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Interview | Beitrag vom 03.03.2020

USA im Vorwahlkampf Zwei politische Lager in großer Fremdheit

Torben Lütjen im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Viele Shops in New York haben die US-Präsidenten als Souvenir im Angebot. Allerdings blüht in New York das Geschäft mit Trump als meist wenig schmeichelhafte Karikatur. (picture alliance)
Seit Trumps Machtantritt stehen sich die politischen Lager in den USA noch unversöhnlicher gegenüber. (picture alliance)

Die Spaltung der US-Gesellschaft ist so tief, dass sogar über einen möglichen Bürgerkrieg diskutiert wird. Der Politologe Torben Lütjen hat wenig Hoffnung, dass sich die Lage mit der Präsidentenwahl bessern könnte.

Heute ist Super Tuesday in den USA. Da in 14 Bundesstaaten gleichzeitig Vorwahlen sind, ist es der Tag, an dem die meisten Delegierten gewählt werden. Die US-Demokraten suchen nach einem Kandidaten oder einer Kandidatin für die Präsidentschaftswahl im Herbst, um US-Präsident Donald Trump herauszufordern. Doch zunächst müssen die Vorwahlen gewonnen werden.

Im kalten Bürgerkrieg

In der US-Gesellschaft stünden sich heute zwei Lager in großer Fremdheit gegenüber, beschreibt der Politologe Torben Lütjen die Situation. Der Professor an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, hat gerade das Buch "Amerika im kalten Bürgerkrieg" veröffentlicht, sagt aber das sei eher metaphorisch gemeint. Es gebe zwar spätestens seit Trumps Amtsantritt ernsthafte Debatten darüber, ob es zum Bürgerkrieg kommen könne, aber das scheine ihm doch relativ weit weg, wenn auch für die Zukunft nicht ausgeschlossen.

Die beiden Lager operierten mit sehr unterschiedlichen Wirklichkeitsannahmen, hätten die Zugbrücke zur Gegenseite hochgezogen und verharrten in ihren rhetorischen Schützengräben. Der politische Gegner werde inzwischen als Feind gesehen. "Trump ist eher Symptom, nicht Ursache dieser Spaltung", sagt Lütjen. Die Entwicklung dieser Spaltung erstrecke sich über einen langen Zeitraum. "Es gibt so eine Art von Sattelzeit der Polarisierung, das sind vermutlich die 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, als sich verschiedene Konfliktlinien herausgeprägt haben." Lütjen nannte unter anderem ethnische Konflikte, die Frage der Religion und das Gefälle zwischen Stadt und Land.

Düsterer Ausblick

Für die Zukunft verficht der Politologe eher düstere Prognosen: "Sehr viel Hoffnung habe ich nicht", sagt er. Egal wer die Präsidentenwahl gewinne, das Land werde im Modus dieser extremen Spaltung der Gesellschaft verharren. Er sehe keinen Politiker, der das Land einen könne. Vielleicht könnten sich in 20 oder 30 Jahren manche Konfliktlinien abschleifen. Es könnte sein, dass dann auch Trumps Politik nicht mehr mehrheitsfähig sei und die Republikaner dann gezwungen seien, auch auf andere Wähler zuzugehen und sich zu mäßigen. "Das scheint mir aber doch insgesamt ziemlich in der Zukunft zu liegen."

(gem)

Torben Lütjen: "Amerika im kalten Bürgerkrieg – wie ein Land seine Mitte verliert"
 Wbg-Verlag, 2020, 224 Seiten, 20 Euro.

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