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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.03.2018

Uwe Tellkamp"Göttersturz eines bedeutenden Autors"

Dieter Borchmeyer im Gespräch mit Dieter Kassel

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Der Schriftsteller Uwe Tellkamp, aufgenommen am 24. Mai 2017 mit verschränkten Armen in Dresden am Rande einer Pressekonferenz. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Sebastian Kahnert)
Der Suhrkamp-Verlag distanziert sich von seinem Autor Uwe Tellkamp. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Sebastian Kahnert)

Jüngst kritisierte Suhrkamp-Autor Uwe Tellkamp die Flüchtlingspolitik der Regierung, worauf der Verlag sich distanzierte. Den Germanisten Dieter Borchmeyer stört daran, dass hier ein "Skandal" produziert werde. Er zog Parallelen zu Martin Walser, Günter Grass, Botho Strauss und Christa Wolf.

Dieter Kassel: Nachdem sich der Romancier Uwe Tellkamp bei einer öffentlichen Veranstaltung in Dresden kritisch zur Flüchtlingspolitik äußerte und unter anderem behauptete, 95 Prozent aller Flüchtlinge kämen nur, um in die deutschen Sozialsysteme einzuwandern, reagierte der Suhrkamp Verlag, in dem Tellkamps Werke erscheinen, prompt und teilte über Twitter mit, Zitat: "Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln. #Tellkamp".

War das eine notwendige und eine angemessene Reaktion? Darüber wollen wir jetzt mit Dieter Borchmeyer reden, emeritierter Professor für neuere deutsche Literatur an der Universität Heidelberg, Buchautor und bis 2013 auch Präsident der Bayrischen Akademie der Schönen Künste. Schönen guten Morgen, Herr Borchmeyer!

Dieter Borchmeyer: Guten Morgen, Herr Kassel!

Kassel: Hat in Ihren Augen der Suhrkamp Verlag angemessen reagiert auf die Tellkamp-Äußerung?

Borchmeyer: Ja, mich hat das schon gewundert, dass der Verlag das tut, warum überhaupt? Es versteht sich ja von selbst, dass ein Verlag – wenn er denn überhaupt eine Meinung haben kann, denn auch ein Verlag besteht ja auch aus vielen Personen – die Meinungen eines Autors nicht die des Verlags seien. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

In einem Verlag erscheinen viele Autoren mit den gegensätzlichsten Weltanschauungen. Das sollte in einem offenen und liberalen Verlag doch auch der Fall sein. Das ist ja ganz klar, dass der Verlag sich nicht mit allen Äußerungen seiner Autoren identifizieren kann. Es versteht sich von selbst.

Warum hat er das trotzdem gemacht? Es sieht aus wie eine Distanzierung, obwohl man streng genommen ja sagen könnte, der Verlag weist nur auf dieses selbstverständliche Faktum hin, aber wenn es selbstverständlich ist, warum macht er das dann überhaupt. Es sieht wie eine Distanzierung aus von der Meinung von Tellkamp.

Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer bei einer Martin-Walser-Lesung 2008 (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

Kassel: Aber das Interessante – Entschuldigung, wenn ich Sie da unterbreche –, das Interessante ist ja, natürlich, es hat Einzelfälle gegeben, ganz andere Beispiele, andere Autoren, andere Verlage, wo ein Verlag auch mal sagen kann, wir stimmen so extrem nicht mit dem überein, was unser Autor sagt, wir wollen ihn auch nicht mehr verlegen.

Und das ist ja ganz interessant, weil Suhrkamp auch sofort über Twitter schnell gefragt wurde, wenn ihr das so deutlich sagt, heißt das, ihr werdet in Zukunft keine Bücher von Uwe Tellkamp mehr verlegen, da hat Suhrkamp sofort geantwortet: Nein, das werden wir natürlich tun. Ist auch selbstverständlich, aber dann verstehe ich die Sache ja erst recht nicht.

"Mich berührt das ein bisschen unangenehm"

Borchmeyer: Nein, nein, sie ist eigentlich ganz unverständlich. Mich berührt das ein bisschen unangenehm, diese Stellungnahme des Verlags, weil ich an den Fall Martin Walser denke. Da hat der Verlag zwar nicht deutlich zu verstehen gegeben, dass er sich mit Walsers Meinung nicht identifiziert, aber er hat sich doch gegenüber seinem langjährigen Autor schovel verhalten, möchte ich sagen, und das führte dazu, dass Walser schließlich den Verlag verlassen hat und jetzt bei Rowohlt Autor ist, und daraus hätte eigentlich der Verlag klug werden müssen, dass sowas nicht passieren darf.

Kassel: Das ist interessant, das Beispiel Walser, weil Walser natürlich mehrfach in unterschiedlicher Form öffentlich aufgefallen ist, zum Teil mit Äußerungen zu verschiedenen Themen, es gibt die berühmte Rede. Andererseits gab es natürlich auch den Walser-Roman "Tod eines Kritikers", das war damals noch Suhrkamp. Das, würde ich sagen, ist aber doch ein großer Unterschied, schreibt ein Autor einen Roman, in dem er Dinge – es war ja klar, dass Reich-Ranicki irgendwie gemeint war mit diesem Roman –, in dem er Dinge schreibt, die der Verlag heikel findet, dann ist es doch was vollkommen anderes, als wenn er außerhalb seiner belletristischen Tätigkeit irgendetwas sagt, was der Verlag heikel findet. Das ist doch ein Unterschied, oder?

