Seit 01:05 Uhr Tonart
Dienstag, 09.03.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Zeitfragen | Beitrag vom 19.02.2021

US-Schriftstellerin Lucia Berlin"Meine Geschichten suchen mich aus"

Von Lore Kleinert und Mechthild Müser

Beitrag hören Podcast abonnieren
Schwarz-Weiß-Aufnahme einer jungen Frau in gestreifter Bluse. (Arche Verlag (Coverbild 'Was ich sonst noch verpasst habe'))
Die Texte der US-amerikanischen Schriftstellerin Lucia Berlin erschienen zu Lebzeiten nur in Kleinverlagen und Zeitschriften. (Arche Verlag (Coverbild 'Was ich sonst noch verpasst habe'))

Zu Lebzeiten war Lucia Berlin wenig Ruhm beschieden. Erst zehn Jahre nach ihrem Tod eroberte eine Neuausgabe ihrer Stories die Bestsellerliste der "New York Times". Auch in Deutschland wurde ihr Werk zum Erfolg.

"Ich hoffe, dass eines Tages ein junges Mädchen in die Bibliothek geht und eines meiner Bücher liest." Das soll Lucia Berlin geantwortet haben auf die Frage eines ihrer Studierenden an der Universität in Boulder, was sie sich für ihr Schreiben wünsche.

Ein Wunsch, der in Erfüllung geht, aber erst elf Jahre nach Berlins Tod. Da erscheint auf Betreiben einiger ihrer Freunde eine Auswahl ihrer Kurzgeschichten unter dem Titel "A Manual for Cleaning Women" in einem renommierten New Yorker Verlag. Der Band wird ein Bestseller.

Ein literarisches Ereignis

Die US-amerikanische Schriftstellerin, deren Texte zu Lebzeiten nur in Kleinverlagen und Zeitschriften erschienen waren, hat nichts mehr davon. Ein Jahr später, 2016, kommt ein Band mit 30 dieser Erzählungen unter dem Titel "Was ich sonst noch verpasst habe" im Arche Verlag auf Deutsch heraus.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Was macht ihre Faszination aus? Arche-Verlegerin Frauke Schneider meint dazu:

"Das war, wie wir wissen, ein großes literarisches Ereignis in den USA. Die 'New York Times' hat, glaube ich, an drei aufeinander folgenden Tagen berichtet, hat dieses Buch sofort auf die Bestsellerliste katapultiert."

Die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel hat die Erzählungen lektoriert und übersetzt. Sie erklärt ihre Begeisterung so:

"Der erste Eindruck beim Lesen war sofort die reine Überwältigung. Ich war vollkommen gebannt und konnte nicht aufhören zu lesen. Ich wusste sofort, eigentlich nach den ersten zehn Seiten, das ist, was mich so begeistert, dass ich das unbedingt übersetzen will."

Um sie war Einsamkeit

Lucia Berlin, 1936 geboren, erkrankte zehnjährig an Skoliose, die sie für den Rest ihres Lebens immer wieder ins stählerne Korsett zwang. Gutbürgerliche Familie, Vater Bergbauingenieur, Mutter Alkoholikerin. Der Großvater, ein Zahnarzt, missbrauchte seine Tochter und später seine Enkelin Lucia.

"Um sie war Einsamkeit, weil sie bestimmte Dinge mit niemandem teilen konnte. Viele ihrer Erfahrungen sind einzigartig für Frauen, für junge Mädchen", erzählt David Berlin, der dritte Sohn von Lucia Berlin, in dem Film "Love Lucia" von der Schweizer Schauspielerin und Regisseurin Ann Kathrin Doerig. Der Film wurde im Auftrag des Schweizer Kampa Verlags gedreht, der ebenfalls zwei Bücher von Lucia Berlin veröffentlicht hat.

