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Breitband | Beitrag vom 18.01.2020

USA-Iran-KonfliktDas Meme als politisches Werkzeug

Nils Markwardt im Gespräch mit Katja Bigalke und Martin Böttcher

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Ein kleiner Junge inspiziert eine Plakatwand mit einem zwinkernden russischen Präsidenten Wladimir Putin und einem Bären, sowie einem T-Shirt mit der Aufschrift: "Ich bin ein Freund von Putin". (Getty Images / Staff / Sean Gallup)
Russland hat mit Putin die "Meme-Politik" perfektioniert. (Getty Images / Staff / Sean Gallup)

Die Angst vor einen USA-Iran-Krieg hat auch das Internet erreicht. Doch statt sachlich Sorgen zu äußern, wird mit Memes gearbeitet. Warum ist das so?

Während der Konflikt mit dem Iran noch eskalierte, auf der sehr konkreten politischen und militärischen Ebene, schrieb die Washington Post darüber, dass sich Soleimani und Trump vorher selbst mit Memes auf sozialen Medien getrollt hätten. Vielleicht ist es also kein Wunder, dass auch die Bevölkerung größtenteils mit Ironie oder Sarkasmus auf die Ängste vor einem Krieg reagierten.

Aber woher kommt der Drang, mit Humor statt Sachlichkeit auf solche Konflikte zu reagieren? Darüber sprechen wir mit Nils Markwardt, dem leitenden Redakteur des Philosophie Magazins.

Satirische Reaktionen sind nicht neu

Er sieht zwei Arten, wie man diesen Trend zum Meme betrachten kann. Die Negative wäre, die Ironie und den Metahumor als eine Art Weltflucht zu begreifen, da Ironie schon bei Hegel die Scheu vor der Wirklichkeit war. Doch diese Ansicht sei zu kurz gegriffen. Denn Witz, Humor und Metasprache seien auch immer eine Art emotionales und psychologisches Ventil, das dabei helfe, mit quasi nicht anders verarbeitbaren Situationen umzugehen und so das Unsagbare sagbar zu machen. Dadurch würde der Konflikt zwar nicht gelöst, aber irgendwie transzendiert, um irgendwie damit umzugehen.

Auch eine kulturhistorische Betrachtung lohne sich, so Markwardt. So gebe es in Ostasien die kulturell tief verankerte Art, auf besonders brutale Gewalt mit einem Lachen zu reagieren. Und auch im Westen kenne man es, auf besonders peinliche Situationen mit einem Lachen zu reagieren. All diese Punkte sollte man beachten und nicht nur den vermeintlich weltflüchtigen Aspekt sehen.

Die "Memifiezierung" führe dabei auch zu einer neuen Form von Kultur, die aber stark auf bereits da Gewesenem aufbaue: "Wenn wir an satirische Darstellungen denken, wenn wir an die Bilder von Otto Dix oder George Grosz denken, wenn wir an die Karikaturen von John Heartfield denken, wenn wir an die Flüsterwitze denken, die man aus dem Nazi-Regime kennt, aber auch aus der Sowjetunion während des Großen Terrors. Also wirklich im Angesicht der größten Gewalt, die man sich vorstellen kann: Das waren ja gewissermaßen auch quasi eine Art Protomemes, wo man versucht hat, diese Form der Spannungslösung zumindest kurzfristig zu erreichen."

Humor ist inzwischen Teil der Politik

Was bei den modernen Memes auffalle ist, dass man es sehr viel mit ironischen, sarkastischen Herangehensweisen zu tun hätte. Dies erzeuge eine gewisse kommunikative Überlegenheit oder zumindest eine gewisse Coolness. Denn wer Ironie verwende, distanziere sich dabei auch immer von dem Gegenstand und stellt sich über diesen. Dadurch würde man unangreifbar. Das Neue sei, dass Satire, Witz und Humor heute eine viel größere Rolle in der Politik spielten, als früher. Ein Blick in die USA zeige, dass Late-Night-Hosts wie John Oliver oder Stephen Colbert quasi politische Akteure seien. In Europa gäbe es die Beispiele Beppe Grillo, der in Italien die Fünf-Sterne-Bewegung gegründet hat, Ex-Komiker Wolodymyr Selenskyj, der jetzt Präsident der Ukraine ist und Martin Sonneborn und "die PARTEI".

