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Weltzeit | Beitrag vom 03.04.2018

USA 50 Jahre nach Martin Luther KingZeit für eine neue Bewegung

Von Thilo Kößler

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Demonstranten bei einem Marsch am Gedenktag für Martin Luther King in Atlanta, Georgia, aufgenommen 2016 (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)
"I have a Dream" - Martin Luther King steht am Lincoln Memorial in Washington. (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)

Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King erschossen. Der Mord an dem schwarzen Geistlichen löste eine Welle von Unruhen aus. Und bis heute ist sein Traum vom Ende der Rassenunterschiede nicht verwirklicht. Das System der Sklaverei setzt sich fort, sagen Bürgerrechtler.

Frühmorgens in einer Seitenstraße eines Wohnviertels in Memphis, Tennessee: Ein schwerer brauner Müll-Laster rangiert in einer Wendeschleife. Zwei Männer in dunkelblauen Overalls stemmen Abfalltonnen in die Hydraulikpresse des Trucks.

Die beiden sind Afroamerikaner. Der eine ist 64 Jahre alt, der andere um die 40. John Morson, heißt er, und er hat die Mütze tief ins Gesicht gezogen.

Das ist wirklich ein harter Job, sagt er. Egal, ob im Winter in der Kälte oder im Sommer in der Hitze. Hart. Und gefährlich.

Im Januar wurde eine Studie veröffentlicht, die die Arbeitsbedingungen von Müllarbeitern untersucht. Riskant und "brutal anstrengend" sei die Arbeit, hieß es dort. Immer wieder gibt es Tote. Die Hydraulikpressen sind heimtückisch. Städtische Müllwerker bekommen ein jährliches Durchschnittsgehalt von 69.000 Dollar. Das sind etwa 55.000 Euro. Die Arbeiter privater Unternehmen kommen nur auf die Hälfte. 27.500 Euro. Zu wenig, um eine Familie zu ernähren.

In den letzten 50 Jahren hat sich nicht viel verändert

Das Fazit dieser Untersuchung: In den letzten 50 Jahren hat sich nicht viel geändert. Damals, 1968, streikten die Müllmänner von Memphis, Tennessee, nachdem zwei ihrer Kollegen in die Hydraulikpresse geraten und grausam zu Tode gekommen waren.

Am 3. April 1968 nimmt Martin Luther King, der 39-jährige, charismatische Prediger und Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, den Streik der Müllmänner in Memphis zum Anlass, dort eine Rede zu halten:

"Das Problem heißt Ungerechtigkeit. Das Problem ist die Weigerung der Stadt Memphis, fair und ehrlich im Umgang mit ihren Angestellten zu sein, mit ihren Müllarbeitern."

Martin Luther King plant einen Marsch gegen die Armut. So, wie er im August 1963 Hunderttausende zum Freiheitsmarsch gegen die Rassentrennung und für Bürgerrechte mobilisierte und in Washington seine berühmte "I have a dream" - Rede gehalten hatte, so soll es wieder einen Marsch der Hunderttausend geben: King treibt die Idee einer "Poor Peoples Campaign" voran. Aus der schwarzen Protestbewegung soll eine politische Bewegung gegen Armut und soziale Ungleichheit werden. Im Ton einer Predigt beschwört Martin Luther King die Freiheitsrechte und den Freiheitswillen seiner Zuhörer:

"Irgendwo lese ich, dass die Größe Amerikas in dem Recht besteht, für das Recht zu protestieren."

Ikone und Hassfigur

Den einen gilt der junge Friedensnobelpreisträger als Ikone der Bürgerrechtsbewegung. Den anderen als Hassfigur. Martin Luther King wird vom FBI nach der Ermordung von Präsident John F. Kennedy 1963 als der gefährdetste politische Führer der Vereinigten Staaten von Amerika eingestuft. Vor dem Flug nach Memphis hatte der Pilot die Maschine noch einmal auf Sprengstoff und Bomben untersuchen lassen. Wir haben Martin Luther King an Bord, sagte er. Vielleicht war das der Auslöser für Kings dunkle Vorahnungen in seiner Rede vor den Müllmännern von Memphis.

