Klangkunst, vom 04.12.2015, 00:05 Uhr

Utopie / DystopieDie Ankunft der schwachen Impulse

Von 48nord

Klang braucht Raum, um sich zu entfalten. Das Künstlerkollektiv 48nord startet eine akustische Reflexion über die realen und imaginären Resonanzräume unserer Gesellschaft: Utopien, Dystopien, Heterotopien.

Einzel-Impulsmesser eines neuartigen Impulstomographen sind am Dienstag (16.09.2008) in Lübeck an einer 150 Jahre alten, vom Pilz befallenen und über vier Meter Durchmesser starken Platane zur Messung des Innenlebens befestigt. Foto vom 16.09.2008 (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)
Einzel-Impulsmesser (picture alliance / dpa / Wolfgang Langenstrassen)

Während im Hintergrund die ersten Ufos landen, betreten wir Michel Foucaults Theoriegebäude und flanieren durch Andrei Tarkowskis Zone. Im Zentrum die dialektische Verschränkung von Innen und Außen: Klangzustände im Neben- und Übereinander. Ausklingen. Einschwingen.
"Das ist der stillste Platz der Welt. Sie werden es noch selber sehen. Hier ist es so schön. Hier, hier ist ja niemand." (Arkadi und Boris Strugatzki).

Mit: Henriette Schmidt und Thomas Dehler
Produktion: Deutschlandradio Kultur 2014

Länge: 52'00

48nord sind ein Künstler-kollektiv bestehend aus den Experimentalmusikern Ulrich Müller, Siegfried Rössert und Patrick Schimanski. Zuletzt für Deutschlandradio Kultur: Hörspielmusik zu "Aus der Zeit fallen" von David Grossmann (2014).

Konzept, Realisation
1980 verfilmte der russische Regisseur Andreij Tarkowskij unter dem Titel „Stalker" den Roman „Picknick am Wegesrand" der Gebrüder Strugatzki als eine "Reise ins Innere der Seele". "Stalker" ist ein geheimnisvoller Führer durch eine verbotene  Zone, in der er  Sinnsuchende zu einem mehr oder weniger imaginären Raum der Erkenntnis  geleitet. Das Wort „stalk" bedeutet soviel wie heranschleichen, verweist also auf eine Bewegung, die sich als eine äußerst vorsichtige und leise Annäherung beschreiben lässt. Diese Bewegung ist für die Gestaltung des Hörstücks "Die Ankunft der schwachen Impulse" wesentlich.

Es werden in vorsichtiger Annäherung Räume erschlossen, geöffnet und miteinander verschmolzen: Räume der Öffentlichkeit, Räume des Persönlichen, Fiktionale Räume, Räume der Wissenschaft, künstliche Räume. Dabei ist es, dem Bild der vorsichtigen Annäherung folgend, vor allem der Topos der Stille der zur Entfaltung kommt.
Auskomponierte Ein- bzw. Ausschwingvorgänge werden maßgebliche musikalisch-klanglichen Gestaltungselemente. Überblendungen zu Field-Recordings, O-Tönen und Textfragmenten verwischen akustische und inhaltliche Raumgrenzen. Es begegnen Prozesse freier Klangentfaltung einer strengen Strukturierung, die aus der sogenannten "Arecibo-Botschaft" abgeleitet ist. Die durchaus nicht unumstrittene "Arecibo-Botschaft" wurde 1974 vom Arecibo-Observatory (Puerto Rico) aus abgesetzt, um mögliche außerirdische Intelligenzformen auf die Erde aufmerksam zu machen und ihnen Informationen über die Biologie des Menschen, seine Lebensweise und die irdische Herkunft des Signals zu vermitteln. Die Nachricht besteht aus 23 x 73 Bit, die als Matrix dargestellt eine schwarzweiß Grafik ergeben. Dieses Frameset aus der Multiplikation der beiden Primzahlen 23 x 73 = 1679 Bit bildet die formale Grundlage für das Stück.

Der Text des Hörstücks besteht aus Fragmenten aus dem Drehbuch "Stalker" von Tarkovskij, dem Science-Roman "Picknick am Wegesrand" von Arkadi und Boris Strugazki, dem Text "Andere Räume" von Michel Foucault, dem literarischen Essay "Größerer Versuch über den Schmutz" von Christian Enzensberger, das titelgebend ist, sowie aus wissenschaftlichen Texten, die punktuell eingestreut sind. Hinzu kommen auf der Wortebene noch O-Töne, die von außerirdischem Leben und UFO-Sichtungen handeln.

