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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.01.2017

US-Protektionismus"Ein Trend, mit dem wir uns beschäftigen müssen"

Michael C. Burda im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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US-Präsident Donald Trump mit dem Dekret zum Ausstieg aus dem Handelsabkommen TPP (pa/dpa/AP/Vucci)
US-Präsident Donald Trump mit dem Dekret zum Ausstieg aus dem Handelsabkommen TPP (pa/dpa/AP/Vucci)

Trumps Wirtschaftspolitik wird die Globalisierung verlangsamen, prophezeit der Ökonom Michael Burda. Aber sie werde der Weltwirtschaft zunächst einen gewissen Schub verpassen. Auch für die EU könnte sich der US-Protektionismus als vorteilhaft erweisen.

Austritt aus dem TPP-Freihandelsabkommen, Androhung von Strafzöllen: Ausgerechnet die größte Volkswirtschaft der Welt marschiert unter ihrem neuen Präsidenten Donald Trump in Richtung Protektionismus. Und sie könnte damit kurzfristig sogar erfolgreich sein, meint Michael Burda, Professor für Volkswirtschaft an der Humboldt-Universität Berlin.

Zwar würden Importe in die USA künftig teurer. Aber Trump schaffe eine Situation, "wo einer zunehmenden Ungleichheit der Bezahlung von Arbeitnehmern irgendwie ein Ende gesetzt wird", so Burda im Deutschlandradio Kultur.

Globalisierungsgewinne müssen gerechter verteilt werden

Das, was wir derzeit erleben, ist Burda zufolge der Preis dafür, dass die Gewinne der Globalisierung nicht gerechter verteilt worden seien. So hätten die Globalisierungsverlierer in den USA immer weniger davon abbekommen: Zwar gebe es in Amerika Vollbeschäftigung, aber die Qualität der Jobs sei immer schlechter geworden. Auch klafften die Löhne immer weiter auseinander.

"Das sind alles Dinge, die man überall auf der Welt sieht", betonte der in Deutschland lehrende US-Ökonom und mahnte: "Die Vorteile des Welthandels müssen umverteilt werden."

Steigender Dollarkurs bringt Europa einen Vorteil

Für die EU könnte sich Trumps Politik vorteilhaft auswirken. So werde ziemlich einhellig mit einem steigenden Dollarkurs gerechnet. "Das wird dazu führen, dass die Weltwirtschaft auch einen gewissen Schub bekommt, weil die amerikanischen Produkte, die man exportiert, einfach zu teuer werden." Für die EU könne das vorteilhaft sein. Denn dann werde die europäische Binnenwirtschaft durch mehr Exporte belebt. (uko)


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Wahrscheinlich hat es bisher noch kein wirtschaftspolitisches Konzept gegeben, das sich so locker in sieben Sekunden erklären lässt:

O-Ton Donald Trump: We will follow two simple rules: Buy American and hire American!

Frenzel: Kauft amerikanisch und stellt Amerikaner ein! – Die Forderung von Donald J. Trump. Und dass er es ernst meint, das hat er durch erste Amtshandlungen schon deutlich gemacht, etwa durch den Stopp des Pazifischen Handelsabkommens. Ist das alles Voodoo-Ökonomie, zum Scheitern verurteilt, oder könnte diese Politik am Ende sogar aufgehen, könnte sie funktionieren, zumindest in seinem Sinne? Besprechen will ich das mit Michael Burda, Professor für Volkswirtschaft an der Humboldt-Uni Berlin, ein Amerikaner, der seit 25 Jahren in Deutschland lebt. Guten Morgen!

Michael Burda: Ja, guten Morgen!

Beunruhigend für den Welthandel

Frenzel: Herr Burda, geben wir dem Mann mal eine Chance: Was an den wirtschaftlichen Vorhaben Trumps könnte dem Land wirklich helfen?

Burda: Auf jeden Fall schafft er eine Situation, wo einer zunehmenden Ungleichheit der Bezahlung von Arbeitnehmern ein Ende gesetzt wird. Das wird zur Folge haben, dass Produkte, die Amerika importiert, deutlich weniger werden. Die werden teurer, weil diese Handelsabkommen wie die davor dazu führen, dass Produkte eigentlich billiger werden. Das heißt, es gibt bestimmte Nachteile für alle. Aber die Leute, die produzieren, die konkurrieren mit dem Ausland, werden zunächst einmal gerettet. Das ist eine Umkehrung der Globalisierungswelle, die wir seit 50 Jahren sehen. Und die USA sind ganz vorn, das ist für den Welthandel ziemlich beunruhigend, aber das ist vielleicht ein Trend, mit dem wir uns beschäftigen müssen.

Frenzel: Protektionismus als Chance, das ist eine – Sie haben es ja angedeutet – sehr unamerikanische Grundhaltung eigentlich. Haben Sie denn den Eindruck, das ist etwas, was über das Strohfeuer hinaus wirklich ernsthaft wirtschaftspolitische Erfolge bringen könnte?

Burda: Ich fürchte, kurzfristig ja. Ich meine, wir haben … Wir Ökonomen waren ganz vorne und haben das immer befürwortet, mehr Handel ist besser für alle. Das stimmt allerdings nur, wenn alle wirklich davon was abbekommen. Und die Vorteile des Welthandels müssen umverteilt werden. Das heißt, es gibt immer Gewinner und Verlierer. Die Verlierer in Amerika haben also allmählich immer weniger abbekommen, sie haben ihre Jobs verloren, sie haben weniger gute Jobs also selbst bekommen. Es gibt zwar Vollbeschäftigung in Amerika, aber die Qualität dieser Jobs ist immer schlechter. Wir haben keine Erhöhung des Mindestlohns, wir haben eine zunehmende Lohnspreizung insgesamt.