Auf einem Balkon des "Lorraine Motel", die Stelle ist heute mit einem Kranz geschmückt, wurde am 4. April 1968 der farbige US-Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Dr. Martin Luther King erschossen. (picture-alliance / Peer Körner)Auf einem Balkon des "Lorraine Motel", die Stelle ist heute mit einem Kranz geschmückt, wurde am 4. April 1968 Martin Luther King erschossen. (picture-alliance / Peer Körner)
King spricht von Drohungen, die er von einigen seiner weißen Brüder bekommen habe, wie er sagt. Er indes habe auf dem Gipfel des Berges gestanden und das gelobte Land gesehen. Er mache sich keine Sorgen:

"Schwierige Tage liegen vor uns. Aber das macht mir nichts aus. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mir erlaubt, auf den Berg zu steigen. Und ich habe hinübergesehen. Ich habe das gelobte Land gesehen. Vielleicht gelange ich nicht dorthin mit Euch. Aber Ihr sollt heute Abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden. Und deshalb bin ich glücklich heute Abend. Ich mache mir keine Sorgen wegen irgendetwas. Ich fürchte niemanden. Meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen."

Mahalia Jacksons "Precious Lord, take my hand" läuft leise im Hintergrund im dritten Stock des Lorraine Motels, das heute eine Gedenkstätte ist. Im ehemaligen Zimmer 306, das hinter einer Glasscheibe zu sehen ist, liegt eine rötliche Decke aufgeschlagen auf dem Bett. Eine Keksdose steht auf dem Tisch. Eine Kaffeetasse, eine Tüte Milch. Die Aschenbecher quellen über von Zigarettenkippen.

Ein einziger Schuss

Die letzte Station im Leben des Martin Luther King – ausgelassen sei die Gruppe um ihn herum gewesen, als sie sich alle fertigmachten zum Abendessen, heißt es. Martin Luther King tritt auf den Balkon, scherzt mit Jesse Jackson, der unten auf dem Parkplatz steht und nach oben ruft: "Ich brauche keinen Schlips zum Abendessen. Ich habe verdammt Hunger." Dann kracht der Schuss. Ein einziger, einzelner Schuss. Es ist 18.01 Uhr.

Martin Luther King stirbt noch auf dem Balkon. Ein Kranz hängt heute an der Brüstung vor der Stelle, an der er wortlos zusammensank.

Charles McKinney sagt: Es war, ehrlich gesagt, ein Wunder, dass Martin Luther King überhaupt so lange lebte – angesichts der vielen fehlgeschlagenen und angedrohten Attentate. "Ein Wunder der Moderne", nennt er es.

Charles McKinney ist Historiker am Rhodes College in Memphis. Er kennt jede Rede, jedes Zitat, jeden Text Martin Luthers Kings. Und er kennt alle Stationen seines Kampfes um die Bürgerrechte:

1955, Montgomery in Alabama. Martin Luther King organisiert einen Busstreik. Die Arbeiterin Rosa Parks hatte sich geweigert, ihren Sitzplatz für einen Weißen zu räumen.

1963, Birmingham in Alabama. Martin Luther King organisiert Massenproteste, nachdem vier Mädchen in einer Schwarzen-Kirche vom Ku-Klux-Klan ermordet worden waren.

1965, Selma in Alabama. Der Marsch über die Brücke nach Montgomery, der von der Nationalgarde brutal niederkartätscht wird. Er geht als "bloody Sunday" in die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung ein.

Und nun eben die Rede in Memphis: Da war Martin Luther King nicht mehr der unumstrittene Führer der Bürgerrechtsbewegung. Da hatten sich bereits die viel radikalere Black Panther-Bewegung formiert und die Black Muslims – beide hielten Kings Credo vom gewaltfreien Widerstand für völlig wirkungslos. Und King hatte sich auch in liberalen Kreisen des Weißen Amerika unbeliebt gemacht, weil er den gerechten Umbau der Gesellschaft und ein Ende des Vietnamkrieges forderte.

"Martin Luther King hat in einem komplett feindlichen Umfeld gearbeitet. Er hat sich gegen den Krieg gewandt. Er hat sich für eine politisch-soziale Neuausrichtung der amerikanischen Gesellschaft ausgesprochen. Und er war ein scharfer Kritiker des Rassismus, des Militarismus und des Materialismus in der amerikanischen Kultur und in der amerikanischen Lebensweise. King war zutiefst unpopulär."

War James Earl Ray wirklich ein Einzeltäter?

