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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 15.11.2017

US-Historiker Howard ZinnMut zum zivilen Ungehorsam

Von Ralf Bei der Kellen

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Howard Zinn (l) (imago/ZUMA Press)
Howard Zinn (l) im Februar 1994 bei einer Veranstaltung in Sherborn, Massachusetts (imago/ZUMA Press)

Der US-amerikanische Historiker Howard Zinn war einer der führenden Köpfe der Bürgerrechts- und Friedensbewegungen in den USA. Heute scheinen seine Vorträge zum Thema des zivilen Ungehorsams von einer neuen Generation Amerikaner wieder entdeckt zu werden.

November 1995: Vor den Studenten des Reed College in Portland, Oregon, steht ein hagerer, ergrauter Mann.

"Neulich entdeckte ich dieses Buch – ´Die Kunst des Hochschulunterrichts`. Die Kapitel sind mit Fragen überschrieben. Frage Nummer neun – die ersten acht erspare ich Ihnen – Frage neun lautet: ´Kann ich mich als Professor an politischen Aktivitäten und Streitigkeiten beteiligen?` Die Antwort: ´Es ist möglich, dass die Bildungseinrichtung, an der Sie arbeiten, Ihren Aktivitäten nicht wohlgesonnen sein wird.`"

Howard Zinn ist zu diesem Zeitpunkt 73 Jahre alt und seit sieben Jahren emeritierter Professor für Geschichte der Boston University.

"Wenn ich dieses Buch schon früher gehabt hätte – wer weiß, was aus mir hätte werden können?! Vielleicht wäre ich Direktor der Uni geworden…"

Die Studenten kennen ihn gut – Zinn ist Autor des 1980 erschienenen Buches "A People’s History Of The United States", einem Bestseller der "alternativen Geschichtsschreibung". Zinn gehörte in den 1960er-Jahren zur Gegenkultur, zur Counter Culture in den USA – und das vor allem, weil er es ablehnte, ein objektiver Betrachter von Geschichte zu sein, sondern sich immer wieder einmischte. Seine Autobiographie trug den Titel: "You can’t be neutral on a moving train". In einem fahrenden Zug kannst Du nicht unbeteiligt sein.

Kriegsdienst in Deutschland

Zinns Eltern sind einfache Fabrikarbeiter, an denen der amerikanische Traum vorbeigegangen ist. Als Teenager wird er als Gast bei einer friedlichen Demonstration von der Polizei bewusstlos geschlagen. 1944 meldet er sich zum Kriegsdienst und bombardiert Ziele in Deutschland, Frankreich und Ungarn. Nach Abschluss seiner Doktorarbeit besucht er die Kriegsschauplätze auf dem Boden – und muss feststellen, dass viele der von ihm abgeworfenen Bomben vor allem unschuldige Zivilisten töteten. Dazu kommen die Erfahrungen, die er Anfang der 1960er-Jahre als Professor am Spellman College machte, einer Bildungseinrichtung für ausschließlich schwarze Mädchen. Dort erlebt er die Anfänge der Civil Rights-Bewegung, die er aktiv unterstützt – was ihm 1963 die Entlassung einbringt. Er erforscht die sozialen Bewegungen in den USA. 2008 sagte er in einem Vortrag zum Thema "Ziviler Ungehorsam":

"Wenn in der Vergangenheit wichtige soziale Fragen angegangen oder Ungerechtigkeiten korrigiert werden mussten, kam die Initiative nicht aus Washington, sondern von den sozialen Bewegungen. Die Abschaffung der Sklaverei ist ihren Gegnern in der Bevölkerung mehr zu verdanken als Abraham Lincoln. Die Arbeiterbewegung hatte größeren Anteil an der Einführung eines Mindestlohnes als Roosevelt. Das bedeutet: Wir brauchen eine neue soziale Bewegung, wir brauchen mehr Bürgerbeteiligung und, ja, wir brauchen mehr zivilen Ungehorsam!"

Prügel bei Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg

Im Zuge der Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg wird Zinn verprügelt, verhaftet, eingesperrt. Immer wieder verteidigt er das Recht zum Aufbegehren mit der Unabhängigkeitserklärung, die er als – Zitat – "Manifest des zivilen Ungehorsams" liest:  

"(…) dass zur Sicherung dieser Rechte – "

Gemeint sind die Rechte auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.

"(…) dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingerichtet werden, die ihre rechtmäßige Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wenn irgendeine Regierungsform sich für diese Zwecke als schädlich erweist, es das Recht des Volkes ist, sie zu ändern oder abzuschaffen und eine neue Regierung einzusetzen (…)"

"Die Menschen unterscheiden nicht zwischen Land und Regierung. Wenn man die Regierung kritisiert, sagen sie: du bist unpatriotisch! Aber – was ist denn Patriotismus? ´Unterstütze Deine Regierung?` Nein, das ist die Definition von Patriotismus in einem totalitären System. Die Definition von Patriotismus in einer Demokratie ist die von Mark Twain: ´Ich unterstütze meine Regierung, wenn sie Recht hat. Mein Land unterstütze ich zu jeder Zeit.`"

Protest in Chicago  (picture alliance/dpa/Tannen Maury)Amerikanische Ureinwohner (Native Americans) demonstrieren im November 2016 in Chicago gegen die Dakota Access Pipeline. US-Präsident Trump hatte nach seiner Wahl die Weiterbau angeordnet. (picture alliance/dpa/Tannen Maury)
Am 27. Januar 2010 starb Howard Zinn, der "Geschichtsprofessor, der Geschichte schrieb", an einem Herzinfarkt. Seine bekanntesten Aussprüche kursieren auf unzähligen Seiten im Internet – und sie finden sich auch auf Plakaten bei Anti-Trump-Demonstrationen. Etwa:

"Am wichtigsten ist nicht, wer im Weißen Haus sitzt, sondern wer draußen am Weißen Haus vorbei marschiert und die Veränderung vorantreibt."

Oder: 

"Man sagt, das Problem sei ziviler Ungehorsam. Aber das ist nicht unser Problem. Unser Problem ist der zivile Gehorsam. Unser Problem ist die große Anzahl von Menschen auf der ganzen Welt, die dem Diktat ihrer Regierung folgen und deshalb in Kriege ziehen, in denen dann Millionen Menschen wegen diesem zivilen Gehorsam getötet werden. Unser Problem besteht darin, dass Menschen gehorsam sind, sich die Gefängnisse wegen Bagatellen füllen, während die großen Verbrecher die Staatsgeschäfte führen. Das ist unser Problem."

Und zu Trumps "America first" sagte Howard Zinn schon vor 20 Jahren:

"Sollten wir nicht aufhören, immer die Nummer eins sein zu wollen? Seien wir bescheiden, seien wir Nummer zwölf. Und warum müssen wir eine militärische Supermacht sein? Warum können wir nicht eine humanitäre Supermacht sein?"

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