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Weltzeit | Beitrag vom 18.09.2019

Utrecht probt Klimaschutz im KleinenBushaltestellen für Bienen

Von Alexander Göbel

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Detailansicht des Daches einer Bushaltestelle, das mit einer genügsamen Sukkulentenart bepflanzt wurde. (Picture Alliance / ANP / Koen van Weel)
Die Bushaltestellendächer in Utrecht werden mit Sedum bepflanzt, einer Art Sukkulente, die wenig Erde benötigt. (Picture Alliance / ANP / Koen van Weel)

Simpel, aber effektiv – in der holländischen Stadt Utrecht ließ die Verwaltung die Dächer von Bushaltestellen für Insekten begrünen. Das freut nicht nur die Bürger, sondern bekämpft Feinstaub, Artensterben und sorgt für ein besseres Klima.

Rolf van Laere steht mit seiner orangefarbenen Arbeitsjacke auf einer Leiter. Während unter ihm Menschen auf den nächsten Bus warten, zupft er oben ganz vorsichtig Unkraut aus einem Hochbeet.

"Jetzt bekommen die Pflanzen auch wieder Luft, damit sie wachsen können."

Auf rund sechs Quadratmetern sprießen dickblättrige Sukkulenten, und vor allem: die Sedum-Stauden – besser bekannt als Mauerpfeffer oder Fetthenne. An einigen Stellen blühen die Pflanzen noch gelb und rosa. Eine bunte Mini-Wiese als Dach einer Bushaltestelle, an einer viel befahrenen Straße in Utrecht.

"Dieses Dach ist gemacht worden, damit Insekten einen Extraplatz bekommen in der Stadt." Rolf van Laere ist begeistert. "Es gibt auch viele Fliegen und Käfer." Und mit den Insekten kämen auch die Vögel, erklärt Rolfvan Laere – auch Fledermäuse habe er schon gesichtet. Und dann schaut van Laere noch einer Ameise zu, wie sie durch das grüne Dickicht krabbelt.

"Diese Pflanzen können CO2 aus der Luft binden, und auch Feinstaub wird gebunden, und weil die Pflanzen von April bis September ungefähr immer wieder blühen, gibt es auch Futter für die Bienen und für andere Insekten." 

Aktiver Klima- und Artenschutz an den Haltestellen

Mehr als 300 grüne Dächer gibt es inzwischen überall in Utrecht. Rund die Hälfte aller Bushaltestellen der Stadt hat Rolf van Laeres Firma in kleine Oasen verwandelt – im Auftrag der Stadtverwaltung. Rolf könnte sich keine schönere Arbeit vorstellen, als mit seinem Elektroauto von einer Haltestelle zur nächsten zu fahren, die Beete zu pflegen – und damit aktiven Klima- und Artenschutz zu betreiben. Eigentlich kümmert sich die Firma um Außenwerbung. Aber eben mit einem buchstäblich ganzheitlichen Ansatz. Außerdem, fragt van Laere: Wer sagt eigentlich, dass Werbeflächen auf Bushaltestellen nur für Menschen interessant sein müssen? 

"Ich mag Bienen sehr, sehr gerne", sagt er. So lange man Bienen nicht ärgert, würden sie auch nicht stechen, weiß auch eine ältere Frau, die unter dem Dach auf ihren Bus wartet. Angst vor den Bienen hat sie nicht: "Die finden das Dach viel interessanter als die Menschen!"

Rolf van Laere steht auf einer Leiter neben der Bushaltestelle. (Alexander Göbel)Rolf van Laere kümmert sich um die Begrünung der Bushaltestellendächer. (Alexander Göbel)

Besonders Wildbienen und Hummeln mögen den Mauerpfeffer. Der hat offenbar nicht nur leckeren Nektar, er ist auch noch pflegeleicht, was wiederum die Kosten für die Stadt reduziert. Die Pflanzen sind robust und winterhart. Weil sie auf den Dächern der Bushaltestellen in Muttererde wachsen, speichern sie viel Wasser – und vertragen auch große Hitze. "Düngen reicht einmal im Jahr", sagt Rolf von der Laere. 

"Wenn es geregnet hat, braucht man gar nicht zu gießen. Kommt drauf an, wie warm es wird. Wenn es wieder so 40 Grad wird, muss man öfter nachschauen. Im ersten Jahr verlieren wir ein paar Pflanzen, aber inzwischen wächst das und wächst..."

Die Dächer sind kleine Klimaanlagen

Ein schöner Nebeneffekt des Projekts: Die Dächer sind kleine Klimaanlagen. "Wenn man da drunter steht, im Sommer sowieso – wenn das Dach eine rein schwarze Fläche wäre, dann könnte es 80 Grad heiß werden – aber so: Nie über 25 Grad!" 

"Grün, gesund und intelligent" – das ist der selbstbewusste Slogan der Stadt Utrecht, und Maurice Prijs von der Stadtverwaltung nimmt diesen Spruch sehr ernst. Er hat die Idee der grünen Haltestellen vorangetrieben. "In Utrecht finden wir Umweltschutz sehr wichtig. Bei der Ausschreibung der Bushaltestellen haben wir Wert auf umweltfreundliches Design gelegt – damit es Orte der Nachhaltigkeit werden und wir gesund leben können."

Das Ergebnis: ein Gewinn für den öffentlichen Raum. Freundliche, helle, bunt bewachsene Häuschen aus Glas und Stahl, mit Drainagen fürs Regenwasser. Dazu die LED-Beleuchtung und die Sitzbänke – nicht aus kaltem Aluminium, sondern aus Bambus – einem nachwachsenden Rohstoff. 

Bei einigen Haltestellen liefern Solarpaneele den Strom für die Busanzeige. 

Ansicht eines Bushaltestellenhäuschens in Utrecht mit begrüntem Dach. (Alexander Göbel)In Utrecht wird mithilfe der begrünten Dächer aktiv Artenschutz betrieben. (Alexander Göbel)

"Klar, eine Bushaltestelle ist ja in erster Linie entworfen für Menschen die auf den Bus warten. Wir dachten aber: Eine Bushaltestelle steht da herum, 24 Stunden pro Tag und 365 Tage im Jahr – können wir nicht irgendwas Besonderes mit diesem Raum anfangen? Heraus kam dann dieses All-Inclusive-Paket."

Maurice Prijs ist besonders stolz darauf, dass die Häuschen sich mittlerweile komplett selbst finanzieren – über die Werbung an den Seitenflügeln. "Städte neigen dazu, stets größer zu werden, Städte neigen dazu, grauer zu werden, aber durch diese Initiative wird alles ein Stück grüner!, sagt er.

Utrecht könnte zum grünen Vorbild werden

So einfach und vergleichsweise günstig könne eben umweltbewusstes Handeln sein, stellt Rolf van Laere anerkennend fest. Man müsse nur die Chance ergreifen – und es einfach machen. "Ja, diese Stellen sind ja da - und warum sollte man die nicht nutzen? Mich wundert es eigentlich, dass es nicht schon viel früher gemacht worden ist?" 

Die Menschen in Utrecht sind jedenfalls begeistert. Aus der Stadt, die zuletzt im Frühjahr wegen eines mutmaßlich islamistischen Anschlags in den Schlagzeilen war, kommen endlich wieder positive Nachrichten. Und dann scheint Utrecht auch noch zum grünen Vorbild zu werden, mit einer so einfachen wie unschlagbaren Idee.

"Ich denke, dass es viele Städte gibt, nicht nur in den Niederlanden, sondern auf der ganzen Welt, die noch mehr Grün gebrauchen können", sagt Corne Diependaal, ein junger Mann in der Innenstadt. "Ich habe mich letztens selber darüber erschrocken, dass Utrecht doch als eine der am wenigsten grünen Städte in den Niederlanden gilt – und deshalb freue ich mich sehr darüber, dass es hier wieder mehr Natur gibt - in der Stadt und in der Umgebung."

Das findet auch Rosa Wevers. "Ich habe letztens von Freunden davon gehört. Ich finde es eine schöne Initiative. Es sieht gut aus und es ist besser für die Umwelt, ich denke da sehr positiv darüber. Die Bus-Stops sind praktisch Bee-Stops geworden – sie ziehen Bienen an und sorgen für mehr Artenvielfalt in der Stadt.

316 grüne Haltestellen schafften zwar nur rund 2000 Quadratmeter mehr kommunalen Insektenschutz, findet Peter Spreeuwenberg, als er in seinen Bus einsteigt. Aber erstens sei das nur der Anfang, und zweitens gehe es um viel mehr. "Das ist eine tolle Idee. Das ist ein Beitrag zum Umweltschutz. Und es ist immer gut, was Neues auszuprobieren. Wenn es gut ankommt, dann können es andere übernehmen!"

Dachbegrünung nicht nur auf Haltestellen

Tatsächlich – in Deutschland wollen Düsseldorf, Hamburg, Bremen, Flensburg und viele andere es Utrecht nachmachen, Leipzig hat sogar schon damit begonnen. Überhaupt scheint sich alle Welt für Utrechts grüne Bushäuschen zu interessieren. Stolz erzählt Maurice Prijs, er bekomme Anfragen aus Südamerika, der Ukraine und Australien.

Längst denkt man aber schon weiter in Utrecht: Die Dachbegrünung soll sich nicht nur auf Haltestellen beschränken. "Wir haben einen kleinen Fördertopf für Privatpersonen und Unternehmen eingerichtet, wenn auch sie ihre Flächen bepflanzen wollen. Sie können sich auch mit den Nachbarn zusammenschließen, so etwas kann man sehr schön gemeinschaftlich machen!"

Grünes Engagement wird belohnt – Förderung gibt es ab 20 Quadratmetern. Insgesamt rund 100.000 Euro hat die Stadtverwaltung in diesem Jahr dafür bereitgestellt. Auf der Homepage der Stadt können Interessierte sich direkt anmelden – Fotos zeigen dort ein paar Beispiele und bereits umgesetzte Ideen. Ein größeres Projekt wurde sogar schon mit rund 20.000 Euro unterstützt. 

Utrecht ist ehrgeizig und mausert sich Schritt für Schritt zum Umweltpionier. Da sind die großen Bienenhotels, die demnächst installiert werden sollen, die millionenschweren Investitionen in die schon legendäre Fahrrad-Infrastruktur, das angeblich weltgrößte Fahrrad-Parkhaus am Hauptbahnhof, die E-Busse, die in ein paar Jahren durch die Innenstadt fahren sollen – natürlich mit Strom aus heimischen Windkraftanlagen, und passend dazu gibt es nun die grünen Dächer. 

Die Studentin Pauline Salet findet: Mit den bepflanzten Bushaltestellen sende die Stadt genau die richtigen Signale an ihre Bürgerinnen und Bürger. Und an die ganze Welt. "Ich denke, dass Menschen sich auf diese Art und Weise ihrer Umgebung bewusster werden. Welche kleinen Schritte man tun kann, um zu einer Veränderung beizutragen. Weil es genau darum geht – um die kleinen Dinge in unserem täglichen Leben."

Klimaschutz im Kleinen – Mit Bienen, Kompost und Recycling-App
Solange die großen Klimaabkommen und die Umsetzung der CO2 Ziele auf sich warten lassen, heißt es selbst aktiv zu werden und einfach anzufangen – mit dem Klimaschutz im Kleinen. Während in Utrecht Bushaltestellen also in grüne Oasen für Bienen verwandelt werden, wird im Libanon dank einer Recycling-App endlich Plastik eingesammelt und in Ägypten mit Kompost die Wüste begrünt – hören Sie hier die gesamte "Weltzeit"-Sendung, die im Vorfeld der New Yorker Klimakonferenz auf drei lokale Initiativen und ihre Macher blickt, die nicht nur die eigene Umgebung sondern auch die Umwelt verbessern. 
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