Bis heute sind viele Fragen um diesen politischen Mord auf dem Balkon des Lorraine Motels in Memphis ungeklärt. 600.000 Seiten Ermittlungsakten werden erst in zehn Jahren zugänglich sein – aber vielleicht wird man niemals erfahren, ob dieser James Earl Ray, der King mit einem einzigen Schuss niederstreckte, wirklich ein Einzeltäter war. Oder ob er ein gedungener Todesschütze eines Mordkomplotts der Mafia, der Armee, des FBI oder des Geheimdienstes CIA gewesen ist. Das behauptete 1999 ein Geschworenengericht, dem das US-Justizministerium eilig widersprach.

Eine endgültige Antwort hat auch der Historiker Charles McKinney nicht parat, der sich in einem Vorstadtcafé noch einen Donut bestellt. Wichtiger als die Umstände seines Todes sei für ihn das soziale, gesellschaftliche, das politische Vermächtnis Martin Luther Kings, sagt er:

"King hat verstanden, dass die Philosophie der Gewaltfreiheit nicht zur amerikanischen Kultur gehört – der gewaltfreie Widerstand ist eine Gegenkultur."

Historiker Charles McKinney (Deutschlandradio / Thilo Kößler)Der Historiker Charles McKinney (Deutschlandradio / Thilo Kößler)
Mit dem Mord an Martin Luther King habe die Bürgerrechtsbewegung ihre Symbolfigur und ihre treibende Kraft verloren – mit verheerender Wirkung auch für die Armutskampagne.

Montgomery, Alabama. Besuch bei Bryan Stevenson. Ein hochgewachsener, schlanker Mann mit fein geschnittenen Gesichtszügen. Er trägt einen dunklen Rollkragenpullover zum grau-melierten Bart. Stevenson ist Juraprofessor an der New York University School of Law und Gründer des Equal Justice Instituts, des Instituts "gleiches Recht für alle". Sein Buch "Just Mercy", auf Deutsch unter dem Titel "Ohne Gnade" erschienen, schildert die dramatischen Ungleichgewichte im amerikanischen Rechtssystem und die Benachteiligung der Afroamerikaner. Stevenson ist einer der bekanntesten Bürgerrechtler in den USA.

"Ohne diese Führungsfigur von Dr. King, ohne die Bewegung, die er angestoßen hat, ohne diesen transformativen Moment in der amerikanischen Geschichte, in dem die Afroamerikaner ihre Stimme des Widerstands gefunden haben und die Rassentrennung herausforderten – ohne Martin Luther King wäre ich nicht hier, das ist gar keine Frage. Ich meine: Ich bin ein Produkt der Bürgerrechtsbewegung."

Martin Luther King – ein großartiger Stratege

Stevenson erzählt, wie schockiert er von der Todesnachricht an diesem 4. April 1968 war – der Mord an Martin Luther King habe auch seine Familie in eine tiefe Krise gestürzt. Seither sei sein Respekt für diesen Prediger und Vorkämpfer der Bürgerrechte immer weiter gestiegen. Schon als junger Mann, als er die Reden auswendig lernte und sie wiedergab, als seien es seine eigenen.

"Seine Überzeugungskraft und Eloquenz haben meine Art, Dinge zu formulieren, die mir wichtig sind, bis heute geprägt."

Später habe er erkannt, was für ein großartiger Stratege Martin Luther King gewesen sei. King habe Orte für seine Protestaktionen gewählt, von denen er wusste, dass sie symbolträchtige Bilder liefern würden.

"Der Grund, weshalb Dr. King nach Selma ging oder nach Birmingham war ganz einfach: Er wusste, dass dort hasserfüllte Rassisten im Amt des Sheriffs waren, und er wusste, dass der gewaltfreie Widerstand dort auf brutale Gewalt stoßen würde. Er hat verstanden, dass dieses Schauspiel von uniformierten Polizeikräften, die wie besinnungslos auf gewaltfreie, betende, freiheitsliebende Schwarze einschlugen, es unmöglich machte, neutral zu bleiben und Distanz zu wahren."

