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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.06.2016

Valeria Luiselli: "Die Geschichte meiner Zähne"Platons Gebiss unterm Hammer

Von Katharina Döbler

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Zähne (picture alliance/dpa/Foto: Jens Wolf)
Die Gebisse berühmter Personen der Zeitgeschichte kommen unter den Hammer. (picture alliance/dpa/Foto: Jens Wolf)

In Valeria Luisellis "Die Geschichte meiner Zähne" schafft es ein großmäuliger Aufsteiger vom Wachmann zum weltberühmten Auktionator, der vorgibt, die Gebisse berühmter Persönlichkeiten zu versteigern. Ein absurder Roman übers Geschichten-Erfinden.

Der neueste Roman von Valeria Luiselli ist das Ergebnis einer Auftragsarbeit: Das berühmte Jumex Kunstmuseum in Mexiko Stadt, begründet vom Erben des gleichnamigen Saftherstellers, der auch ein großer internationaler Kunstsammler ist, wünschte eine künstlerische "Brücke" zwischen Museum und Fabrik.

Sie habe, erklärt Luiselli in ihrem Nachwort, den Roman in Zusammenarbeit mit der Jumex-Belegschaft erarbeitet. Sie schrieb den Roman in Fortsetzungen wie einst die englischen Verfasser üppiger Sozialromane, etwa Charles Dickens, und ließ sie unter den Mitarbeitern der Saftfabrik verteilen. Die Kommentare, Bewertungen und Geschichten des werkseigenen Lesezirkels wurden aufgezeichnet, von der Autorin abgehört und wieder verwertet.

Originalgebiss von Marilyn Monroe im Mund

Vordergründig erzählt das Buch die Geschichte eines etwas großmäuligen Aufsteigers, der es vom einfachen Wachmann in der Fabrik zum weltberühmten Auktionator gebracht hat – und das alles nur, um sich wunderschöne Zähne als Ersatz für seine schiefen leisten zu können.

Mit dem Originalgebiss vom Marilyn Monroe im Mund versteigert er schließlich so ziemlich alles mit Erfolg, vom Zuchtbullen bis zur höchstgehandelten Kunst. Das jedenfalls erzählt Gustavo Sánchez Sánchez, der Auktionator. Sein Biograf, der im Roman ebenfalls zu Wort kommt, erzählt alles ein wenig anders. Und beide wiederum erzählen ebenso komische wie vertrackt absurde Geschichten über die Leute im Viertel, die samt und sonders Namen wichtiger lateinamerikanischer Autoren tragen.

Eine Literatur, die Wirklichkeit und Fiktion verbindet

Überhaupt spielt, während der große Auktionator, gestützt auf die antike Schule der Rhetorik, die Zähne von Platon, Montaigne und einigen anderen Berühmtheiten in einer Kirche zu versteigern vorgibt, das abendländische Geisteserbe mit wie ein höchst lebendiges Geisterorchester.

Auch das Gebiss des spanischen Kultautors Enrique Vila-Matas steht zum Verkauf. Er steht für eine Literatur, die Wirklichkeit und Fiktion, Zitat und Traum in feinen Geweben verbindet, die nur entfernt etwas mit Romanen zu tun haben.

Luisellis Buch ist von ähnlicher Textur: Leichthändig und spielerisch hat sie die Regeln, nach denen Kunst, Geschichten, Saft oder Geld fabriziert werden, angewandt und eben auf Zähne und einen Vorort von Mexiko-Stadt übertragen.

"Die Geschichte meiner Zähne" von Valeria Luisella stand auf der Shortlist für den 8. Internationalen Literaturpreis 2016 des Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Valeria Luiselli: "Die Geschichte meiner Zähne"
Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
Verlag Antje Kunstmann, München, 2016
192 Seiten, 18,95 Euro

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