Konzert / Archiv 19.02.2020

Václav Luks und das Collegium 1704 mit Stradella-OratoriumSalomes TellergerichtModeration: Volker Michael

Die Sängerin Giulia Semenzato in der Schola Cantorum Basel (Zlatko Micic/Website Giulia Semenzato)Singt die Salome in Stradellas Oratorium über Johannes den Täufer - Giulia Semenzato (Zlatko Micic/Website Giulia Semenzato)

Ein großes Barockoratorium über Leben und Leiden Johannes des Täufers - der tschechische Alte-Musik-Spezialist Vaclav Luks hat das Werk von Alessandro Stradella jetzt mit seinem Collegium 1704 und Giulia Semenzato als Salome in Amsterdam aufgeführt.

Nicht erst Oscar Wilde und Richard Strauss waren von der erotisch aufgeladenen Bestialität der Salome fasziniert. Die Stieftochter des König Herodes ließ sich den Kopf des Johannes des Täufers auf einem feinen Teller servieren. Aus Sicht der Künstler der Jahre um 1900 handelte sie aus enttäuschter Liebe.

Im Barock hielt man sich noch stärker an den Bibeltext, wonach Salome eher die Rachegelüste ihrer Stiefmutter Erodiade umsetzte. Doch schon in Alessandro Stradellas Oratorium "San Giovanni Battista" spielt Salome eine große und wichtige Rolle.

Johannes der Täufer - Schrein mit einer Skulptur mit dem Haupt von Johannes dem Täufer, Kirche Johannes der Täufer, Madaba, Jordanien (Peter Schickert/imago images)Johannes der Täufer - Schrein mit einer Skulptur mit dem Haupt von Johannes dem Täufer, Kirche Johannes der Täufer, Madaba, Jordanien (Peter Schickert/imago images)

Am Palmsonntag 1675 wurde Stradellas Geistliches Spiel über Johannes den Täufer und seine Kritik an der unmoralischen Herrschaft des Herodes und seiner Familie erstmals in Rom aufgeführt.

Stradella gehörte zu den angesehensten Komponisten Italiens zu dieser Zeit. Seine Musik war beliebt, seine Künste waren gefragt, was ihn aber immer wieder auch in Konflikt mit seinen Brotgebern brachte, die mit Eifersucht und Intrigen um die Gunst der Künstler rangen.Das Collegium 1704 und das Collegium Vocale 1704 mit Václav Luks (Petra Hajská/Collegium 1704)Das Collegium 1704 und das Collegium Vocale 1704 mit Václav Luks (Petra Hajská/Collegium 1704)

Die vielfältigen Anklagen des Johannes gegen Herodes und seine anrüchigen politischen Praktiken, lassen sich also auch als zeitgenössische Kritik verstehen. Dass der Mann, der Jesus im Jordan getauft hatte und als Prophet im Heiligen Land galt, einen ebensolchen Leidensweg mit Gefangenschaft, Verleumdung und Hinrichtung durchschreiten musste wie Jesus, machte das Oratorium passgerecht für die Passionszeit des Heiligen Jahres 1675.

Glanz und moralische Kraft

Wie immer anspruchsvoll und stilgerecht wählt der Prager Alte-Musik-Fachmann Václav Luks seine Solistinnen und Solisten aus, die er einlädt, gemeinsam mit dem Collegium 1704 bekannte oder weniger bekannte Schlüsselwerke des Barock und der Frühklassik aufzuführen.

Die Sopranistin Giulia Semenzato hatte nun im Concertgebouw Amsterdam die Aufgabe, der inoffiziellen Hauptperson des Oratoriums, der Salome, besonderen Glanz zu verleihen. Christophe Dumaux musste in der niederländischen Hauptstadt den Heiligen Johannes mit seinem Countertenor die nötige Standfestigkeit verleihen, ohne ihn allzu selbstherrlich klingen zu lassen. Alle fünf Solisten sangen zusammen auch, wie es historisch verbürgt ist, die kleinen vielstimmigen Chorpartien des Oratoriums.

Mordopfer Stradella

Der Komponist Alessandro Stradella gehört zu den wenigen Vertretern seines Metiers, die Opfer eines wahrscheinlich kriminellen Auftragsmordes wurden. Vor dem 20. Jahrhundert fanden Musiker gewöhnlich einen natürlichen Tod oder ein Ende durch Krankheiten und Armutsfolgen. Nicht so der norditalienische Barockmeister, dessen gewaltsamer Tod Stoff für Verklärungen, Spekulationen und wiederum Opernlibretti wurde.

Nicht nur Friedrich von Flotow komponierte eine Oper mit dem Namen des Komponisten. Was Legende und was Dichtung und Wahrheit sind, lässt sich nach so langer Zeit nicht mehr feststellen. Allein unumstritten ist, das Stradella einer der wichtigsten Komponisten Italiens war und besonders sein Johannes-Oratorium ein Markstein der Musikgeschichte ist, auch weil die musikalische Erfindungskraft und die instrumentale Variabilität darin immens sind.

Koninklijk Concertgebouw Amsterdam
Aufzeichnung vom 8. Februar 2020

Alessandro Stradella
"San Giovanni Battista", Oratorium

Erodiade la figlia (Salome) - Giulia Semenzato, Sopran
Erodiade la madre - Gala Petrone, Mezzosopran
San Giovanni Battista - Christophe Dumaux, Countertenor
Consigliere - Luca Cervoni, Tenor
Erode - Krešimir Stražanac, Bass
Collegium 1704
Leitung: Václav Luks

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