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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 31.07.2014

USAHigh Rocky Mountain

Legales Marihuana im US-Bundesstaat Colorado

Von Dagmar Pepping

Hanfpflanzen (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
Hanfpflanzen (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Seit Anfang des Jahres ist Marihuana in Colorado freigegeben. Wirtschaft und Behörden ziehen gut ein halbes Jahr später eine positive Zwischenbilanz. Kritik kommt von Aktivisten, die sagen: Die Gefahren werden unterschätzt.

Denver, 11 Uhr vormittags. Les und seine Frau Cindy fahren in einer schwarzen Stretch-Limousine durch die Straßen der Hauptstadt des US-Bundesstaates Colorado. Spitzname: "Mile High City", weil Denver genau eine Meile über dem Meeresspiegel liegt. Die Klimaanlage läuft auf Hochtouren.

Les hat einen Joint angezündet und reicht ihn weiter an Cindy. "Guter Stoff", sagen beide.

"Wow, Killer"

Zu Hause in Kansas - einem Nachbarstaat von Colorado - ginge er dafür ins Gefängnis, sagt Les, der ein schwarzes Harley Davidson-T-Shirt trägt und aussieht wie ein Mitglied der Rockband ZZ Top.

"You go to jail for a long time. Where I live, in my county, you would go to jail for five years."

Les und Cindy - beide über 50 - haben gerade geheiratet. Der Kiffer-Urlaub in Denver sind ihre Flitterwochen.

In Colorado ist es auch nach der Legalisierung verboten, in der Öffentlichkeit Marihuana zu rauchen. Kein Problem, sagt Alex von der Firma "So Mile High", die Cannabis-Touren per Luxuslimousine durch Denver anbietet. Der Wagen gilt nicht als Öffentlichkeit, alles ist legal, beruhigt er seine Kunden.

"Right now, you are not in public because this is our private limo. So this is totally legal right now.”

130 Dollar kostet die vierstündige Tour, Softdrinks und Snacks inklusive. Auf dem Programm: drei verschiedene Marihuana-Verkaufsläden, ein Hersteller von hochwertigen Pfeifen - den sogenannten "bongs" - und, als Höhepunkt, eine Cannabis-Plantage.

Les kann es kaum erwarten. Der Kiffer aus Kansas will von dem Züchter unbedingt erfahren, was er beim heimlichen Marihuana-Anbau zu Hause in Wichita besser machen kann.

Ron - der Besitzer von "Herbal Alternatives" - führt die Gruppe durch seine Zuchträume voll mit Cannabis-Pflanzen.

-       "So this is where the growers delight is. You can roll your joint. Does everybody want one?
-       "Sure!"
-       "Can I take a picture? Sure!”

Les fühlt sich in Rons Cannabis-Plantage wie siebten Himmel. So etwas hat er bisher nur in Zeitschriften gesehen.

"Oh, I loved it."

Das frischgebackene Ehepaar aus Kansas hat für seine Flitterwochen die Honeymoon-Suite im "Adagio" gebucht - einem kleinen "Bed and Breakfast", das sich auf Marihuana-Touristen spezialisiert hat. Eine Marktlücke: Denn in Colorados Hotels ist Kiffen verboten, genauso wie in Bars und Restaurants. Im "Adagio" darf überall geraucht werden, nur nicht in den Zimmern selber - wegen des strengen Geruchs der Joints. Die Atmosphäre sei toll, schwärmt Cindy.

"Rauchen" und "Wandern" wurden durch "Rauchen" abgelöst

Chris Bruner ist der Koch im "Adagio”. Marihuana regt den Appetit an, deshalb ist gutes Essen wichtig, sagt der 19-Jährige, der selber gerne kifft und deshalb von Texas nach Colorado gezogen ist.

"Yes, mam. In Texas they are very strict."

