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Studio 9 | Beitrag vom 08.10.2020

US-PräsidentschaftswahlEin Postveteran über die Abstimmung per Brief

Von Nora Sobich

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 Im Postzentrum des United States Postal Service in Philadelphia.  (picture alliance / AP Photo/ Matt Rourke)
Im US-Wahlkampf wird eine heftige Diskussion über die Briefwahl geführt. Hier: Im Postzentrum des United States Postal Service in Philadelphia. (picture alliance / AP Photo/ Matt Rourke)

Robert McDonough sortiert seit 50 Jahren Briefe und Pakete bei der Post in Boston, darunter auch die Stimmzettel der US-Präsidentschaftswahl. Er sagt: "Wir schaffen das." Trotzdem hat er Angst vor dem Wahltag.

Der Aufzug rattert hoch in den zweiten Stock der US-Postbehörde in Downtown Boston, dem JFK-Verteilzentrum. Robert McDonough, genannt Mack, trägt Basecap, schwarze Mundschutzmaske und einen langen grauen Zopf. Er arbeitet hier jeden Tag von vier Uhr in der Früh bis Dienstschluss um 12:30 Uhr.

Mack ist einer der zwei Dutzend Mitarbeiter, die in einer mit Scannern, etlichen Rollwagen und Regalen vollgestellten Halle täglich Tausende Briefe und Pakete sortieren und weiterleiten, darunter auch die Stimmzettel der US-Präsidentschaftswahl. 

Trump ist Briefwähler

Seit Wochen diskreditiert das Weiße Haus die amerikanische Postbehörde als Hort der Wahlfälschung. Allein weil es Trump behauptet, sehe es so aus, als könne es tatsächlich passieren, meint Mack. "Trump hat immer per Briefwahl gewählt. Warum lästert er? Weil er verliert? Wer weiß."

Mack arbeitet seit einem halben Jahrhundert bei der Post in Boston. Die angeheizte Politisierung der staatlichen Institution, die das Gros der Amerikaner liebt, wie es heißt, sei nichts Neues.

US-Postmitarbeiter Robert McDonough (Deutschlandradio / Nora Sobich)Woodstock machte ihn zum Pazifisten: Robert McDonough in seinem Garten - mit Buddha-Statue. (Deutschlandradio / Nora Sobich)

Später bei Mack zu Hause sitzen wir draußen in einem kleinen, lauschig grünen Hofgarten. Hinterm Lattenzaun krachen Bostons City- und U-Bahn-Verkehr vorbei. Mack hat zwei Zimmer im Tiefparterre eines Stadthauses in dem alten neuenglischen Backsteinviertel Beacon Hill. Sein strammes, acht Jahre altes English Bullterrier Weibchen Scout schlappert gelassen ihr Wasser.

Überall stapeln sich Bücher – US-Geschichte, Literatur, Philosophie, Kunst – und Zeitungen: die "New York Times", der "New Yorker". Aus einem der Stapel zieht Mack einen Werbeprospekt. Im Angebot: vergoldete Gedenkmünzen mit Trump-Porträt.

Auszählung ist kein Problem, sagt das FBI

Ob es so eine Gedenkmünze vielleicht zu Weihnachten sein darf? Aus seiner Antipathie macht Mack keinen Hehl, allerdings nicht auf der Arbeit. Im Biden-T-Shirt erscheine er jedenfalls nicht zum Dienst. Die mediale Aufmerksamkeit, die die Post jetzt in der Präsidentschaftswahl plötzlich bekommt, ist für Mack und seine Kollegen auf dem Postamt gar kein Gesprächsthema. "In Massachusetts", sagt er "wird es kein Problem sein, die Briefwahlunterlagen zu bewältigen." Und wohl auch in keinem anderen Bundesstaat. Das sagt inzwischen selbst das FBI.

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Mack ist Anfang Siebzig. Als er bei der Post anfing, war er 20. Er wuchs in Boston auf, sein Vater war US-Marine im Zweiten Weltkrieg. Gegen den väterlichen Rat ging auch Mack zu den US-Marines. Im Dezember 1968 wurde er eingezogen – Vietnam. Nach 47 Tagen kam er verwundet zurück. Im August 1969 fuhr er nach Woodstock. Er trug noch seine Cargo-Hose, hatte die Haare kurz. Die Erfahrung hat ihn verändert. Der Tough Guy wurde Pazifist. Mack hat Tränen in den Augen, als er davon erzählt. Ende 1969 bewarb er sich dann bei der Post.

Angst vor radikalen Gruppierungen

So gut wie ohne Ausbildung, aber wegen Militärdienst und Verwundung gab es zehn Extrapunkte bei der Aufnahmeprüfung. "Ich habe das, was ich dort tat, immer gemocht und ich mag es noch immer", sagt er. Trotzdem sorgt er sich – aber nicht um die Briefwahl, Wahlbetrug oder die Post. Seine größte Sorge seien die White Supremacists, die rechtsradikalen Gruppierungen, von denen sich Trump nicht distanziert.

Damit spricht Mack die Angst an, die jetzt viele Amerikaner umtreibt – und zwar rechts wie links: dass das Ganze nicht gut ausgeht, es nach der Präsidentschaftswahl in Gewalt eskalieren könnte - und alles vermasselt.

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