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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 31.07.2020

US-Generalkonsul auf SpurensucheEydelnant trifft Edelnand

Von Sebastian Mantei

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Timothy Eydelnant, US-Generalkonsul in Mitteldeutschland (Deutschlandradio/Sebastian Mantei)
Timothy Eydelnant, US-Generalkonsul in Mitteldeutschland, machte sich auf die Suche nach vorher unbekannter Verwandtschaft. (Deutschlandradio/Sebastian Mantei)

Die Amtszeit des US-Generalkonsuls für Mitteldeutschland, Timothy Eydelnant, endete in diesem Sommer. Er verlässt das Land mit vielen bewegenden, spannenden und auch traurigen Erinnerungen. Eine Reise führte ihn zurück zu den Wurzeln seiner Familie.

In Halberstadts Rosenwinkel Nr. 18 in Sachsen-Anhalt fährt eine dunkle Limousine vor. Die Türen öffnen sich und der Mittvierziger Timothy Eydelnant steigt aus dem Wagen. In schnellem Schritt schreitet er über den kopfsteingepflasterten Hof zum Gebäude der Moses-Mendelssohn-Akademie. Direktorin Jutta Dick begrüßt den besonderen Gast, der heute in ganz privater Mission gekommen ist. Eydelnant hat nämlich erfahren, dass es hier in Halberstadt auch eine jüdische Familie mit ähnlichem Namen gegeben haben soll. In der Bibliothek erzählt Jutta Dick von den Halberstädter Edelnands, deren Sohn John mit dem Kindertransport 1939 aus Hitlerdeutschland fliehen konnte. Seine Eltern hatten hier geheiratet.

Jutta Dick: "Und da haben wir die Heiratsurkunde. Und da ist eben Ostrovo, Gouvernement Witebsk."
Timothy Eydelnant: "Das war Weißrussland eigentlich."
Jutta Dick: "Ja!"
Timothy Eydelnant: "Ich weiß von meinem Vater, dass meiner Familie auch aus der gleichen Region stammt. Vielleicht aus einem anderen Dorf, aber die gleiche Region! Ja, das ist ganz interessant."
Jutta Dick: "Und er war Geburtsjahr 85, geboren 1885."
Timothy Eydelnant: "Der Name war Israel Edelnand. Das war der Name meines Vaters Vater. Wir wissen nur, dass er im Zweiten Weltkrieg gestorben war. Aber der Name, den sieht man nicht so oft. Es gibt viel Edelman, aber Edelnand – das ist relativ selten."

Der Nachfahre des Israel Edelnand aus Halberstadt, John ist heute 95 Jahre alt und lebt in Luton bei London. Bei seinem letzten Besuch in seiner Geburtsstadt sagte er über seinen Vater.

John Edelnand: "Alles, was ich weiß, ist, dass der Vater aus Russland kam als Kriegsgefangener – nach Quedlinburg. Ich glaube aus Quedlinburg wurde er dann in ein Gefangenenlager gebracht. Und er konnte wieder nach dem Krieg 1914/1918 nach Russland zurück. Er wollte aber nicht, wegen der Kommunisten. Das wollte er nicht. Und da ist er dann in Deutschland geblieben und hat dann seine Existenz aufgebaut, als Uhrmacher und Juwelier und kleiner Mechaniker. Aber wie das alles zu Stande gekommen ist, das kann ich dir leider nicht erzählen. Ich habe das nie fragen können. Das würde mich auch interessieren."

Vielleicht gibt es eine Verbindung

Die Chance, den Vater zu fragen, hat es nie gegeben. Denn nachdem John Edelnand aus Halberstadt mit dem Kindertransport 1939 fliehen konnte, wurden seine Eltern und die Schwester von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet.

81 Jahre später bietet sich erstmals die Chance für ihn, mit einem anderen Edelnand, der sich etwas anders schreibt, in Kontakt zu treten. Die kleinen Unterschiede in der Schreibweise führt Timothy Eydelnant darauf zurück, dass die Menschen im Schtetl in Weißrussland die Dinge so geschrieben haben, wie sie gesprochen wurden. Und so entstanden im Jiddischen verschiedene Schreibweisen für Edelnand.