Er versuche, den Cannabis-Geschmack bei seinen Gerichten so gut wie möglich zu kaschieren, sagt Chris. Chris hat gerade einen Schokoladenkuchen gebacken. Mit einer Spritze hat er das Cannabis-Öl in den Teig injiziert. Er habe aber nicht allzu viel davon rein getan, damit seine Gäste nach einem Stück nicht total "stoned" seien.

"I didn't want to knock out the people when they eat my cake."

Auch Roman Washington Duke vom Empfang des "Adagio" kifft leidenschaftlich gerne. Über einige Gäste wundert sich der 25-Jährige Concierge aber trotzdem.

"Die gehen nicht Snowboarden in den Rocky Mountains Nationalpark oder zu den Denver Broncos. Die gehen auf ihr Zimmer und sagen: 'Wo kann ich rauchen?' - Es ist unglaublich!"

Der Tourismus boome in Colorado seit der Marihuana-Freigabe am 1. Januar, sagt Tour-Leiter Alex von "So Mile High".

 "Vorsicht mit den Edibles", warnt Tour-Leiter Alex seine Kunden. Die essbaren Cannabis-Produkte - die sogenannten "edibles" - wirken nämlich sehr viel langsamer als Joints, sind dafür aber oft stärker dosiert.

"Achtung, wenn ihr eine ganze Tafel davon esst, werdet ihr das bereuen. Das haut rein wie eine komplette Flasche Whiskey."

Viele Cannabis-Neulinge in Colorado wissen nicht, dass "edibles" anders wirken als Joints. Zwei Todesfälle haben in den vergangenen Monaten Schlagzeilen gemacht. Ein Student aus dem Nachbarstaat Wyoming sprang nach zu viel "edibles" vom Hotelbalkon in den Tod. Ein Familienvater erschoss im Marihuana-Wahn seine Ehefrau. Dazu kommen zahlreiche Überdosen bei Kleinkindern, die zu Hause irrtümlich Cannabis-Schokolade oder Weingummi gegessen haben. Es sei schlimm, sagt Ben Cort, der in einer Drogenentzugsklinik in Denver arbeitet. Cort zeigt rüber auf die andere Straßenseite - zur Universitätsklinik von Colorado.

"Die Zahl der eingelieferten Kinder, die diesen Mist gegessen haben, ist um 430 Prozent gestiegen."

Ben Cort - der selber einmal Marihuana abhängig war und seit 18 Jahren clean ist - gehört zu den größten Kritikern der Freigabe in Colorado. Marihuana sei keineswegs harmlos, betont er.

"Ich sehe jeden Tag, was Drogen anrichten, wenn man abhängig geworden ist. Es zerstört dein Leben."

Vor allem Jugendliche werden schnell von Marihuana abhängig, warnt der Drogentherapeut. Deren Gehirnfunktionen seien nämlich noch nicht vollständig ausgeprägt, anders als bei Erwachsenen. Jeder sechste Jugendliche unter 18, der kifft, werde abhängig.

In einem unscheinbaren Fabrikgebäude in einem Gewerbegebiet von Denver produziert die Firma "Incredibles" in einer kleinen Küche Cannabis-Schokolade und Weingummi. Sie seien nicht schuld daran, wenn Leute durch die "edibles" so extrem high werden, weist Firmenchef Bob Eschino die Kritik an Herstellern wie ihm zurück.

 "Unsere Produkte sind gut. Sie sind getestet und es ist genau gekennzeichnet, was drin ist. Das Problem sind die Leute, die sich mit den Cannabis-Dosen einfach nicht auskennen. Man muss das langsam nehmen und ein bis zwei Stunden warten. Wer zu viel nimmt oder es vor Kindern herumliegen lässt, ist selber dafür verantwortlich."