Das Wort öffnet so – ebenfalls der Idee der Heterotopie folgend - "Inhaltsräume", die auf utopische, aber in ihrem Sehnsuchtspotenzial gleichermaßen auch weltliche Fernen verweisen. Da diese Räume gleichberechtigt sind, kann es keinen Handlungsverlauf, keine Richtung geben – aber eben auch keine Botschaft. Das entspricht auch dem heterotopischen, vielfach verzweigten Klang des Stückes. Es ist somit eher ein akustischer Zustand, eine in sich kreisende Sprach-Klang-Gestalt, in der diese verschiedenen Räume und Bezüge gleichwertig aufgehoben sind. So entfaltet sich ein Klangkontinuum, das durchaus im Cageschen Sinne von einer Stille gekennzeichnet ist, die keineswegs die Abwesenheit von Klängen bedeutet.

"Das ist der stillste Platz der Welt. Sie werden es noch selber sehen. Hier ist es so schön. Hier, hier ist ja niemand."
(Arkadi & Boris Strugatzki „Picknick am Wegesrand" 1972)

48nord
Ulrich Müller ist Komponist, Gitarrist und Autor. Als Mitbegründer der Gruppe 48nord arbeitet er heute zentral mit computergestütztem Soundprocessing von Gitarren- und Thereminklängen. Ursprünglich Rockmusiker, erhielt er Kompositionsunterricht von Klaus K. Hübler, besuchte die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, Workshops von Clarence Barlow und arbeitet seit 1987 mit Josef Anton Riedl zusammen. 1988 erhielt er den Karl-Hofer-Preis der HdK-Berlin. 1995 war er Gastkünstler am Zentrum für Kunst- und Medientechnologie ZKM / Karlsruhe. 2000 bis 2010 war er einer der Kuratoren der t-u-b-e Klanggalerie. Als Autor ist Ulrich Müller vor allem für die Redaktion für Neue Musik des Bayerischen Rundfunks tätig.

Siegfried Rössert ist Komponist, Bassist und Sänger. Er studierte zunächst an der Jazzschule München bei Caius Oana, später Kontrabass bei Adelhard Roidinger, sowie Musikwissenschaften in München. Von 1978 bis 1998 war er sowohl als Komponist, Bassist, Sänger, wie auch als Produzent in verschiedenen Rockbands, wie etwa "Engel wider Willen", tätig. Parallel dazu setzte er sich mit alter Musik auseinander, wandte sich aber zunehmend der experimentellen und elektronischen Musik zu. 1998 wurde er Mitbegründer der Gruppe 48nord, mit der er radiophone Arbeiten realisiert, internationale Konzertengagements hatte, sowie in Zusammenarbeit mit Jacopo Godani eine Vielzahl von Ballettmusiken für renommierte Tanzkompanien, wie das Staatsballett München, die Sydney Dance Company, das Nederlands Dans Theater u.v.a. schuf.

Patrick Schimanski ist Schlagzeuger, Regisseur und  Komponist. Der Meisterschüler von Pierre Favre arbeitet in zahlreichen Projekten mit experimenteller Musik und Texten, komponiert Schauspielmusik und ist als freischaffender Regisseur und musikalischer Leiter für zahlreiche Theaterproduktionen verantwortlich. Er arbeitete als Regisseur und Komponist an zahlreichen Theatern. U.a. in Bielefeld, Heidelberg, Mannheim, Frankfurt, Berlin, Hamburg, Bochum, Essen, Zürich, Wuppertal, Bremen und München.  Er inszenierte außerdem im Musiktheater die Uraufführung der Oper Erwin, das Naturtalent von Mike Svoboda an der Staatsoper Stuttgart, sowie die deutsche Erstaufführung der Oper "Hanjo" von Toshio Hosokawa an der Bielefelder Oper. Patrick Schimanski ist seit Sommer 2013 festes Mitglied der Gruppe 48nord.

48nord sucht die Grenze, spürt dem Gegenwärtigen nach, setzt sich Wirklichkeiten aus, schöpft aus deren Widersprüchlichkeiten, konterkariert Purismus jeglicher Art. Experimentelle Musik, Neue Musik, Postpop, Neorock fließen ineinander, amalgamieren, treiben auseinander, brechen sich wechselseitig in beweglichen Kontexten. Indetermination trifft auf Determination. Offene Formen konfrontieren auskomponierte Strukturen mit improvisatorischen. Live Elektronik weitet Klangräume, transzendiert die instrumentale Basis. Literaturen durchwirken Klänge, verdichten sich zum Sub- oder Metatext, brechen sich als fragmentierter Laut die Bahn. Der verweist auf den rohen Klang. Melodie ist Vergangenheit. Rhythmus drängt nach vorne. Geräusch ist Jetzt.

 

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