Borchmeyer: Ja, natürlich ist das ein Unterschied. Nun war es ja so, ich habe mich mit diesem Roman damals sehr befasst. Ich habe ja auch ein Buch herausgegeben, "Der Ernstfall", in dem verschiedene Wissenschaftler sich mit dem Roman auseinandersetzen und die Vorwürfe gegen den Roman eigentlich allesamt als haltlos hingestellt haben. Der Verlag hat den Roman ja veröffentlicht, aber nicht sehr liebevoll, und, na ja, und dann diese Friedenspreisrede von Walser, die ja auch vollkommen absichtlich missverstanden wurde aus meiner Sicht, auch damit habe ich mich damals befasst.

Was soll das eigentlich? Immer wieder kommt es vor, in Abständen von wenigen Jahren, dass ein prominenter Autor plötzlich zum Skandalfall erklärt wird. Das war auch bei Günter Grass so, das war bei Botho Strauß so, das war bei Christa Wolf so. Das ist so richtig so eine Streitliteratur … Literaturstreitsstafette, die sich durch die jüngere Mediengeschichte hindurchzieht. Und dann wird ein Skandal produziert, finde ich, das ist eine regelrechte Medieninszenierung, und nach einiger Zeit hat sich der Fall erschöpft, und dann will man nichts mehr davon wissen. Das ist also eine bedenkliche Geschichte, finde ich.

Jetzt soll man doch einen bedeutenden Autor, der das wichtigste Buch aus Anlass der Wiedervereinigung geschrieben hat, "Der Turm", den soll man doch seine Meinung ruhig sagen lassen. Man kann ihn ja widerlegen. Ich persönlich glaube auch nicht, dass 95 Prozent der Flüchtlinge nur in die Sozialsysteme eindringen wollen. Das kann man ja sagen: Aber Herr Tellkamp, Sie übertreiben da, das sind niemals so viele. Aber man sollte das Faktum als solches natürlich nicht leugnen, denn das Faktum ist, ich sage einfach: evident, dass tatsächlich viele kommen, nur um in die Sozialsysteme hineinzukommen.

"Jetzt wird natürlich der Tellkamp gleich mit der AfD identifiziert"

Kassel: Ich glaube aber – Entschuldigung, wenn ich Sie da kurz unterbreche, Herr Borchmeyer –, ich glaube, viele, die Suhrkamps Distanzierung richtig finden, werden bisher sich vielleicht gesagt haben, was Herr Borchmeyer sagt, ist so falsch ja auch nicht, und werden jetzt sagen, ah, der ist ja auch so einer, einer von ganz weit rechts, weil Sie das gerade gesagt haben.

Borchmeyer: Ja, das ist eben das Üble: Dann wird sofort eine Stigmatisierung versucht, und man wird sofort in eine bestimmte rechte Ecke geschoben, wo man noch nie war und wo man auch nicht sein möchte. Das ist das Unangenehme. Jetzt wird natürlich der Tellkamp gleich mit der AfD identifiziert und so weiter, und diese Stigmatisierung, verbunden mit dem Göttersturz eines bedeutenden Autors, das ist etwas, was mich sehr unangenehm berührt.

Kassel: Eine Frage ist für mich noch offen: Uwe Tellkamp – jetzt bleiben wir bei ihm, obwohl das zum Teil für Walser auch gelten würde, aber ganz aktuell Uwe Tellkamp – ist ja ein Romancier, also ein Autor von Romanen oder auch Erzählungen. Das heißt, so real das auch sich beziehen mag auf die Realität in Dresden vor der Wende, "Der Turm", es ist eine erfundene Geschichte. Macht das einen Unterschied? Nehmen wir an, es hätte sich so, wie es Tellkamp getan hat, am vergangenen Donnerstag in Dresden ein Historiker, der einen Autor historischer Sachbücher ist, so geäußert, wäre das ein Unterschied?

Borchmeyer: Ich glaube eigentlich nicht. Es kommt auf das Genre an, dessen man sich bedient. Tellkamp hat ja da einfach als ein politischer Mensch und Zeitgenosse sich geäußert und hat sich nicht auf eine fiktionale Ebene begeben wie in einem Roman. Daher ist eigentlich prinzipiell kein Unterschied zwischen dem, was ein Historiker sagen würde und dem, was ein Romanautor sagen würde, weil er sich ja eben nicht der Fiktion bedient.

Kassel: Der Literaturwissenschaftler und auch selbst Autor, Dieter Borchmeyer, über die Reaktion des Suhrkamp Verlags auf die umstrittenen Äußerungen seines Autors Uwe Tellkamp und was dahintersteckt. Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Borchmeyer!

Borchmeyer: Ich danke Ihnen, Herr Kassel!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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