Timothy Eydelnant: "Ich weiß, dass die Familie meiner Großeltern aus diesem kleinen Dorf Dubrovno war und dieser Israel Edelnand kam aus Ostrovo. Wir wissen, dass  im frühen 20. Jahrhundert die Juden nicht in großen Städten wohnen durften. Und sie haben in diese kleinen Schtetls gewohnt. Und vielleicht wurden dort meine Großeltern geboren. Aber nochmals, der Name ist interessant, da gibt es vielleicht eine Verbindung."

Einach das Telefon in die Hand gedrückt bekommen

Beide Familien stammen aus der gleichen Region. John Edelnants Vater kam nach dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland, wo er im Zweiten Weltkrieg ermordet wurde. Timothy Eydelnant verlor seinen Großvater auch im Zweiten Weltkrieg – beim Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Weißrussland. Seine Großmutter konnte mit den Kindern rechtzeitig in den Osten der Sowjetunion fliehen  und überlebte. Nach dem Krieg kehrte sie nach Weißrussland zurück, von wo Timothy Eydelnant im Alter von 15 Jahren  mit seinen Eltern in die USA auswanderte.

In Halberstadt bietet sich für den US-Generalkonsul nun die Chance, einen Kontakt zu jemandem aufzubauen, der ähnliche Wurzeln hat.

Jutta Dick ergreift die Initiative und bietet dem Amerikaner Eydelnant an, den in England lebenden Edelnand anzurufen und reicht ihm das Telefon.

Timothy Eydelnant: "Ist das Mr. Edelnand. Guten Tag! Ja, wir können auch in Englisch reden. Das ist einfacher für mich als auf Deutsch. Als erstes Guten Morgen. Ich denke, dass Frau Dick mich schon vorgestellt hat. Ich bin Tim Eydelnant und der US-Generalkonsul für Mitteldeutschland mit Sitz in Leipzig. Das ist wirklich eine kleine Welt. Für mich ist das absolut faszinierend, hier bei diesen wunderbaren Menschen in Halberstadt zu sein, die das Konsulat kontaktierten und Informationen für mich hinterließen. Ich begann dann online über Ihren Besuch zu lesen und über Ihre Familiengeschichte. Ich sprach darüber mit meinem Vater und er sagte, es wäre spannend zu erfahren, woher der andere Israel Edelnand stamme. Und jetzt sitze ich hier und habe erfahren, dass er aus der gleichen Region stammt.

John Edelnand: "Das ist sehr interessant."

Timothy Eydelnant: "Es ist wirklich beeindruckend. Als hätten uns die Sterne zusammengeführt. Das ist mir während meiner ganzen Diplomatenkarriere nicht passiert. Ich war in Jerusalem, Finnland, Brasilien und nun in Leipzig in Mitteldeutschland. Und hier erfahre ich, dass es eine Eydelnant-Verbindung nach Zentraldeutschland gibt."

John Edelnand: "Das ist unglaublich. Ich meine, für mich ist das eine absolute Überraschung. Ich bin von dieser Nachricht begeistert. Wissen Sie, ich habe nicht geglaubt, dass es noch Familie väterlicherseits gibt. Wenn Sie irgendetwas Neues erfahren, lassen Sie es mich wissen."

Timothy Eydelnant: "Ja, auf jeden Fall. Wenn es in Ordnung ist, frage ich noch einmal meinen Vater und melde mich bei Ihnen, ist das in Ordnung."

John: "Auf jeden Fall, jederzeit. Toda Raba!"

Timothy Eydelnant: "Bewakascha!"

John Edelnand: "Schabat Schalom und Tschüss!"

Ein Treffen steht an

Nach diesem Telefon wollen sich beide, Eydelnant und Edelnant unbedingt treffen. Der Amerikaner hat sich fest vorgenommen, bei einem Zwischenstopp in London den 95-Jährigen in Luton besuchen. Dass sie miteinander verwandt sind, hat sich bestätigt. Denn Timothy Eydelnants Vater, der in Chicago lebt, hatte mit einem weiteren Eydelnant Kontakt und seine Recherchen haben ergeben, dass beide Familien trotz unterschiedlicher Schreibweise gemeinsame Vorfahren in der Region Witebsk in Weißrussland haben. Das ist eine erstaunliche Geschichte, schreibt der Generalkonsul in seiner E-Mail.

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