Vor der Legalisierung von Marihuana als Freizeitgenuss haben Bob Eschino und seine 30 Mitarbeiter ihre Cannabis-Schokolade und Weingummi ausschließlich für medizinische Zwecke hergestellt - zum Beispiel für Schmerzbehandlungen bei Krebs und Migräne oder als Mittel gegen epileptische Anfälle. Dieses sogenannte "medizinische Marihuana" ist in Colorado bereits seit dem Jahr 2000 erlaubt - gegen Rezept eines Arztes, die sogenannte "Red Card".

Viele Patienten, die Marihuana entweder nicht rauchen wollen oder dürfen, nutzen stattdessen Süßigkeiten, Kekse oder Drinks mit Cannabis, um ihre Schmerzen zu bekämpfen.

"There are many healing properties in cannabis that you can't get anywhere else."

Colorado ist kein Einzelfall: 23 Bundesstaaten in den USA erlauben Marihuana mittlerweile zu medizinischen Zwecken.

Auch das Geschäft mit "edibles" wie Cannabis-Schokolade, Weingummi und Keksen boomt seit der Marihuana-Freigabe. Bob Eschino würde gerne mehr produzieren. Es fehlt aber an ausreichend Marihuana.

Am anderen Ende von Denver - in einem Industriepark in der Nähe des Flughafens - sitzt einer der größten Marihuana-Produzenten Colorados: "Medicine Man" heißt die Firma mit 50 Angestellten.

Die Schwierigkeiten mit dem Bargeld

Am Eingang zum Verkaufsladen steht ein Security-Mann mit Schusswaffe an der Hüfte. Er prüft den Ausweis jedes Kunden. Das ist nicht die einzige Sicherheitsmaßnahme: 70 Kameras filmen jeden Quadratmeter im Verkaufsraum und in der riesigen Lagerhalle, in der "Medicine Man" Marihuana anbaut. Umsatz: zehn Millionen Dollar.

"I feel threatened. Everyone is a target. It's scary."

Sie habe Angst, sagt Finanzchefin Sally Vander Werf. Der Grund: das viele Bargeld in den Läden. Da Marihuana laut US-Bundesrecht verboten ist, dürfen Banken und Kreditkartenunternehmen keine Geschäfte mit Marihuana-Firmen machen. Jedenfalls nicht offiziell, sagt Sally Vander Werf.

"We were lucky over the last few years and had access to bank accounts. They knew what we were doing.”

Ihre Bank habe ein Auge zugedrückt, erzählt Sally. Aber sobald die Behörden davon Wind bekamen, war die Firma ihre Konten los.

"As soon as whatever agency caught up with what we were doing they would shut down our bank accounts quickly."

Vor wenigen Tagen habe sie deshalb 170.000 Dollar in bar zum Finanzamt gebracht, um die fälligen Steuern zu bezahlen, erzählt Sally. Auch die Löhne für die 50 Mitarbeiter und die Lieferanten-Rechnungen zahlt sie in Cash aus. Keine andere legale Industrie in den USA sei gezwungen, nur Bargeld anzunehmen, beklagt Sally.

"We are not shady people. Who has to run a ten million dollar business on a cash only basis?"

Andy Betts arbeitet beim vergleichsweise kleinen Anbieter "Denver Relief", das sich auf Cannabis für medizinische Zwecke spezialisiert hat. Andy nimmt nach einer Krebserkrankung selber Marihuana, um seinen Appetit anzuregen. Man fühle sich in diesem Geschäft trotz der Legalisierung wie ein Krimineller, sagt Andy. Die fehlenden Bankkonten seien das größte Problem der Branche.

"Meinem Chef sind sämtliche Konten gekündigt worden, weil er in der Cannabis-Industrie arbeitet. Man fühlt sich wie ein Verbrecher, obwohl wir uns an alle Vorschriften halten."

Viele Geschäfte sprühen ihr Bargeld mit Duftspray ein, damit es nicht so streng nach Cannabis riecht, wenn sie es zur Bank bringen. Dann zahlen sie es auf Konten mit einem anderen Namen ein. Ein üblicher Trick.