Die Revolution der elektronischen Medien kam den Bürgerrechtlern damals zugute. Die Bilder von den Gewaltexzessen der weißen Polizisten, die auf wehrlose Afroamerikaner eindroschen, verfehlten ihre Wirkung ebenso wenig wie die verstörenden Bilder aus Vietnam. Ohne diese mediale Unterfütterung hätte es die zentralen Erfolge der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King vielleicht gar nicht oder erst viel später gegeben:

Den Civil Rights Act von 1964, der die Rassentrennung landesweit in öffentlichen Einrichtungen für illegal erklärte. Und den Voting Rights Act, der im Sommer 1965 die Diskriminierung bei Wahlen untersagte. Aber diese bahnbrechenden Gesetze kamen bei einem Großteil der weißen Öffentlichkeit gar nicht an, sagt Bryan Stevenson:

"Obwohl wir diese legislativen Siege davontrugen, haben wir es zu Lebzeiten Martin Luther Kings nicht geschafft, die ungleiche Behandlung der Rassen zu überwinden. Und deshalb sind wir bis heute nicht frei. Wir leben immer noch in einem Land, in dem uns die Geschichte der Rassenunterschiede belastet. Da gibt es immer noch eine Art Smog, den wir alle einatmen. Deshalb glauben wir immer noch, dass schwarze und braune Menschen gefährlich und schuldig sind."

"Es hat nie eine Entschuldigung gegeben"

Die Analyse von Bryan Stevenson geht noch weiter: Das Narrativ vom Unterschied der Rassen habe sich so tief in das Bewusstsein eingegraben, dass es bis heute seine Wirkung entfalte. Mit diesem Argument des biologischen Unterschieds zwischen Weißen und Farbigen sei die Sklaverei gerechtfertigt worden. Diese Haltung liefere bis heute die ideologische Basis für den Glauben an eine "weiße Überlegenheit", wie sie die rechtsextreme Alt-Right-Bewegung propagiert, die Oberwasser hat, seit Donald Trump Präsident ist.

Eine Folge der Unfähigkeit zu trauern, sagt Stevenson in Anlehnung an die deutsche Nazi-Schulddebatte Ende der 60er-Jahre: Es habe in den USA niemals eine Aufarbeitung dieser Geschichte der Gewalt von Sklaverei, Lynchmorden und Rassentrennung gegeben – niemals sei es für notwendig gehalten worden, sich zu entschuldigen oder auch nur symbolisch Abbitte zu leisten:

"Es hat nie eine Entschuldigung gegeben, das stimmt. Es fehlt das Bewusstsein dafür, dass alles, was wir über die Unterschiedlichkeit zwischen Schwarzen und Weißen gesagt haben, eine Lüge ist. Wir haben das niemals erkannt oder niemals darüber gesprochen. Deshalb denke ich, dass die Sklaverei nicht 1865 zu Ende ging, sondern sich immer weiter entwickelt."

Martin Luther King steht anlässlich des Marsches auf Washington für Arbeit und Freiheit vor tausenden Demonstranten am Lincoln Memorial in Washington.  Das Foto wurde am Tag seiner berühmten "I have a Dream"-Rede aufgenommen. (imago stock&people)I have a Dream: Martin Luther King (imago stock&people)
Martin Luther King wusste, dass der Kampf noch nicht ausgestanden war. Mehr noch: 50 Jahre nach seinem Tod ist festzuhalten, dass auf jeden Fortschritt in der Bürgerrechtsdebatte ein Rückschritt folgte.

Das Ende der Sklaverei wurde mit der Rassentrennung beantwortet. Und mit dem Ende der Rassentrennung wurde ein Rechtssystem etabliert, das sich bis heute gegen die afroamerikanische Minderheit richtet.

"Just City", "Gerechte Stadt", nennt sich eine kleine Initiative in Memphis, die ihr Büro im ersten Stock eines Hauses in einem Wohnviertel eingerichtet hat. "Just City" kümmert sich um schwarze Strafgefangene. Vor allem um Jugendliche, die straffällig geworden sind. Ohne das Zutun von "Just City" hätten sie kaum eine Chance, wieder einen Job und damit wieder ein Bein auf den Boden zu bekommen.

Massenverhaftungen statt Reintegration

"Wir haben in den späten 70er-Jahren im sogenannten ‚Krieg gegen die Drogen‘ ein System von Mindeststrafen eingeführt. Haftzeiten wurden verlängert. Immer härtere Strafen ausgesprochen, insbesondere für Drogendelikte, selbst für Bagatellvergehen. Damit wurden Hunderttausende von vornehmlich Afro-Amerikanern aus den armen Wohnvierteln weggesperrt."

Sagt Josh Spickler, ein junger Jurist, der sich als eine Art "weißer Bürgerrechtler" versteht. Jedenfalls als streitbarer Anwalt für die schwarze Community. Spickler identifiziert das Justizsystem als Paradebeispiel für strukturellen Rassismus, der sich neu ausgerichtet habe, nachdem es der Bürgerrechtsbewegung gelungen war, die Rassentrennung aufzuheben.

"Natürlich steckt da System dahinter. Es basiert auf einer Kultur des Rassismus – nachdem die Sklaverei verboten worden war, setzte dieses Land die Unterdrückung von Menschen mit dunkler Hautfarbe auf andere Weise fort."

Josh Spickler (Thomas Spang)Josh Spickler (Thomas Spang)
Die Rede ist von "mass incarceration", einer anhaltenden Welle von Massenverhaftungen. 2,3 Millionen Menschen sitzen in US-amerikanischen Gefängnissen ein, so viel wie in keinem anderen Land der Welt. Die Zahl der afroamerikanischen Häftlinge übersteigt die Zahl der weißen Gefangenen um das Fünffache. Und weil die staatlichen Gefängnisse überfüllt sind, ist eine regelrechte Industrie privater Haftanstalten entstanden.

Trumps Vorgänger Barack Obama versuchte eine Justizreform durchzusetzen, die auf weniger harte Strafen setzte und eher auf Reintegration abzielte als auf Rache und Vergeltung. Donald Trump und sein Justizminister Jeff Sessions haben längst den Rückwärtsgang eingelegt: Sie kehren zur Praxis der drakonischen Strafen zurück.

Ein Café in Downtown Memphis/Tennessee. Ein Treffen mit Bürgerrechtlern. Die Männer berufen sich auf Martin Luther King. Sie sehen sich in seiner direkten Nachfolge.

Zeit für eine neue Bewegung

Reverend Spencer Stacey zum Beispiel. 52 Jahre alt. Das Haar kurz geschnitten. Die Stimme weich. Pastor Stacey leitet eine sogenannte Megakirche, die sich "New Direction" nennt und der mehr als zehntausend Gläubige angehören. Pastor Stacey ist außerdem Kopf und Koordinator der Bürgerrechts-Koalition MICAH, zu der sich 42 Kirchen zusammengeschlossen haben, Gewerkschaften, NGOs. Spencer Stacey sagt: Wir dürfen nicht dort verharren, wo Martin Luther King aufhören musste, als er starb. Wir müssen den Stab weiterreichen, den er fallenließ, als er auf dem Balkon des Lorraine-Motels zusammenbrach.

Ein halbes Jahrhundert nach Martin Luther King sieht Pfarrer Stacey die Zeit für eine neue Bewegung gekommen. Er wolle vom Gipfel des Berges heruntersteigen, auf dem sich Martin Luther King in seiner letzten Rede wähnte, sagt er. Er wolle in die Täler gehen. Es gelte, unter Präsident Trump eine Revolution der Werte einzuleiten.

"Diese Administration hat unter Beweis gestellt, dass sie nichts für die Bedürftigen übrig hat. Nichts für die Armen. Nichts für die Kinder illegaler Einwanderer. Und nichts für die Kinder an den Schulen, die Angst haben und strengere Waffengesetze fordern."

Reverend Spencer Stacey (Deutschlandradio / Thilo Kößler)Reverend Spencer Stacey (Deutschlandradio / Thilo Kößler)
Andrew E. Johnson stimmt dem Pastor zu. Er ist Professor für Kommunikation an der Universität von Memphis. Er trägt Anzug und ein Seidentuch im Revers. Er sieht eine direkte Verbindungslinie zwischen der Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings und der Schülerbewegung, die sich nach dem jüngsten Schulmassaker in Florida formiert hat.

"Ich glaube, diese Schülerbewegung ist die Fortsetzung der Bürgerrechtsbewegung. Wir trennen die Bürgerrechtsbewegung nicht von den heutigen Bewegungen. Sie gehören zusammen."

Er wisse, dass es bereits Kontakte zwischen den Schülern in Florida und afroamerikanischen Jugendlichen in Chicago gibt, sagt Andrew. Und dass auch viele sogenannte Dreamer – die Kinder illegaler Einwanderer - sich bereits der Jugendbewegung angeschlossen hätten. Es sei ein Fingerzeig, dass das Vermächtnis Martin Luther Kings auf diese Weise wieder lebendig werde – 50 Jahre nach dessen gewaltsamem Tod.

"Es ist dieselbe gewaltfreie und soziale Bewegung, die Menschen mit Demonstrationen und Märschen oder symbolischen Aktionen auf Missstände aufmerksam machen möchte, um sie hoffentlich zu beheben. Dafür beten wir."

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