Unterwegs in verschiedenen Milieus

Nach der Schule studiert Berlin Literatur, seit ihrem 23. Lebensjahr schreibt sie, mit 32 hat sie bereits vier Söhne und drei Ehen hinter sich. Sie arbeitet als Lehrerin, ist alleinerziehend, wird alkoholkrank und hat in der Zeit Jobs als Putzfrau, Telefonistin, Sekretärin in Notaufnahmen, Krankenstationen und Arztpraxen.

Nachdem sie nicht mehr trank, war sie zuletzt Dozentin für Kreatives Schreiben in Colorado. Unzählige Male ist sie in ihrem Leben umgezogen, zwischen Alaska und Chile, Mexiko und New York.

Antje Rávic Strubel erzählt: "Sie hat eigentlich in den ersten zehn Lebensjahren die ganze Westküste des amerikanischen Kontinents vom Norden bis zum Süden durchquert. Dieses Unterwegssein zeichnet ihr gesamtes Leben aus, auch unterwegs sein zwischen verschiedenen sozialen Milieus. Sie hat genau so totale Armut und Alkoholsucht erlebt, wie sie Reichtum erlebt hat."

Lucia Berlin liebte Musik und Musiker. Ihr zweiter Ehemann war Pianist in Bars, den Nachnamen ihres dritten Ehemanns, des Saxofonisten Buddy Berlin, behielt sie ihr Leben lang.

Der Schmerz in ihrem Leben

Gefragt nach der wichtigsten Eigenschaft seiner Mutter, sagt David Berlin: "Jeder, der sie kannte, sieht das sicher anders. Selbst ich könnte nicht eine einzige herausgreifen, es hängt davon ab, über welche Mutter wir reden, über welche Seite ihrer Mütterlichkeit. Ich glaube, es wäre 'Intelligenz'. Das wird unterschätzt bei meiner Mutter. Die Leute schätzen die Tragik, den Humor, ihre Schönheit oder ihr Trinken, aber sie war supersmart und voller Einsicht. Sie konnte sehr schnell den Kern von was auch immer erkennen."

In der Erzählung "Nach Hause finden" geht es um den Schmerz in ihrem Leben:  

"Ich habe nur deshalb so lange gelebt, damit ich meine Vergangenheit loslasse. Die Tür verschließe vor Trauer, vor Reue, vor einem schlechten Gewissen. Würde ich sie öffnen, nur einen selbstvergessenen Spalt, klatsch, flöge sie auf, ein Sturm von Schmerzen zerreißt mir das Herz vor Scham, nimmt es mir die Sicht, Tassen und Flaschen zerbrechen, Krüge zerschellen, Fenster bersten, blutig stolpere ich über verschütteten Zucker und Scherben aus Glas, panisches Würgen bis ich mit einem letzten Beben und Schluchzen die schwere Tür wieder schließe. Die Scherben aufsammle, noch einmal."  

Schreiben als Maske und Schutz

Zum autobiografischen Gehalt der Erzählungen sagt Antje Rávic Strubel: "Man läuft leicht Gefahr zu meinen, das wäre autobiografisch. Allerdings hat selbst einer ihrer Söhne gesagt, nachdem sie ihre Geschichten gelesen hätten, wüssten sie gar nicht mehr, was eigentlich wirklich passiert ist und was nicht. Sie hat im Grunde das Material ihres Lebens benutzt und daraus Literatur gemacht. Es entzündet sich so wechselseitig, würde ich vielleicht sagen."

Lucia Berlin selbst sagte einmal dazu: "Es ist wirklich so eine Sache mit dem autobiografischen Schreiben. Erst mal ist ein Großteil davon Maske. Ein Schutz. Oder ein anderer Weg, meine Realität als akzeptabel wahrzunehmen."

Und Verlegerin Frauke Schneider meint: "Die Faszination für diesen autobiografischen Hintergrund, das ist natürlich bei Lucia Berlin klar diese wandelnde Lebensgeschichte, diese verschiedenen Lebensentwürfe, die sie auch hatte. Es gibt einfach unglaublich viele Dinge, die diese Autorin interessant machen in ihrem Alltag, in ihrem normalen Leben. Sie hat auch das Schreiben benutzt, um zurechtzukommen, um die Dinge von einer Distanz zu betrachten."