Wir seien also in einer Situation, wo Humor nicht mehr nur von außen als Kritik an die Politik herangetragen werde, sondern wo Politik selbst von Humoristen und Satirikern betrieben würde. Eine Situation, mit der die junge Generation aufgewachsen sei. Als Beispiel nennt Markwardt ein Deutschlandfunk-Feature über die "Heute-Show": "Da haben die Produzenten erzählt, dass sie sehr lange nach Politikern gesucht haben, die da mal in die Sendung kommen. Das wollte nie einer machen. Bis Claudia Roth es tat und sehr gut ankam, weil die Leute es toll fanden, dass sie so Selbstironie zeigte. Auf einmal wollten dann alle dahin."

Die dunkle Kehrseite dieser Verschmelzung von Humor und Politik sei, wenn sie als politisches Werkzeug eingesetzt werde. Gerade in der USA sei das mit der Selbst-Memifizierung Trumps gut zu beobachten. Im Wahlkampf hätten Trollarmeen und die "Pepe The Frog"-Bewegung (Anmerkung der Redaktion: Ein unter Trump-Anhängern populäres Meme) sehr mit Humor, Zynismus und Memes gespielt, um sich im Zweifelsfall immer auf eine Art ironische Metaposition zurückziehen zu können.

Satire wird zur stumpfen Waffe

Dadurch sei es möglich gewesen auf Rassismus- und Antisemitismus-Vorwürfe immer "Na ja, das ist alles nur Spaß, ist ja nicht so ernst gemeint" zu entgegnen. "Und ich glaube, diese Verwischung von Ernst und Unernst, von wahr und falsch, das ist etwas extrem Problematisches. Es gibt ja diesen Satz von Hannah Arendt, dass nicht die Lüge in der Politik das eigentlich Problematische ist, sondern wenn es keinen Unterschied mehr zwischen Wahrheit und Lüge gibt", so Markwardt.

Gerade bei Trump ließen sich im Prinzip gar keine Witze mehr über ihn machen, da er sich selbst schon so überdreht darstellt. Dies sei gefährlich, da früher noch das schlimmste für Herrscher und Fürsten gewesen sei, wenn sie verspottet wurden. Doch bei Trump könne man aufgrund seiner "Selbstkarikierung" sehen, dass die alte Waffe der Satire und des Humors stumpf werde – etwas, das natürlich beabsichtigt sei.

Noch besser sei dies in Russland zu beobachten, wo Putin diese Meme-Politik perfektioniert habe. Dort könne man überall T-Shirts kaufen, auf denen ein oberkörperfreier Putin auf einem Bären abgebildet sei. Diese würden laut Markwardt sowohl von Anhängern, als auch von Kritikern der Regierung gekauft. So ließen sich Kult und Kritik nicht mehr voneinander unterscheiden: 

"Auch wenn man sich an die Pressekonferenz damals nach der Annexion der Krim erinnert. Da sitzt er in dieser Pressekonferenz und erzählt, dass das ja nur grüne Männchen wären. Und das es keine russischen Soldaten sind, weil so eine Uniform kann man ja überall kaufen. Und er lacht dabei. Das ist so die Idee dahinter: Es gibt nicht die Wahrheit und die Lüge, sondern es gibt nur verschiedene Wahrheiten." Das Schlimme sei dabei, dass diese Regierungen im Gegensatz zu früheren Regimes ihre eigenen Lügen gar nicht mehr glauben müsse: "Das ist eine Entwicklung, die wirklich extrem gefährlich ist, weil die Waffen, die man sonst gegen autokratische Herrscher hatte, wie zum Beispiel die Satire oder den Metahumor, dadurch sehr stumpf werden."

(hte)

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