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Studio 9 | Beitrag vom 11.04.2016

Van Abbemuseum in EindhovenMuseumsbesuch per Roboter

Von Michael Arntz

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Der Kunstroboter im Van Abbemuseum bei der Arbeit. (Van Abbemuseum / ©Mals Media)
Der Kunstroboter im Van Abbemuseum bei der Arbeit. (Van Abbemuseum / ©Mals Media)

Keine Zeit oder Möglichkeit ins niederländische Eindhoven zu reisen? – Kein Problem. Das dortige Van Abbemuseum können Sie trotzdem besuchen. Per Roboter. Den kann der Museumsbesucher vom Computer zu Hause durch die Ausstellungsräume lenken - und sogar einen Plausch mit anderen Museumsbesuchern halten.

Ich treffe Daniel Neugebauer beim Museumsshop. Es ist Mittag. Schulklassen und einige Besucher streifen durch das Van Abbemuseum. Neugebauer kommt aus Deutschland, hat vorher in der Kunsthalle Bielefeld gearbeitet. Jetzt ist er Chef der Vermittlungsabteilung hier in Eindhoven. Vor Kurzem hat Neugebauer einen Roboter für das Museum gekauft - und zwar für einen ganz besonderen Zweck.

"Es gibt immer wieder Leute, die unser Museum besuchen möchten und das nicht können, weil sie eine Gehbehinderung haben, weil sie krank sind, weil sie vielleicht irgendwo im Ausland sitzen. Und dafür haben wir jetzt eine Lösung gefunden. Wir haben einen Roboter gekauft, und wenn jemand durch das Museum gehen will, ohne physisch anwesend zu sein, dann kann er mit uns Kontakt aufnehmen. Der bekommt von uns einen Downloadlink, mit diesem Link kann diese Person zu Hause ein Programm downloaden und sich damit mit dem Roboter hier im Hause direkt verbinden."

Der Roboter steht direkt neben uns, in der Ecke. Er sieht aus wie ein Staubsauger mit großen Rädern. Darauf sind zwei Stelen montiert, und die wiederum halten einen Monitor - mit Kamera, Lautsprecher und Mikrofon.

"Er kommt aus den Vereinigten Staaten. Und im Moment sind wir das einzige Museum in ganz Europa, das diese wunderbare Technologie zur Verfügung stellt."

Ein paar Mausklicks bis zum Museumsbesuch

Daniel Neugebauer hat sein Notebook dabei. Er macht ein paar Mausklicks. Plötzlich bewegt sich der Roboter.

"Auf seinem eigenen Bildschirm sieht man nun durch die Augen des Roboters in das Museum hinein und kann sich dann mit einer Maus oder mit den Pfeiltasten bewegen und einfach ins Museum hineinfahren."

Der Roboter fährt langsam vorwärts, macht einen Schwenk und verschwindet lautlos im Gang.

"Er fährt auch ganz, ganz ‚smooth‘. Es ist sehr, sehr einfach, den zu bedienen, und sogar Leute, die keine oder wenig Computerkenntnisse haben, haben keine Probleme damit."

Auf dem Bildschirm des Notebooks sehen wir, dass der Roboter in einen Ausstellungssaal fährt.

"Jetzt können wir hier einmal zu einem Gemälde heranfahren. Ich wähle ein Gemälde von Oskar Kokoschka aus."

Die Macht der Musik.
 
"Und man sieht so das gesamte Gemälde, und ich kann weiter reinzoomen, das heißt, ich kann letztendlich die Pinselstruktur der Malerei erkennen."

Der Roboter wird immer von einem Museumsführer begleitet. Damit er nicht gegen die wertvollen Kunstwerke fährt. Und auch, damit er nicht rückwärts die Treppe herunterfällt.

"Und das interessante daran ist, dass man selbst während dieses Besuchs sichtbar ist für andere Besucher. Das heißt, durch die Kamera im Computer zu Hause wird das eigene Bild auf den Roboter übertragen, und der läuft dann sozusagen - oder fährt - mit dem Kopf des Steuermanns oder der Steuerfrau durch das Museum und kann dann auch andere Besucher sehen, mit anderen Besuchern sprechen über die Kunsterfahrung."

Daniel Neugebauer plaudert - durch den Roboter - mit einer Kollegin in einem anderen Saal. Durch die kommunikativen Möglichkeiten wird der Roboterbesuch zum interaktiven, zum sozialen Ereignis.
 
"Inklusion ist für uns ein ganz wichtiges Stichwort. Das heißt, wir wollen das Museum und Kunst für so viele Menschen wie möglich zugänglich machen. Und wenn wir Kunst und solche Tools gebrauchen können, um Leuten ein emanzipiertes Gefühl zu geben, um das Gefühl zu geben, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen, dann springen wir natürlich darauf und probieren das."

Roboter statt Rollator

Es ist ein Uhr. Der Roboter ist von Trees van Hoof gebucht. Mevrouw van Hoof ist 89 Jahre. Sie sitzt zu Hause, sie ist gehbehindert. Ihre Enkelin wird den Computer bedienen. Mit ihrem Rollator, sagt sie, wäre ein Museumsbesuch schwierig.

An der Seite des Roboters geht Museumsführer Frank Malcorps.

Mit dem Roboter kann man selbst durch das Museum streifen. Oder man folgt einem erfahrenen Museumsführer wie Frank Malcorps. Mevrouw van Hoof hat sich für die Führung entschieden.

Frank Malcorps erläutert charmant und kenntnisreich die Bilder. Er plaudert, ja flirtet mit der alten Dame. Ein "ganz normales" Gespräch im Museum. An den Roboter denkt hier schon lange keiner mehr.

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