Postumer Erfolg

Im Juni 2016 stellte die Schriftstellerin Thea Dorn den Kurzgeschichtenband Lucia Berlins im "Literarischen Quartett" vor. Es gab einhellige Begeisterung auch bei den anderen, Volker Weidermann und Maxim Biller.

Biller fand: "Das ist meiner Ansicht das Beste, was wir bis jetzt hier im 'Literarischen Quartett' gehabt haben. Zum einen ist die Sprache lakonisch, einfach. Es gibt immer wieder überraschende Wendungen, fast jedes Ende ist erstaunlich." Und Volker Weidermann ergänzte: "Wirklich alle Schrecken des Lebens scheinen dort nicht ausgelassen zu werden und gleichzeitig dieser unglaubliche Humor, diese Leichtigkeit." Der Kurzgeschichtenband wurde auch in Deutschland zum Bestseller.

Hingabe an das Schreiben

Auf die Frage, was Lucia Berlins Literatur so besonders mache, sagt ihre Schweizer Verlegerin: "Auf der einen Seite wirkt einfach alles wie aus dem Leben gerissen, so Momentaufnahmen. Ich würde auch gern wissen, ob sie einfach runtergeschrieben hat. Das hat sie ja auch, glaube ich, mal behauptet. Oder wie viel hat sie es tatsächlich im Nachhinein noch gemacht. Weil das wirkt ganz unbehauen, das wirkt wirklich so – auch suchend und tastend – also wie im Prinzip das Leben selbst."

Lucia Berlins Schreiben dringt durch Lebenslügen und allzu glatte Oberflächen, zielt auf die Gebrochenheit der Menschen und ist nie ohne Mitgefühl. Hingabe an das, was sie tat, war ihr wichtig. Das versuchte sie auch, ihren Studenten zu vermitteln.

"Man kann Stil nicht lehren", sagte sie in einer ihrer Vorlesungen. "Man kann Talent nicht unterrichten. Man kann Schreiben eigentlich nicht unterrichten. Aber man kann über die Hingabe an die Arbeit reden und die Liebe dazu, darüber möchte ich etwas erfahren."

(dw)

Sprecherinnen und Sprecher: Frauke Pookmann, Lisa Hrdina und Joachim Schönfeld
Regie: Cordula Dickmeiss
Ton: Andreas Stoffels
Redaktion: Dorothea Westphal

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Zeitfragen

MädchenschulenBesser lernen ohne Jungs?
Eingangsportal einer alten Mädchenschule in Spalt in Franken. (imago images / Ralph Lüger)

Sie sind selten, aber doch gefragt: Mädchenschulen. Eltern setzen oft auf deren guten Ruf. Aber wie sinnvoll ist die Trennung der Geschlechter? Jugendliche, Pädagogen, Forscherinnen und Absolventinnen berichten.Mehr

Frauen und AbtreibungDer ewige Kampf gegen §219a
"Keine Kompromisse beim Paragrafen 219a" steht auf einem Plakat, mit dem eine Frau dessen Abschaffung fordert. (picture alliance/dpa / Boris Roessler)

Paragraf 219a Strafgesetzbuch regelt das sogenannte "Werbeverbot" für Schwangerschaftsabbrüche. Seit 2019 dürfen Praxen zwar darüber informieren, dass sie Abtreibungen durchführen - weitere Informationen über das Wie sind aber noch immer verboten.Mehr

Incel-CommunityWie weit der Hass gegen Frauen geht
Auf einer verputzten Häuserwand ist ein stilisierter schwarzer Männerkopf mit einer roten Flamme zu sehen.  (imago images / Shotshop)

"Incels" steht für "involuntary celibate men", also für unfreiwillig im Zölibat lebende Männer. Männer, die keinen Sex haben und sich im Internet zusammenrotten. Doch bei Incels einfach nur von Frauenhassern zu sprechen, ist zu wenig - viel zu wenig.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur