weitgehend selbstständig weiterführen.

"Die Zeit war für uns eine recht angenehme, wir wurden nicht zu sehr beobachtet oder reglementiert. ... Wir konnten relativ frei wirtschaften. ... Es kam noch hinzu, dass mein Mann ein Gehalt und seinen Gewinnanteil bekam. ... Finanziell ging es nun besser."

So erinnert sich die Eigentümerin einer Konservenfabrik. Doch im Frühjahr 1972 machte die dritte Sozialisierungswelle den industriellen Privatunternehmern dann schlagartig den Garaus. Einige der Interviewpartner sprechen von einer Nacht-und-Nebel-Aktion. Sie alle erzählen ohne Larmoyanz, selbstbewusst und engagiert von ihrem letztlich vergeblichen Bemühen, in der Planwirtschaft ihren Platz zu behaupten, und sie erzählen von den Wirren der Reprivatisierung in der Wendezeit. "VEB - Vaters ehemaliger Betrieb" ist ein lebendiges Geschichtsbuch. Agnès Arp interessiert vor allem die subjektive Selbst- und Weltwahrnehmung mittelständischer Unternehmerfamilien.

"Als Unternehmer waren wir keine Parias der Gesellschaft. ... Selbst die Leute, die in der Partei waren, kannten einen und achteten einen. Ärger kam nur von Leuten, die nicht in der Praxis standen. ... 1989 war ich von Anfang an dabei. ... Es musste was passieren, und der Zusammenbruch wäre so oder so gekommen. Am 1. Juni 1990 habe ich (meinen Betrieb) wieder zurückgekriegt, aber wegen vielem habe ich mich mit der Treuhand zwei, drei Jahre rumgestritten. ... Sobald ich Treuhand höre, geht mir das Messer in der Tasche auf."

Als "Ausländerin" genoss Agnès Arp einerseits einen Bonus jenseits der gängigen Ost-West-Diskussion; andererseits verführte gerade ihr "Ausländerstatus" einige der Befragten dazu, manche Geschichte in der Annahme zu erzählen, sie wisse wenig davon und könne das Erzählte kaum überprüfen. Sich von den Geschichten nicht überrumpeln zu lassen, beschreibt die junge französische Historikerin als eine der größten Herausforderungen. Ich meine, dass sie die gemeistert hat. Ihre Neugier und der vorurteilsfreie Blick ergeben ein spannendes, facettenreiches Bild von den Lebensumständen und Existenzbedingungen des industriellen Mittelstands in der DDR.


Agnès Arp: VEB. Vaters ehemaliger Betrieb. Privatunternehmer in der DDR
Militzke Verlag, September 2005
256 Seiten; 19,90 Euro

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