"Denver Relief" will nun auch in das Boom-Geschäft mit Marihuana zu Genuss-Zwecken einsteigen. Die notwendige Lizenz ist beim Staat Colorado bereits beantragt. Spätestens dann brauche er gepanzerte Geldtransporte, sagt Andy.

Die Regierung in Washington stuft Marihuana in die schwerste Drogenkategorie 1 ein: so wie Heroin, Crack oder Crystal Meth. Entsprechend hoch sind die Gefängnisstrafen in einigen US-Bundesstaaten, wenn man dort mit Marihuana erwischt wird. Besonders hart sind die Strafen in Texas: Wer dort mit 50 Gramm Marihuana ertappt wird, muss mindestens ein halbes Jahr ins Gefängnis. Der Verkauf wird noch härter geahndet: Für nur sieben Gramm - also genau die Menge, die Touristen in Colorado legal in einem Laden kaufen dürfen - wandert man mindestens ein Jahr hinter Gittern und muss 4000 Dollar Bußgeld zahlen.

Diese Strafen hält selbst Ben Cort - der Gegner der Marihuana-Freigabe in Colorado - für falsch.

"Low level users, people that get caught with small amounts absolutely should not be put in jail."

Trotzdem fordert Ben Cort, dass US-Justizminister Eric Holder endlich eingreift und das Marihuana-Geschäft in Colorado dichtmacht. Es verstoße gegen Bundesrecht.

"We are showing no respect for federal law. Holder needs to act now. This could be done in a day.”

Bei der Zahl der Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss gebe es keinerlei Veränderung seit dem 1. Januar, sagt der Jurist Tvert.

"Fahren unter Drogeneinfluss war schon vorher illegal in Colorado und ist es immer noch. "

Tvert ist zufrieden, wie die vergangenen sechs Monate gelaufen sind.

"Der Staat nimmt viele Steuern ein. Die Leute kaufen legal ein und nicht mehr auf dem Schwarzmarkt."

Das bestätigt auch Ron Kammerzell, der für die Marihuana-Kontrollbehörde von Colorado arbeitet. 25 Millionen Dollar Steuern hat der Bundesstaat seit Jahresbeginn durch den Verkauf von legalem Marihuana eingenommen. Unsere Kontrollen sind streng, sagt Kammerzell. Seine Behörde überprüfe jeden, der sich für eine Marihuana-Lizenz bewerbe, es gebe auch unangemeldete Kontrollen in den Läden, sagt der Mann von der "Marihuana Enforcement Division". Die Einführung sei bisher sehr gut gelaufen.

Ben Cort hält dieses Lob für Wunschdenken. Kammerzells Behörde hat zur Zeit 40 Mitarbeiter, bis Herbst sollen es 55 werden. Für wirkungsvolle Kontrollen in einem so großen Bundesstaat wie Colorado sei das viel zu wenig, bemängelt der Drogenkritiker.

"Die Wahrheit ist ganz anders als das Bild, was uns die Leute malen, die mit Marihuana viel Geld machen."

Der Journalist Ricardo Baca von der "Denver Post" kennt die Argumente beider Seiten: der Gegner der Marihuana-Freigabe und der Befürworter. Colorado sei ein großes Versuchslabor für die gesamten USA.

Vorschriften, Lifestyle, Erziehungstipps für Eltern, Kochrezepte - das Interesse am Thema Marihuana sei riesig.

"Alles ist so neu. Wir wollen dafür sorgen, dass Leute, die das erste Mal Marihuana ausprobieren, möglichst gut informiert sind durch den 'Cannabist'."

Wenn die Marihuana-Freigabe in Colorado gut funktioniere, sei eine Legalisierung im gesamten Land nur noch eine Frage der Zeit, glaubt Baca. In Meinungsumfragen sind 58 Prozent der amerikanischen Bürger mittlerweile dafür, dass Marihuana legalisiert wird. Soviel Zustimmung gab es noch nie.

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