Das sind alles Dinge, die man überall auf der Welt sieht, und Amerika greift leider um sich herum, um vielleicht auf die falsche Art und Weise das zu ändern. Und man muss noch absehen, ob es wirklich was ändert, aber so kurzfristig wird das jedenfalls den Leuten ein gutes Gefühl geben, dass irgendjemand was dagegen tut.

TTIP versenkt - das müsste die Deutschen doch freuen

Frenzel: Das klingt so ein bisschen nach dem Traum aller keynesianischer Antiglobalisierungsleute. Also, man könnte fast den Eindruck haben, die Amerikaner hätten einen Hugo Chávez gewählt!

Burda: Ich muss ehrlich sagen, für viele Deutsche müsste eigentlich dieser Schritt total erfreulich sein. Also, die Deutschen sind ganz massiv gegen TTIP und TTIP ist jetzt von rechts außen oder von links außen eigentlich versenkt worden. Also, TPP ist eigentlich schon verhandelt worden und TTIP ist eigentlich kurz davor gewesen und jetzt kann man das vergessen. Das führt dazu, dass diese ganzen Investitionsgerichte, diese Schiedsgerichte abgeschafft werden, nicht mehr kommen, die ganze Harmonisierung der Standards nach unten, die alle hier befürchtet haben, wird natürlich auf längere Zeit abgesetzt.

Ich frage mich ja jetzt, was mit England passiert. Also, es kann so durchaus sein, dass Großbritannien, das wirklich Trump gern folgt, könnte durchaus sein, dass ein TTIP light mit den beiden zustande kommt. Es gibt Vor- und Nachteile, aber man muss wirklich sagen: TPP vertritt 40 Prozent des BIP der Welt mit den USA drinnen. Das heißt, wenn die USA wegfallen, ist es immer noch ein großer Trading Block. Vielleicht hat dabei … Als kleiner Tröster, es wird tatsächlich ein Trading Block der Buddies‘ Standards, die man da verhandelt hat, durchgesetzt werden, zum Beispiel was Kinderarbeit angeht, was Mindestlöhne und so weiter angeht. Und freier Handel ist nicht immer schlecht. Ich meine, für die armen Menschen war das immer so eine Chance, an die reichen Länder heranzukommen.

Überall werden die Karten neu gemischt

Frenzel: Ist das denn denkbar, ein weltweiter Handel, Globalisierung ohne die Vereinigten Staaten von Amerika? Oder andersherum gefragt: Haben die Amerikaner ökonomisch die Macht im Prinzip, das ganze Rad der Globalisierung zurückzudrehen?

Burda: Nee, sie werden das Drehen des Rades verlangsamen. Ich denke mir, die EU ist im Prinzip auch eine gute Sache, das hat sich 50 Jahre bewiesen. Aber letztendlich, das Rad wird sich langsamer drehen, es wird vielleicht ein dritter Handelsblock entstehen. China war nicht Teil von TPP und es kann durchaus sein, dass China diese Rolle übernimmt. Aber es wird sich alles zeigen, auf jeden Fall … Übrigens, Mexiko ist auch bei TPP dabei, Chile, Peru, also viele Länder im amerikanischen Raum, die werden auch ganz neu Karten gemischt sehen mit den USA. Das ist wirklich eine… also, für mich als Ökonom eine sehr beunruhigende Entwicklung, aber auf der anderen Seite zahlen wir jetzt alle den Preis, dass wir nicht die Vorteile der Globalisierung gerechter verteilt haben.

"Der Dollar wird steigen"

Frenzel: Die Frage ist natürlich, ob Donald Trump jemand ist, der das wirklich am Ende ernsthaft betreibt. Teil seiner Politik sind ja auch massive Steuersenkungen, das erinnert eher an Ronald Reagan, das erinnert eher daran, dass am Ende die Reichen reicher und die Armen noch ärmer sind.

Burda: Ja, das kann man tatsächlich sagen. Aber wir wissen auch von der Zeit von Ronald Reagan, dass diese Steuersenkungen kurzfristig zu einer Art Strohfeuer geführt haben, und davon werden alle profitieren und, also, allerdings… vielleicht drei, vier Jahre lang, und die Frage ist, ob bis dahin nicht Infrastrukturinvestitionen, alles, was er sonst verspricht, finanziert werden kann. Ich denke, der Dollar wird steigen, das ist vielleicht von allen ziemlich einstimmig vorhergesagt, und das würde dazu führen, dass natürlich die Weltwirtschaft auch einen gewissen Schub bekommt, weil die amerikanischen Produkte, die man exportiert, einfach zu teuer werden. Also, es wird eine sehr interessante Zeit. Könnte auch für Europa vorteilhaft, also, ich glaube, sein, dass die … Eine solche Veränderung könnte auch das machen, was die EZB immer nicht … der EZB nicht gelingen konnte, das heißt die europäische Binnenwirtschaft durch mehr Exporte zu beleben.

Frenzel: Einschätzungen von Michael Burda, Volkswirtschaftsprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Herr Burda, ich danke Ihnen für das Gespräch!

Burda: Gern geschehen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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