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Nachspiel | Beitrag vom 09.02.2020

Ute Groth über Gleichstellung im Fußball"Eine Quote wäre einen Versuch wert"

Ute Groth im Gespräch mit Thorsten Jabs

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Ute Groth, Vorsitzende des DJK Tusa 06 Düsseldorf, steht am Fußballplatz des Vereins. (dpa/ Henning Schoon)
Ute Groth bewarb sich um die Präsidentschaft des Deutschen Fußballbundes. (dpa/ Henning Schoon)

18 Männer sitzen im DFB-Präsidium - und nur eine Frau. Ute Groth, Präsidentin des Breitensportclubs Tusa 06, wollte das nicht hinnehmen und bewarb sich im Sommer 2019 als DFB-Präsidentin. Erfolglos. Im Interview erklärt sie, was sich im Fußball ändern müsse.

Thorsten Jabs: Frauen in Führungspositionen sind in Fußballverbänden und Vereinen immer noch die absolute Ausnahme. Eine Frau, die daran etwas ändern wollte, ist Ute Groth. Sie ist Präsidentin des Breitensportvereins TuSA 06 und hatte sich im vergangenen Jahr beworben, erste Präsidentin des Deutschen Fußballbundes zu werden.

Frau Groth, dient die Rolle von Marina Granovskaia beim FC Chelsea als Vorbild für Frauen, die auch in Spitzenpositionen großer Fußballklubs arbeiten wollen?

Groth: Ich glaube, das ist tatsächlich ein Posten, der noch so weit weg von der Realität ist. Es wäre traumhaft, wenn das ein Vorbild sein könnte, aber das ist wirklich weit weg von allem, was hier in Deutschland zu dem Thema passiert.

Jabs: Was passiert, ist, dass im DFB-Präsidium 18 Männer sitzen und eine Frau, im Präsidium der Deutschen Fußball-Liga findet sich kein weibliches Mitglied, bei den Landesverbänden gibt es keine Präsidentin und bei den Profivereinen war mit Katja Kraus beim HSV nur einmal eine Frau im Vorstand. Auch in den Aufsichtsräten sind Frauen eher selten. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Groth: Fußball ist klassisch immer noch ein Männersport, eine Männerdomäne - überall. Das geht von ganz oben bis ganz unten. Wir haben bei uns im Fußballverein auch Mädchen, 150 Mädchen und 450 Jungs und Männer. Die Männer versuchen immer noch, irgendwie die Frauen und Mädchen zu behindern. Da kommen blöde Sprüche: Wenn sie sich rosa Bälle bestellen wollen, dann können sie das ja machen. Das ist irgendwie immer noch so völlig unvorstellbar für die meisten Leute. Wenn die Väter Mädchen haben, dann ist es für die völlig normal, aber alle anderen reagieren da komisch auf Frauen in diesem Sport.

In Vereinen tut sich etwas

Jabs: Das zeigt sich auch in der Führungsebene. Welche Rolle spielen Klüngel und vielleicht auch Versorgungsmentalität, also dass ehemalige Spieler gute Positionen bekommen, aus Ihrer Sicht?

Groth: Ich glaube, Klüngel spielt eine ganz große Rolle. Ich kann vielleicht ein Beispiel nennen. Herr Keller hat beim Bundestag des DFB öffentlich gesagt: Wir haben uns gestern Abend in der dritten Halbzeit in einer netten Runde über alles Mögliche unterhalten.

Sie können sich vorstellen, wer da beim DFB das Sagen hat. In der dritten Halbzeit haben die Männer zusammengesessen, das ist Klüngel, von vorne bis hinten.

Jabs: Wie schwer ist es, als Frau da vielleicht auch reinzukommen und sich sogar durchzusetzen?

Groth: Roman Abramowitsch hat anscheinend eine Mitarbeiterin, die er für geeignet hält. Er hat gesagt, die nehme ich mal mit, die macht das jetzt mal. Beim DFB müsste zum Beispiel mal einer sein und sagen, ich kenn da die Frau Sowieso, der traue ich das zu, die bringe ich mal mit, dann können wir das mal versuchen.

Ich glaube, das geht gar nicht anders. Ich hab mich gemeldet und die haben mich noch nicht mal angehört. Da kann man auch nicht einfach hingehen und sagen, ich möchte mitmachen, das muss anscheinend jemand aus dieser Clique sein, der sagt, versuchen wir das mal mit einer Frau.

Jabs: Sehen Sie Unterschiede zwischen dem Deutschen Fußballbund und den Vereinen oder ist das überall der gleiche Männerklüngel?

Groth: Bei den Vereinen tut sich tatsächlich was, auch bei uns tut sich ja was. Da muss man aber wirklich hart dran arbeiten. Ich hab fast zehn Jahre gebraucht, dass wir am Wochenende tatsächlich drüber diskutieren und durchsetzen: Männer und Frauen spielen gleichwertig Fußball und werden gleichwertig behandelt. Das muss man aber über Jahre durchsetzen können, das ist total schwierig. Aber bei den Vereinen fängt es an, da gibt es Bewegung. Deswegen wollen wir, dass der DFB uns anhört, aber das wollen sie eigentlich nicht. Die wollen das von oben regeln, aber außer "nicht ohne meine Mädels"-Hashtag passiert da nichts.

Arbeit in gemischten Teams

Jabs: Sie haben eben schon Ihre Erfahrungen geschildert, als Sie sich letztes Jahr beworben haben. Lag das aus Ihrer Sicht nur an Ihrer Rolle als Frau oder auch daran, dass Sie von einem Breitensportklub kommen und gar keine Erfahrung im Profifußball haben?

Groth: Das kann ich gar nicht so beurteilen. Ich hab mich auch tatsächlich nicht beworben als Frau, sondern einfach, weil ich diesen Klüngel loswerden wollte. Ich hab mich für den DFB beworben, das ist ja erst mal ein Interessenvertreter von Amateurvereinen. Von daher dürfte Profifußball da keine Rolle gespielt haben. Ich hatte mich auch mit Erfahrung in Verbandstätigkeit beworben, ich war beim DJK-Verband auch im Verbandswesen unterwegs. Da scheint es einfach nur eine Rolle zu spielen, wer gehört zu unserem Kreis und wer gehört nicht dazu, so würde ich das sehen.

Jabs: Und glauben Sie, dass es da eine Möglichkeit gibt, Frauen in diesen Kreis hineinzubekommen? Ich sag mal, jemand wie Steffi Jones zum Beispiel, ehemalige Bundestrainerin, langjährige Frauenfußball-Nationalspielerin, die hat es eine Zeit lang geschafft.

Groth: Da sind auch beim DFB ein paar Frauen unterwegs, die ehemaligen Nationaltrainerinnen und so weiter. Aber was man so hört – ich weiß nicht, ob Sie vielleicht die Hall-of-Fame-Eröffnung gesehen haben. Da war die Silvia Neid im Oktober, die hat ein Interview gegeben, das war so nichtssagend. Die hätte da an der Stelle sagen können, wir müssen den Frauenfußball voranbringen, da müssen mehr Frauen in die Ämter rein. Die hat aber gesagt, ich freue mich sehr, dass wir das endlich geschafft haben, wir sind schon so lange dabei, und ich persönlich finde das ganz toll für mich.

Es gibt beim DFB meiner Meinung nach keine Frauen, die einfach mal sagen, so, jetzt ist aber Schluss, wir müssen was tun. Die sind so in diesem ganzen Geschehen mit drin, dass da irgendwie nichts passiert.

Jabs: Im modernen Management-Sprech heißt es gerne, Diversität bietet größere Erfolgschancen. Das heißt eigentlich, dass Gremien, die mit Frauen und Männern besetzt sind, erfolgreicher arbeiten. Neben Ihrer Rolle als Vereinspräsidentin arbeiten Sie als Bauplanerin und leiten Projekte im Krankenhausbau. Versprechen für Sie gemischte Teams größere Erfolge im Vereinsleben als auch im Berufsleben?

Groth: Ich habe immer in gemischten Teams gearbeitet, obwohl das beides auch so Männerdomänen sind, wo ich zufällig reingeraten bin – und es hat immer wunderbar funktioniert. Das hat einfach etwas mit gegenseitiger Wertschätzung und Achtung zu tun. Spätestens, wenn man in ein Gespräch über Technik oder auch über alles andere kommt, merkt man, dass das Gegenüber Ahnung hat und auch sich einbringen kann. Dann funktioniert das immer gut. Da ist eigentlich gar kein Problem. Man muss sich nur mal drauf einlassen, das ist das Problem.

Gesellschaftlicher Rückschritt

Jabs: Einlassen ist natürlich ein Problem. Wenn sich jemand nicht darauf einlässt, dann gibt es natürlich noch die Möglichkeit einer Quote. In den rund hundert börsennotierten Unternehmen in Deutschland müssen Aufsichtsratsposten, die frei werden, mit Frauen besetzt werden, bis eine Quote von 30 Prozent erreicht ist. Geht das auch in Spitzengremien in Fußballvereinen und in Verbänden nur mit Quoten?

Groth: Ich sag mal so, ich hab eigentlich immer was gegen Quoten gehabt, weil ich dachte, das muss sich auch mal von selber so entwickeln. Aber mittlerweile bin ich auch schon 60 Jahre alt und hab bisher in meiner Lebenszeit gemerkt, dass es nicht wirklich vorangeht.

Ich hab damals als erste als verheiratete Frau meinen Doppelnamen abgegeben, weil ich dachte, jetzt kann man wieder den Geburtsnamen nehmen. Die Frauen, die heute heiraten, die nehmen wieder den Namen des Mannes an. Insgesamt gesellschaftlich hat sich nicht wirklich viel getan in der Zeit – in 40 Jahren. Von daher wäre eine Quote wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, dass wir nicht noch 100 Jahre warten müssen, dass sich da endlich mal ein bisschen gleichberechtigte Arbeitsweise durchsetzt. Ich würde Stand heute sagen, Quote wäre einen Versuch wert.

Jabs: Und das würde dann aus Ihrer Sicht auch die Gesellschaft besser abbilden?

Groth: Klar, wir sind ja halbe-halbe. Es geht keiner voran – in den Firmen nicht, in der Politik wird es auch schwieriger wieder. Der jetzige Bundestag hat weniger Frauen als der davor. Also das ist eher eine rückläufige Bewegung. Sie haben die ganzen politischen Vertreter, die eher wieder das klassische Frauen- und Familienbild vertreten. Das heißt im Grunde genommen, dass der Weg schwieriger wird, wenn man nicht irgendwie mal was mit Quote oder irgendwas anderem tut.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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